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Landwirtschaft:Warum die Afrikanische Schweinepest so gefährlich ist

Schweinepest: Wildschweinkadaver notfalls per 112 melden

Wildschweine verbreiten die Afrikanische Schweinepest. Für Menschen ist die Krankheit ungefährlich - sie können sie aber übertragen.

(Foto: dpa-tmn)

Für Schweine bedeutet die Seuche einen grässlichen Tod, für Landwirte oft den Ruin. Es gibt jedoch Möglichkeiten, das Virus einzudämmen.

Von Michael Bauchmüller und Christina Berndt, Berlin/München

Schweinepest: Wildschweinkadaver notfalls per 112 melden

Wildschweine verbreiten die Afrikanische Schweinepest. Für Menschen ist die Krankheit ungefährlich - sie können sie aber übertragen.

(Foto: dpa-tmn)

An den 14. November kann sich Ursula Nonnemacher gut erinnern. Es war der Tag, an dem die Afrikanische Schweinepest die Grenze zu Deutschland erreichte, die polnische Woiwodschaft Lebus. Wenige Tage später wurde die Grünen-Politikerin Gesundheitsministerin in Brandenburg - gleich diesseits der Grenze. "Seitdem wussten wir, dass wir irgendwann einmal damit rechnen mussten."

Dieses Irgendwann ist jetzt: Auf ihrem Zug nach Westen hat die Afrikanische Schweinepest, kurz ASP, Brandenburg erreicht. 2007 war sie erstmals in Georgien aufgetreten, ins Land geschleppt womöglich über Essensabfälle eines Frachtschiffs. Von dort nahm sie ihren Weg, mal langsam, mal sprunghaft. Die Seuche breitete sich nach Russland aus, dann ins Baltikum. 2014 kam sie in Polen an, im November 2019 nahe der deutschen Grenze. Und im September 2020 bei Schenkendöbern, nicht weit von Guben. Ein Wildschwein ist dort an der ASP verendet. Es gibt hier einige Brücken zwischen Deutschland und Polen, die Neiße ist nicht breit. Wildschweine gelten als gute Schwimmer. Auch ein Hunderte Kilometer langer Zaun entlang der Grenze hielt die Seuche nicht auf.

Für den Menschen ist die Afrikanische Schweinepest nicht gefährlich, aber für die Tiere bedeutet sie in der Regel einen grässlichen Tod. Nach einer kurzen Inkubationszeit bekommen die Schweine Fieber, bewegen sich weniger und fressen kaum. Am Ende treten innere Blutungen auf, die als Verfärbungen auch äußerlich zu erkennen sind, die Tiere werden desorientiert und erleiden Krampfanfälle. Nur etwa zehn Prozent der Tiere überleben die Infektion. Anstecken können sich aber nur Schweine und manche afrikanischen Zecken.

"Der Mensch ist der wichtigste Faktor für die Verschleppung über große Distanzen"

Den Menschen bedroht die Schweinepest lediglich wirtschaftlich. Denn Bestände, die von der Krankheit erfasst werden, müssen zum Seuchenschutz getötet werden. Das Fleisch ist unverkäuflich, da sich der Erreger auch über Tierprodukte weiterverbreiten kann. Manche Fleischwaren können monatelang infektiös bleiben - weswegen auch Wurstbrote von Fernfahren die Krankheit weitertragen können.

In Polen, wo die Afrikanische Schweinepest schon seit 2014 auftritt, gelangt der Erreger immer wieder auch in Hausschweinbestände. Wie genau das passiert, bleibt oft unklar, sagt Elke Reinking, Pressesprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts, das Nationales Referenzzentrum für die Afrikanische Schweinepest ist. "Der Mensch ist jedenfalls der wichtigste Faktor für die Verschleppung über große Distanzen", sagt Reinking. So können Erreger über kontaminierte Gummistiefel oder Futtermittel mitgenommen werden. Jäger und Landwirte haben deshalb schon seit Langem gefordert, die Wildschweinpopulation in Deutschland auszudünnen. Wo sich weniger Tiere treffen, ist die Infektionsgefahr nun einmal geringer. Doch der Bestand an Wildschweinen wächst und wächst. Anders als früher können die Sauen heute rund um das Jahr Junge bekommen, zudem werden die nachwachsenden Sauen früher geschlechtsreif. Noch dazu sind die Winter mild.

In Brandenburg hat Ursula Nonnemacher, nun zuständige Ministerin, trotzdem erst einmal einen Jagdstopp angeordnet. Denn Jäger könnten die Wildschweine aufscheuchen, und so zur Verbreitung der Seuche beitragen. Auch der Mais muss stehen bleiben - dort hält sich das Schwarzwild gerne auf. Um die Fundstelle herum entsteht im Umkreis von mindestens 15 Kilometern eine "Restriktionszone". Einige Schweinemastbetriebe sind hier, ihre Tiere dürfen die Zone nicht mehr verlassen. Stattdessen wird dort nun fieberhaft nach Fallwild gesucht: nach Wildschweinen, die am Virus gestorben sind. Ihre Kadaver verbreiten die Krankheit, weil andere Wildschweine an ihnen knabbern. Auch Zäune könnten in und um die Zone entstehen.

In Belgien und Tschechien gelang es, die Ausbreitung der Seuche zu stoppen

Für Schweinemastbetriebe gelten schon länger verschärfte Maßnahmen zur Biosicherheit - auch zum Schutz vor anderen Seuchen wie der seit vielen Jahren in Europa heimischen Klassischen Schweinepest. Sie hat mit der Afrikanischen Schweinepest nichts zu tun, auch wenn der Name der gleiche ist und die Tiere auf ähnliche Art sterben. Doch die Erreger sind sehr unterschiedlich: Die afrikanische Variante wird von einem Vertreter der großen und komplexen Asfiviren verursacht, die europäische Variante dagegen von einem Pestivirus. Zudem gibt es gegen die Klassische Schweinepest einen Impfstoff, der allerdings in Deutschland derzeit nicht angewendet wird. Vielmehr wird versucht, die Seuche durch Hygienemaßnahmen abzuwenden. "Wir raten Schweinehaltern, die Maßnahmen in ihren Betrieben jetzt noch einmal zu überprüfen", sagt Reinking.

In Belgien und Tschechien war es gelungen, die Ausbreitung der Seuche zu stoppen - durch jene Maßnahmen, die nun auch in Deutschland wirken sollen: die Eingrenzung des Seuchenherdes. Dies ist auch aus wirtschaftlichen Gründen wichtig. Regionen, die nicht von der Seuche betroffen sind, dürfen weiter in die EU Schweine exportieren. So will es das "Regionalisierungsprinzip". Die Bundesregierung würde so auch gern mit Drittstaaten außerhalb der EU verfahren. Gespräche dazu laufen, allerdings bisher ergebnislos. Vor allem in China, selbst ASP-gebeutelt und deshalb fleißiger Importeur deutschen Schweinefleischs, droht ein Importstopp. Sie warne nun vor "Schnellschüssen", sagt Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU): "Es ist ein Wildschwein in einem Landkreis gefunden worden." So wie im November vorigen Jahres, jenseits der Grenze.

© SZ vom 11.09.2020/cvei
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