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Abgasskandal:Was die Winterkorn-Klage für VW bedeutet

Martin Winterkorn auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt 2015 - damals noch als Vorstandsvorsitzender von Volkswagen.

(Foto: AFP)
  • Die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen den einstigen VW-Patriarchen Martin Winterkorn verändert nicht nur sein Leben grundlegend, sondern auch den Konzern.
  • Die Causa trübt den Auftritt von VW auf der Autoshow in Shanghai, Konzernchef Herbert Diess ist verärgert.
  • Käme es zu einem Prozess, was wahrscheinlich ist, säße VW mit Winterkorn auf der Anklagebank. Denn das Urteil könnte weitreichende Folgen haben für die zahlreichen Schadenersatzprozesse gegen den Konzern.

Als Martin Winterkorn ganz oben war, an der Spitze von Volkswagen und am Höhepunkt seiner gesellschaftlichen Anerkennung, da gefiel er sich in der Rolle des strengen Patriarchen. Winterkorn war laut, fast schon cholerisch, er blaffte seine Mitarbeiter in aller Öffentlichkeit an, weil er das für ein Zeichen von Stärke hielt. Jetzt ist Martin Winterkorn ein Mann, der sich auf einen Prozess einstellen muss. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben, dass es zu einem Verfahren kommt, ist mehr als wahrscheinlich. Das verändert das Leben von Martin Winterkorn grundlegend - aber es hat auch Konsequenzen für den Konzern, den er einst geleitet hat. Viele Konsequenzen.

Das ist zunächst der emotionale Aspekt: Als die Sache am Montagabend Ortszeit publik wird, feiert Volkswagen neue Automodelle. Es ist der Vorabend der Autoshow in Shanghai, eigentlich will der Konzern hier glänzen, aber dann macht der lange Schatten des Alten alles kaputt. Die Nachricht von Winterkorns Anklage ist das Thema des Abends. Die große Show? Nur noch ein Nebenaspekt. Es ist genau dieser Effekt, den sie auch am Tag nach dem großen Knall fürchten: Dass jetzt alle wieder nur über den Dieselbetrug sprechen. Der Konzernchef Herbert Diess sei verärgert, heißt es. Er treibt VW zu einem riesigen Umbruch hin zur Elektromobilität. Dreht den ganzen Laden auf links. Startet just am Montag auch noch mit Moia in Hamburg, diesem neuen Shuttledienst, der Volkswagens erster Schritt zu neuen Mobilitätskonzepten sein soll. Aber worüber reden alle? Über Winterkorn und über den Betrug.

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Einer sagt, man habe eben gehofft, dass man den schlimmsten Teil der Affäre schon überstanden hätte. Nun aber bekomme die Causa wieder eine neue Dimension. "Es mag ein Prozess gegen Winterkorn persönlich sein, aber natürlich nimmt die Öffentlichkeit das so wahr, dass hier jetzt VW vor Gericht steht", sagt einer.

Dabei müsste, aus rein strategischer Sicht, ein Prozess gegen den einstigen Chef für Volkswagen gar keine schlechte Sache sein, findet zumindest Klaus-Dieter Koch. Er leitet das Beratungsunternehmen Brandtrust in Nürnberg und er erwartet, dass VW nun versuchen werde, die Person Winterkorn und den VW-Konzern in der öffentlichen Wahrnehmung so stark wie möglich voneinander zu trennen. "Für das Image von Volkswagen ist es hilfreich, wenn Winterkorn so viel persönliche Verantwortung übernimmt oder zugeschrieben wird wie möglich", sagt Koch.

Bislang sei die Krisenkommunikation von Volkswagen desaströs: "Das schlimmste, was man im Fall eines Skandals tun kann, ist das Thema kaugummiartig in die Länge zu ziehen", sagt Koch. Dass das bei VW passiert sei, liege bestimmt an juristischen Überlegungen, jedes Schuldeingeständnis könne teuer werden. "Aber rein für das Image der Marke ist dieses scheibchenweise Eingestehen, dieses ewige Herumlavieren das Schlechteste, was man tun kann." Denn eigentlich sei Öffentlichkeit oft schnell zur Vergebung bereit, sagt Koch. Wer Fehler umfassend eingestehe, könne oft auf Nachsicht hoffen. Das gelte im übrigen nicht nur für den Konzern, sondern auch für Martin Winterkorn selbst: "Wenn sich jemand reuig zeigt, wandeln sich Antipathien oft sehr schnell in Sympathien um", sagt Koch.

Aber mit der öffentlichen Reue ist das eben auch so eine Sache. Juristisch könnten für Winterkorn auch andere Überlegungen sinnvoll erscheinen. Klar ist jedenfalls: Bei einem möglichen Prozess werden nicht nur vorne bei den Beschuldigten eine Menge Anwälte sitzen. Sondern auch hinten in den Publikumsrängen. Diverse Kanzleien werden Juristen schicken, die alles genau notieren, was dann vor Gericht gesprochen wird. Weil es für Bedeutung sein könnte für einen Musterprozess Tausender VW-Aktionäre, die beim Oberlandesgericht Braunschweig auf insgesamt rund neun Milliarden Euro Schadenersatz klagen. Sie machen Kursverluste ihrer Papiere infolge der Abgasaffäre geltend. Dazu kommen die vielen, vielen Schadenersatzprozesse von Autokäufern, die sich bei einem Winterkorn-Verfahren ebenfalls Hoffnung auf neue Erkenntnisse machen dürften, die ihnen bei ihren Klagen helfen könnten.

