Abgasskandal Wie VW-Chef Diess gute Miene zur Anklage macht

Volkswagen-Chef Herbert Diess muss sich bei seiner China-Tour (hier bei einem Auftritt am Wochenende in Peking) mit unangenehmen Neuigkeiten aus Deutschland befassen - umschifft sie aber.

(Foto: REUTERS)
  • Mit Martin Winterkorn ist der Vor-Vorgänger von VW-Chef Herbert Diess angeklagt. Das kann auch dem Konzern heftig schaden.
  • Diess geht vor dem Start der Automesse in Schanghai nicht auf die Anklage ein - und spricht von der "Erfolgsgeschichte" des Konzerns und über Umweltschutz.
Von Max Hägler, Shanghai

Vielleicht ist Herbert Diess nicht ganz so gut gelaunt wie sonst. Aber das kann auch täuschen. Eigentlich ist der Chef von Volkswagen in den Minuten nach der Nachricht von der Anklageerhebung nicht anzumerken, dass sein Vorvorgänger im Vorstand, Martin Winterkorn, gerade sehr heftig in Bedrängnis gekommen ist - und der Konzern einmal mehr mit dazu. Erst flimmert ein kleiner Film, unterstützt von dumpfen Bässen, über den Riesenbildschirm hinter ihm. Dann schreitet Diess auf die Bühne, erzählt, was wohl jeder hier weiß, aber was zu wiederholen sicher nicht schadet: dass China von immenser Bedeutung ist für Volkswagen. Es ist der Vorabend der Autoshow von Shanghai, Chinas großer Automesse.

Eigentlich wollen Diess und seine Kollegen an diesem Montag feiern, dass der Autobauer seit 35 Jahren hier Autos verkauft, mittlerweile sogar der größte ist im Land. Und Diess zieht es durch. Diesel wird nicht erwähnt, erst recht nicht der Skandal, auch nicht an diesem Tag. Stattdessen redet er von einer "Erfolgsgeschichte", natürlich. Er zeigt sich begeistert, dass China so stark ist bei der Elektromobilität, dass der Staat das so forciert und die Kunden (angeblich) so mitziehen.

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Hier in China bei der Autoshow wollte Diess Rückenwind gewinnen für seine gewaltige E-Auto-Kampagne, die er vor einigen Monaten begonnen hat. Sie soll Europas größtem Autobauer große Zukunftschancen eröffnen - und dazu beitragen, dass das Alte endlich verschwindet: der leidige Dieselskandal. Dieser Betrug, der so groß und so teuer ist, dass er den Konzern mit seinen 630 000 Mitarbeitern seit Jahren deutlich in Mitleidenschaft gezogen hat. Von CO₂ redet Diess, von der Pflicht zu nachhaltigem Handeln, von der Klimaerwärmung, die man aufhalten müsse. Vom "guten Momentum für die Zukunft". Das zu erwischen, dürfte jetzt, nach diesem Tag, wohl etwas schwieriger geworden sein.

Die Affäre dürfte den Volkswagen-Konzern noch auf Jahre beschäftigen

Allerdings sei die Anklage gegen Winterkorn auch erwartbar gewesen, das sagen seine Kollegen aus dem Top-Management, die hinter der Bühne stehen und auch vorhin per Handy von der Nachricht erfahren haben. Man habe das, scherzen ein paar, ja erst zur Hauptversammlung erwartet. Die deutsche Autobranche sei es mittlerweile gewohnt, dass Staatsanwälte und Ermittler sich immer Momente der größtmöglichen Aufmerksamkeit aussuchen. Während der Autoshow in Detroit im Januar 2017 nahm die US-Justiz den Manager Oliver S. fest, sie warfen ihm eine Verwicklung in die Abgasmanipulationen vor. Am Tag der Jahresbilanz von Audi durchsuchten Beamte das Hauptquartier in Ingolstadt wegen Ermittlungen in Sachen Diesel. Und jetzt eben die Party zur Autoshow. Aber das kann einfach auch nur die Sicht der Automanager sein, die sich zu Unrecht verfolgt sehen.

Nach der Show ist Interviewzeit in Shanghai, jetzt ist Diess warm, schmunzelt wie meist. Seine Leute sagen noch, dass er nichts sagen wird zur Anklage. Aber ein paar Sätze sind ihm dann doch zu entlocken. Dass Volkswagen ja Fortschritte gemacht habe bei der Bewältigung des Betrugs, wobei er natürlich nicht Betrug sagt. Und das die Sache noch nicht vorüber sei. Ja, wohl noch "eine Sache von Jahren" sei. Das stimmt wohl.

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