bedeckt München

Kliniken:17 500 Betten binnen 24 Stunden

Für besonders schwere Fälle, die Beatmung über einen Schlauch erfordern, sind in Deutschland noch mehr als 5600 Intensivbetten frei - Behandlung eines französischen Patienten in der Uniklinik Essen.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)
  • Eine Datenbank erfasst die Zahlen der Intensivbetten und der Covid-19-Patienten in deutschen Krankenhäusern. Im Moment speisen 975 Kliniken ihre Daten ein.
  • Insgesamt könnten dort etwa 17 500 Betten binnen 24 Stunden für die Behandlung von Corona-Patienten zur Verfügung stehen.
  • Die OECD hatte Deutschland in der Vergangenheit sogar für seine hohen Kapazitäten bei Intensivbetten gerügt. Dennoch darf sich Deutschland jetzt nach Ansicht von Experten bei der Krise nicht in Sicherheit wiegen.

Von Hannes Munzinger und Rainer Stadler

Deutschland ist gerade dabei, China in der weltweiten Statistik der Covid-19-Fälle zu überholen - bei aller Unsicherheit, was die aus Peking gemeldeten Zahlen angeht. Zur Erinnerung: Vor zwei Monaten bewegte sich dort das medizinische System am Rand des Abgrunds. In Wuhan, wo die Seuche ausgebrochen war, und in anderen Städten wurden binnen weniger Tage Notkrankenhäuser für Hunderte Patienten aus dem Boden gestampft. Die Bilder haben sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt, ebenso die apokalyptischen Aufnahmen aus Beatmungsstationen in Bergamo oder Notaufnahmen in Madrid.

Seit Wochen treibt Experten die Frage um, ob Deutschlands Kliniken der steigenden Zahl von Covid-19-Patienten gewachsen sind. Der Berliner Gesundheitsökonom Reinhard Busse äußerte sich zuversichtlich. Deutschland werde mit seinen Kapazitäten "gut hinkommen". Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), indes warnte vergangenes Wochenende vor italienischen Verhältnissen: "Wir können nicht ausschließen, dass wir hierzulande ebenfalls mehr Patienten als Beatmungsplätze haben."

Um jederzeit die Übersicht zu behalten, wie viele Intensivbetten tatsächlich zur Verfügung stehen, haben die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), das RKI und die Deutsche Krankenhausgesellschaft eine Datenbank erstellt. Sie soll möglichst lückenlos die Zahlen der Intensivbetten und der Covid-19-Patienten in deutschen Krankenhäusern erfassen. Im Moment speisen 975 Kliniken ihre Daten ein, darunter alle großen Häuser und Universitätsstandorte. Für ein vollständiges Bild fehlen noch etwa 200 kleinere Kliniken mit Intensivstationen, ihre Kapazitäten sollen in den kommenden Tagen hinzukommen.

Nach aktuellem Stand gibt es in diesen 975 Krankenhäusern 20 000 Intensivbetten. Etwa 9000 davon sind im Moment frei und können sofort zur Behandlung von Corona-Kranken genutzt werden. Das entspricht etwa 45 Prozent der Intensivbetten. Diese Zahl nannte auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor zwei Tagen in Düsseldorf. Er bezog sich auf die Zahlen aus der DIVI-Datenbank.

Die Kliniken werden auch befragt, wie viele Intensivbetten sie bei Bedarf zusätzlich innerhalb von 24 Stunden bereitstellen könnten. Das wären deutschlandweit derzeit etwa 8500. Insgesamt stünden damit etwa 17 500 Betten binnen 24 Stunden für die Behandlung von Corona-Patienten zur Verfügung. Die Kliniken haben zugesichert, dass für diese Betten die nötigen Fachkräfte ebenso vorhanden wären wie Schutzkleidung und Atemmasken.

