Weltwirtschaftsforum 2023:Worum es in Davos wirklich geht

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Davos

Blick über das Städtchen Davos in Graubünden: Hier findet das Weltwirtschaftsforum statt.

(Foto: Arnd Wiegmann/Reuters)

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sollen die großen Krisen der Welt verhandelt werden. Aber es gibt viel Kritik an der Veranstaltung - und es geht auch ums Geld.

Von Caspar Busse und Isabel Pfaff

Schon seit Tagen wird in Davos eifrig gewerkelt. Auf der Promenade, der Hauptstraße des 12 000 Einwohner-Städtchens in den Bergen von Graubünden, werden die Geschäfte umgebaut. Hier schlagen Unternehmen und Organisationen temporär ihre Quartiere auf, um sich in Szene zu setzen. Das Konferenzzentrum in der Mitte des Orts ist bereits umfangreich gesichert und vorbereitet. Die großen Hotels rüsten sich.

An diesem Montagabend beginnt hier, auf 1560 Metern über dem Meer, das Weltwirtschaftsforum. Zum 53. Mal kommen Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch von Nichtregierungs- und internationalen Organisationen, zusammen, um, so das wenig bescheidene Motto von Forum-Gründer Klaus Schwab, den "Zustand der Welt zu verbessern".

Das letzte große Treffen in Davos fand im Januar 2020 statt, sehr kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Danach gab es nur virtuelle Treffen und eine kleinere Veranstaltung in Davos im vergangenen Mai. Die Organisatoren des World Economic Forums (kurz WEF) erwarten diesmal rund 2700 Teilnehmer, die zum Thema "Zusammenarbeit in einer zersplitterten Welt" diskutieren, darunter Bundeskanzler Olaf Scholz (als einziger Chef eines G7-Landes), EU-Kommission-Präsidentin Ursula von der Leyen, Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Insgesamt werden 50 Staats- und Regierungschefs erwartet, der ukrainische Präsident Selenskij wird per Video zugeschaltet. Vertreter aus Russland sind nicht eingeladen, aus China kommt nur eine kleine Delegation, angeführt vom stellvertretenden chinesischen Ministerpräsidenten Liu He. Für die Sicherheit, insbesondere die der Staatsgäste, ist die Schweizer Polizei zuständig. Tausende Einsatzkräfte und Armeeangehörige sichern Davos in dieser Zeit.

Noch nie habe es so viele Krisen gleichzeitig gegeben, sagt WEF-Gründer Schwab vorab. In der vergangenen Woche erst entwarf ein Risikobericht im Auftrag des Weltwirtschaftsforums ein düsteres Bild. Die Kluft zwischen reichen und armen Ländern könnte wachsen, es sei "der erste Rückschritt in der Menschheitsentwicklung seit Jahrzehnten" zu befürchten. Gewarnt wird vor Wirtschaftskriegen, vor der grassierenden Inflation, sozialen Unruhen, geowirtschaftlichen Konfrontationen und der Gefahr eines Atomkriegs. Vor allem der brutale Krieg in der Ukraine wird das Treffen wohl beherrschen. Dazu wird Mitte der Woche der 99-jährige ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger sprechen, er will sich digital zuschalten lassen.

Henry Kissinger auf dem WEF 2013

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger bei einem Aufritt 2013 in Davos: In diesem Mai wird er 100 Jahre alt.

(Foto: Pascal Lauener/Reuters)

Unumstritten ist das Treffen in den Schweizer Bergen nicht. Es gibt immer wieder viel Kritik: elitär und abgehoben, zu exklusiv und allzu wirtschaftsnah, eine Veranstaltung, bei der die Top-Leute unter sich bleiben. Gleichzeitig versucht Schwab seit Längerem, das Treffen zu öffnen, auch Kritiker und andere Organisationen dazuzuholen. In der Tat werden auch immer gesellschaftliche Themen diskutiert. Greenpeace kritisierte gerade die klimaschädlichen Privatflüge vieler Teilnehmer nach Davos als "ignorant und rücksichtslos". Oxfam macht auf die Ungleichverteilung auf der Welt aufmerksam.