Formal wäre es im Falle einer Zulassung der Anklage also ein Winterkorn-Prozess, aber eigentlich säße auch immer VW mit auf der Anklagebank - weil das, was im Gericht gesagt würde, immer auch Folgen haben könnte für die zahlreichen Schadenersatzprozesse gegen den Konzern.

Die Staatsanwaltschaft spricht von mehr als neun Millionen manipulierten Dieselfahrzeugen

Julius Reiter, der zusammen mit dem früheren Bundesinnenminister Gerhart Baum eine Kanzlei betreibt und rund 9000 VW-Kunden in Deutschland vertritt, fordert VW schon mal auf, doch endlich einzulenken und sich mit den nunmehr auch aus Sicht der Staatsanwaltschaft betrogenen Kunden zu einigen. Nicht nur in Deutschland, auch im übrigen Europa, wo Baum und Reiter über eine niederländische Stiftung Schadenersatz für mehr als 100 000 Autobesitzer erreichen wollen.

Von mehr als neun Millionen manipulierten Diesel-Fahrzeugen in den USA und Europa spricht die Staatsanwaltschaft. Das widerspricht allem, was Volkswagen in vielen Verfahren bei Gericht vorträgt. Und es macht deutlich, welche Wucht die Anklage gegen Winterkorn und vier weitere meist frühere VW-Beschäftigte hat. Die Ermittler schreiben, Volkswagen habe fast zehn Jahre lang Dieselfahrzeuge der Marken Audi, Skoda, Seat und eben VW verkauft, die "wahrheitswidrig" als besonders umweltfreundlich und schadstoffarm angepriesen worden seien. Die mehr als neun Millionen Fahrzeuge seien verbotenerweise zum Straßenverkehr zugelassen worden. Winterkorn selbst werden übrigens nur 65000 Fahrzeuge angelastet. Weil er von dem fast zehnjährigem Betrug erst spät erfahren habe.

VW argumentiert bisher, man habe in Europa nicht manipuliert. Sondern wie andere Autohersteller lediglich den Spielraum für Abgasmessungen genutzt, den die Politik geschaffen habe. Einen anderslautenden Bescheid des Kraftfahrtbundesamtes von Oktober 2015 habe man nur hingenommen, um den Streit nicht auf die Spitze zu treiben, so VW sinngemäß. Nun aber spricht die Staatsanwaltschaft von Betrug und spielt damit den Autokäufern eigentlich auch in die Hände.

VW: "Dem Kunden ist kein Schaden entstanden"

Doch Volkswagen bleibt hart und beruft sich auf einen weiteren Einwand, der stets bei Gericht vorgetragen wird: Mit einem Software-Update habe man inzwischen ja fast alle Fahrzeuge wieder in Ordnung gebracht und für bessere Abgaswerte gesorgt. "Den Kunden ist kein Schaden entstanden, da alle Autos im Verkehr genutzt werden können und sicher sind. Nach wie vor werden sie von hunderttausenden Kunden täglich gefahren. Die Fahrzeuge können auch weiterhin verkauft werden. Alle erforderlichen Genehmigungen liegen vor", erklärte der Konzern am Dienstag. Für Kunden-Klagen gebe es "keine Rechtsgrundlage".

Selbst wenn das Landgericht Braunschweig in einem Winterkorn-Strafprozess einen Betrug feststellen würde und die Zivilgerichte dem folgen würden, gäbe es aus Sicht von VW immer noch keinen Anlass für einen Schadenersatz. Vergleiche kommen für den Konzern nicht in Frage. Alles wird ausgestritten, bis zum Bundesgerichtshof. Dort dürfte in etlichen Jahren auch jenes Musterverfahren der klagenden Aktionäre enden. Der Aktienkurs von VW war nach der Enthüllung der Manipulationen im September 2015 durch die US-Umweltbehörde EPA abgestürzt.

VW sagt, grob zusammengefasst, der für die Information der Börse verantwortliche Konzernvorstand habe nichts von den Manipulationen gewusst. Also habe man die Aktionäre gar nicht unterrichten und warnen können. Die Staatsanwaltschaft sagt, Winterkorn habe in den letzten knapp 16 Monaten vor Enthüllung des Abgasbetrugs Bescheid gewusst - was Winterkorn bestreitet. Und das Oberlandesgericht (OLG) Braunschweig wiederum, wo die Aktionärsklage verhandelt wird, stellt nicht nur auf den Konzernvorstand ab, sondern sinngemäß auf den "erweiterten Führungskreis". Und da wiederum sagt die Staatsanwaltschaft, ein weiterer, direkt unterhalb des Konzernvorstandes angesiedelter Top-Manager und Winterkorn-Vertrauter sei jahrelang im Bilde gewesen. Darauf werden sich die klagenden Aktionäre beim OLG berufen. VW wird notfalls vor dem Bundesgerichtshof vortragen, es komme immer nur auf das Wissen des Vorstands an. Was der wann gewusst hat, das wird die zentrale Frage sein im sich abzeichnenden Prozess gegen Martin Winterkorn, den einst so stolzen Patriarchen.

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