Unterschieden wird zwischen Kapazitäten für Patienten mit geringem Betreuungsbedarf (low care), die also - wenn überhaupt - mit einer Gesichtsmaske oder Nasenbrille beatmet werden, und für schwere Fälle (high care). Sie müssen in der Regel invasiv beatmet werden, mit einem Tubus: Ein Kunststoffschlauch wird über den Rachen in die Luftröhre eingeführt. An diesen schweren Fällen entscheidet sich vor allem, ob das Gesundheitssystem eines Landes die Seuche unter Kontrolle bringt. In den 975 Kliniken aus der DIVI-Datenbank stehen für diese Patienten aktuell 5644 freie Intensivbetten zur Verfügung. Bei Bedarf könnten die Kliniken diese Zahl innerhalb von 24 Stunden um weitere 5238 Betten aufstocken. Laut Gesundheitsökonom Busse verbringen Patienten, die beatmet werden müssen, durchschnittlich eine Woche in der Intensivstation.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail oder Push-Nachricht

Alle Meldungen zur aktuellen Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso. In unserer Nachrichten-App (hier herunterladen) können Sie den Espresso oder Eilmeldungen auch als Push-Nachricht abonnieren.

Zudem bieten einige der größeren Krankenhäuser über ganz Deutschland verteilt mehrere Hunderte sogenannter ECMO-Plätze an. Es handelt sich um eine Art Lungenersatz außerhalb des Körpers, der das Blut mit Sauerstoff anreichert. Diese Intensivbetten sind Patienten mit akutem Lungenversagen vorbehalten, bei denen andere Therapien nicht anschlagen. Erfahrungen aus China und Italien haben aber gezeigt, dass sie zur Behandlung von Corona-Patienten selten benötigt werden.

Deutschland wurde bisher wiederholt für die hohe Zahl von Intensivbetten gerügt

In den 975 Kliniken aus der Datenbank werden momentan 2139 Patienten behandelt, knapp 1800 davon beatmet. Der Berliner Anästhesist Mario Menk, der am Aufbau der Datenbank beteiligt ist, sagt: "Im Moment herrscht in Deutschland kein Mangel an Intensivbetten." Das zeigen auch die Zahlen in den verschiedenen Bundesländern: Selbst in Bayern und Nordrhein-Westfalen, wo die Fallzahlen am höchsten sind, gibt es genügend Betten für schwerkranke Covid-19-Patienten.

Wie es scheint, profitiert Deutschland nun davon, dass die Kliniken seit Langem mehr Intensivbetten vorhalten als dies in anderen Ländern der Fall ist. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ermittelte, dass hierzulande 34 Intensivbetten je 100 000 Einwohner zur Verfügung stehen - etwa dreimal so viele wie in Italien, Spanien oder Frankreich. In der Vergangenheit wurde Deutschland für seine hohen Kapazitäten immer wieder gerügt. Organisationen wie die OECD oder die Bertelsmann-Stiftung tadelten die deutschen Kliniken mit Verweis auf das effizientere Ausland. Womöglich wird die Corona-Krise diese Sicht etwas ändern. Eine OECD-Funktionärin räumte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nun ein, dass gewisse "Überschusskapazitäten im System" von Vorteil seien.

Dennoch darf sich Deutschland nach Ansicht der Experten nicht in Sicherheit wiegen. Der Verlauf der Epidemie hänge "von vielen Faktoren ab", sagt der Berliner Anästhesist Menk. Es sei kaum möglich vorherzusagen, ob die Kapazitäten reichen. Linus Grabenhenrich, Epidemiologe am RKI, warnt, dass letztlich nicht Betten, Material oder Geräte ausschlaggebend sein werden, sondern die Ärzte und Pflegekräfte. Wie viele Helfer in den kommenden Tagen und Wochen eingesetzt werden können, lässt sich auch nicht mit der bundesweiten Datenbank des DIVI vorhersagen. Am Mittwochabend stellte in München eine Klinik ihren Betrieb ein, weil sich mehrere Patienten und Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert hatten. Ein mahnendes Beispiel, wie fragil das System in diesen Zeiten ist.

© SZ vom 03.04.2020
Zur SZ-Startseite
Coronavirus - Klinikum Schwerin

ExklusivGesundheitssystem
:Tausende Ärzte und Pflegekräfte mit Coronavirus infiziert

Laut Robert-Koch-Institut haben sich in Deutschland bereits 2300 Ärzte und Pfleger angesteckt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Die Folgen für Schwerkranke könnten dramatisch sein.

Von Dietrich Mittler, Martin Kaul, Antonius Kempmann, Reiko Pinkert und Nicolas Richter

Lesen Sie mehr zum Thema