Die Kritiker haben sich zu einer Protestwanderung aufgemacht

Als eine Art Gegenentwurf haben sich am Samstag ein paar Hundert WEF-Kritikerinnen und -kritiker zu Fuß auf den Weg zur umstrittenen Tagung gemacht. Ihre Protestwanderung, die dieses Jahr zum dritten Mal stattfand, begann in Küblis und endete am Sonntagnachmittag in Davos; sie richtete sich "gegen Kapitalismus, gegen die Klimakrise und gegen die steigende Ungerechtigkeit in der Welt". Dem "Strike WEF"-Kollektiv zufolge wanderten dieses Jahr rund 300 Leute mit. 2020, beflügelt von den weltweiten Klimaprotesten, waren noch 600 Wanderer nach Graubünden gekommen.

Man kämpfe für die Abschaffung des exklusiven Treffens, sagt Gian Wacker, ein Sprecher der Aktivisten, aber nicht ersatzlos: "Wir brauchen ein neues Forum, das offen und zugänglich für alle ist." Die Protestwanderer solidarisieren sich zudem mit den Besetzerinnen und Besetzern in Lützerath. Sie prangern den Energiekonzern RWE an, der ein Partner des Weltwirtschaftsforums ist. "RWE präsentiert sich hier in Davos als Konzern, der die Energiewende vorantreiben will, ist aber dabei, ein Dorf für die Braunkohleförderung wegzubaggern", so Wacker. "Das WEF ist ein super Deckmantel für das Greenwashing von solchen Konzernen."

WEF: Sicherheitskräfte in Davos

Sicherheitskräfte sind bereits in Davos unterwegs, sie sollen die Regierungschefs schützen.

(Foto: Arnd Wiegmann/Reuters)

Finanziert wird das Weltwirtschaftsforum von etwa 1000 Unternehmen, die als Sponsoren der Organisation auftreten. Es gibt 120 strategische Partner, darunter auch deutsche Konzerne, der jährliche Mindestbeitrag fängt bei etwa 600 000 Franken an. Normale Förderer zahlen etwa die Hälfte, daneben gibt es einfache Mitglieder, die mit deutlich weniger dabei sind. Die Sponsoren erhalten dafür Zugang zu den Treffen, teilweise auch Plätze in den Diskussionsforen sowie Informationen. Trotz der hohen Preise gab es immer eine Warteliste. Gesteuert wird alles von der WEF-Zentrale hoch über dem Genfer See. Beschäftigt werden mehrere Hundert Mitarbeiter. Veranstaltungen und Foren gibt es weltweit über das ganze Jahr verteilt. Das Forum ist als gemeinnützige Stiftung in der Schweiz anerkannt und genießt damit Steuervorteile. Angeblich werden nicht unbeträchtliche Gewinne erwirtschaftet, die wieder investiert werden.

Das Weltwirtschaftsforum ist also auch ein großes Geschäft. Die Hotels in Davos und Umgebung sind in dieser ansonsten eher mauen Januar-Woche ausgebucht - und sie nehmen ziemlich saftige Preise. Kleine Nebenräume für Meetings werden teuer vermietet, Ferienwohnungen kosten schon mal mehrere tausend Euro. "Die Preistreiberei ist eine Belastung", kritisierte Schwab schon vor Längerem. Passiert ist jedoch kaum etwas. Rund um die offiziellen Diskussionsforen und Veranstaltungen gibt es zudem eine ganze Reihe privater Treffen, Events und Partys, um Netzwerke zu pflegen. Manche errichten gar eigene Pavillons für die WEF-Woche.

Hat die Anziehungskraft der Veranstaltung nachgelassen? Das wird sich nun - nach der Zwangspause - zeigen. In früheren Jahren hatten etwa der damalige US-Präsident Donald Trump und auch Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping teilgenommen. Joe Biden ist diesmal, wie viele andere große Staatslenker, nicht dabei. Auch Tesla-Gründer und Twitter-Eigner Elon Musk wird nicht in der Schweiz sein. Seine Begründung, die er auf Twitter kundtat: "Because it sounded boring" - alles absolut langweilig.

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