Wirecard:Die Schuld der Strafverfolger

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Wirecard: Wirecard-Prozess in München: Auf der Anklagebank wird auch Markus Braun sitzen, der langjährige Konzernchef und das Gesicht des Zahlungsdienstleisters.

Wirecard-Prozess in München: Auf der Anklagebank wird auch Markus Braun sitzen, der langjährige Konzernchef und das Gesicht des Zahlungsdienstleisters.

(Foto: Filip Singer/Getty Images)

Ein Glück, dass es überhaupt zu einem ersten Strafprozess in Sachen Wirecard kommt. Aber die Erwartungen an das Verfahren sind zu hoch. Und noch liegt in diesem Skandal zu vieles im Dunkeln.

Kommentar von Jan Diesteldorf

Auf den ersten Blick ist die jüngste Nachricht im Fall Wirecard eine gute: Endlich kommt er vor Gericht! Bald werden Termine feststehen für den ersten Strafprozess in diesem Betrugsskandal, bei dem sich Behörden und Prüfer blamiert haben, der Anleger und Banken Milliarden Euro gekostet und Deutschlands Ruf als Wirtschaftsstandort schwer beschädigt hat. Markus Braun wird auf der Anklagebank sitzen, der langjährige Konzernchef und das Gesicht des Zahlungsdienstleisters. Daneben Oliver Bellenhaus, Schlüsselfigur und Kronzeuge und nach eigener Aussage einer der Organisatoren des Schwindels. Und Stephan E., der frühere Leiter der Konzernbuchhaltung.

Die Dimensionen sind auch zwei Jahre nach der Wirecard-Pleite schwer zu begreifen, obwohl das Verfahren doch nur einen Ausschnitt davon zeigen wird, was wirklich passiert ist. 700 Aktenbände, 42 Terabyte Daten, Hunderte Personen und Firmen aus ungezählten Ländern, Ermittlungen von Deutschland bis nach Singapur, verdichtet auf 474 Seiten Anklageschrift. Alles soll eine große Lüge gewesen sein, der Aufstieg Wirecards zum Darling der Anleger, das schnelle Wachstum. Die spektakulären Umsätze und Gewinne: spätestens von 2015 an fingiert, geschönt, erfunden; 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten, die es nie gegeben haben soll. Gewerbsmäßiger Bandenbetrug über 3,1 Milliarden Euro: Selbst der VW-Abgasskandal kann da kaum mithalten.

Weil er so wichtig ist und weil die Wirecard-Pleite das ganze Land elektrisiert hat, wird der Prozess am Landgericht München I aufgeladen sein mit Erwartungen, die ein Strafverfahren nicht erfüllen kann. Die interessierte Öffentlichkeit mag endlich mehr darüber wissen wollen, was bei Wirecard in den vergangenen zwei Jahrzehnten wirklich geschah; Tausende getäuschte Aktionäre wollen endlich Antworten auf die vielen trotz Untersuchungsausschuss und intensiver Medienberichterstattung noch offenen Fragen.

Der Strafprozess ist aber lediglich dazu gedacht, nüchtern die individuelle strafrechtliche Verantwortung im Sinne der Anklage zu klären. Das muss diese Hauptverhandlung leisten. Für alles andere ist außerhalb des Gerichtssaals genug Raum. Eine Vorverurteilung darf es bei allen Indizien und aller Logik, nach der man Markus Braun für einen Schwerverbrecher halten kann, nicht geben. Er verwahrt sich gegen jeden der Tatvorwürfe und verdient ein genauso faires und offenes Verfahren wie jeder andere Angeklagte.

Dabei ist es ein Glück, dass es überhaupt zu diesem Prozess kommt. Das ist hartnäckigen Journalisten und Börsenprofis zu verdanken, die sich nicht einschüchtern ließen und so lange den Finger in die Wunde legten, bis der Schwindel nicht mehr zu leugnen und ein Scheinkonzern erledigt war.

Die Staatsanwaltschaft hatte frühzeitig Hinweise auf kriminelle Machenschaften. Aber sie legte erst richtig los, als der Konzern schon in Trümmern lag

Hier lohnt sich ein zweiter Blick auf die Nachricht von der zugelassenen Anklage - ein Blick zurück. Denn das Verfahren gegen Braun und die beiden anderen kommt zu spät. Es steht am Ende eines kollektiven Versagens, das sich nicht einmal im Ansatz wiederholen darf: Die Finanzaufsicht Bafin ließ Wirecard in Ruhe, zeigte grundlos Journalisten an und redete sich nach dem Zusammenbruch des Konzerns mit aufsichtsrechtlichen Winkelzügen heraus. Die Wirtschaftsprüfer machten Dienst nach Vorschrift und ließen sich hereinlegen wie naive Kinder. Die Staatsanwaltschaft hatte frühzeitig Hinweise auf kriminelle Machenschaften und spätestens seit Anfang 2019 eine Fülle von Material, das auf umfassende Fälschungen hindeutete. Aber sie legte erst richtig los, als der Konzern schon in Trümmern lag. Dass der frühere Vorstand und Hauptverdächtige Jan Marsalek fliehen konnte und auf absehbare Zeit nicht vor einem deutschen Gericht erscheinen muss: Das ist ein nicht mehr zu heilender Fehler der Staatsanwälte.

Während sich alle Augen auf den Prozess richten, dürfen die Ermittler gerade deshalb jetzt nicht nachlassen. In der Causa Wirecard gibt es noch viele dunkle Ecken: der Verbleib von Marsalek, Geheimdienst-Verbindungen, mysteriöse Konten und dubiose Zahlungsflüsse, Briefkasten- und Tarnfirmen, Wirecard als mutmaßliche Geldwaschanlage für Umsätze aus Internetbetrug, verbotenem Glücksspiel und anderen illegalen Geschäften. All diese Ecken restlos auszuleuchten, das sind die Strafverfolger den Betrugsopfern und der Öffentlichkeit schuldig.

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