Wirecard-Skandal:Marsalek-Vertrauter in Singapur verhaftet

Wirecard-Skandal: Er reiste gern im Privatjet, hier auf einem Schnappschuss 2015: der Brite Henry O'Sullivan.

Er reiste gern im Privatjet, hier auf einem Schnappschuss 2015: der Brite Henry O'Sullivan.

(Foto: privat/oH)

Er ist im Wirecard-Skandal eine mutmaßliche Schlüsselfigur: Henry O'Sullivan gilt als enger Vertrauter des untergetauchten Wirecard-Vorstands. Nun haben die Behörden in Südostasien zugegriffen.

Von Jan Diesteldorf, Christoph Giesen, Klaus Ott, Jörg Schmitt und Nils Wischmeyer

Hinter ihm sind die Staatsanwaltschaft München I und andere Behörden schon lange her: Henry O'Sullivan, 46 Jahre alt, britischer Geschäftsmann und Spezialist für heikle Transaktionen. Die Münchner Ermittler halten O'Sullivan für eine Schlüsselfigur im Fall Wirecard, sie führen ihn auf einer langen Liste mit mehr als 30 Beschuldigten an vorderer Stelle. Eingerahmt von anderen mutmaßlichen Komplizen des untergetauchten Wirecard-Vorstands Jan Marsalek.

Gegen O'Sullivan wird in München wegen Beihilfe zur Veruntreuung von Wirecard-Vermögen ermittelt. Er soll Marsalek und dessen mutmaßlicher Bande geholfen haben, hohe Millionenbeträge beiseitezuschaffen. Geld, mit dem der einstige Börsenliebling aus Aschheim bei München Geschäfte in Asien vorgetäuscht haben soll, die es nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft München I nie gab. Gegen Marsalek und andere wird unter anderem wegen Betrugsverdachts in Milliardenhöhe ermittelt.

In Singapur sitzt O'Sullivan jetzt bis auf Weiteres im Gefängnis. Die Polizei im Stadtstaat hat ihn am Montag festgenommen. Am Mittwoch wurde er dann per Video von einem Bezirksgericht angehört, wie die Tageszeitung The Straits Times berichtet. Demnach liegt bereits eine Anklage gegen O'Sullivan vor, sie lautet: Beihilfe zur Fälschung eines Dokuments.

Jahreswechsel

In Aschbeim bei München saß Wirecard. Die Spuren in dem Fall führen nach Asien.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

O'Sullivan soll die in Singapur ansässige Firma Citadelle 2016 angestiftet haben, eine Saldenbestätigung zu fälschen. Mit diesem Dokument wiederum sei Wirecard-Vermögen auf einem angeblichen Treuhandkonto vorgegaukelt worden, das gar nicht existiert habe - also im Kern jener Schwindel, mit dem Wirecard im Juni 2020 aufgeflogen war. Ob die in Deutschland und in Singapur erhobenen Vorwürfe gegen O'Sullivan zutreffen, bleibt abzuwarten. Verdachtsmomente können sich auch als falsch erweisen. Bis zu rechtskräftigen Verurteilungen gilt die Unschuldsvermutung.

Laut The Straits Times verlangte O'Sullivans Anwalt am Mittwoch in Singapur, seinen Mandanten gegen Kaution freizulassen. O'Sullivan habe die Behörden bei den Ermittlungen unterstützt. Die Entscheidung über eine Freilassung wurde auf den 8. September verschoben. Die SZ versuchte am Mittwoch vergeblich, O'Sullivans Anwalt für eine Stellungnahme zu erreichen.

Die Staatsanwaltschaft München I äußerte sich auf Anfrage nicht zur Verhaftung des Briten. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Münchner Behörde einen Auslieferungsantrag stellen wird. Sollte Singapur dem wegen eigener Ermittlungen nicht stattgeben, dann dürfte die Staatsanwaltschaft zumindest versuchen, O'Sullivan dort zu vernehmen.

Von einer möglichen Aussage hängt viel ab

Singapur gilt als einer der zentralen Orte bei dem mutmaßlichen Milliardenbetrug von Wirecard, einem der größten Wirtschaftsskandale in Deutschland. Aktionäre haben mehr als 20 Milliarden Euro, Banken und große Investoren mehr als drei Milliarden Euro verloren. Der größte Teil des Geldes ist für immer weg.

Nach Erkenntnissen der Ermittler haben Marsalek und dessen mutmaßliche Bande in Singapur über die dortige Firma Citadelle jahrelang ein Millionenvermögen auf Treuhandkonten vorgetäuscht. Gegen Citadelle-Chef R. S. läuft bereits ein Gerichtsverfahren in Singapur, er muss mit einer Gefängnisstrafe rechnen. Zuletzt waren bei Wirecard die angeblichen Treuhandkonten auf die Philippinnen verlagert worden, wo die Täuschung Mitte 2020 aufflog. Wirecard ging pleite, Marsalek tauchte unter, und der langjährige Konzernchef Markus Braun, der alle Vorwürfe zurückweist, kam in Untersuchungshaft.

Für die absehbare Anklage gegen Braun und andere Beschuldigte könnte von Bedeutung sein, ob sich O'Sullivan zum Fall Wirecard äußert. Oder ob er es als Beschuldigter vorzieht zu schweigen.

© SZ
Zur SZ-Startseite

SZ PlusWirecard
:Früher Phantom, heute im Gefängnis

Henry O'Sullivan kannte sich aus mit Pornoseiten und Glücksspiel. So soll er Wirecard-Manager Jan Marsalek kennengelernt haben. Nun sitzt O'Sullivan in Singapur in Haft. Was sich die deutschen Ermittler davon erhoffen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB