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Verteilung von Nahrungsmitteln:Hauptsache billig

Für diese Entwicklungen sind die Wohlstandsnationen mitverantwortlich. Die Globalisierung, die auch den Lebensmittelsektor fest im Griff hat, wirft lange Schatten, vor allem in den Regionen der Erde, in denen es nicht viel zu verteilen gibt. Zugeben mag das in der westlichen Welt kaum jemand. Denn das käme einem Schuldgeständnis gleich. Industrieländer und Organisationen wie die Weltbank werden nicht müde, die Vorzüge der Globalisierung zu preisen.

Die einen sollen das produzieren, was die anderen brauchen. Getreide aus Europa und Amerika im Tausch gegen Luxusgüter wie Kaffee, Kakao oder Tropenfrüchte aus Entwicklungsländern. Die weltweite Arbeitsteilung schaffe Synergieeffekte, senke die Kosten. Der Abbau von Handelsschranken erleichtere den Warenaustausch und schaffe Wohlstand, heißt es. Und wir haben uns längst daran gewöhnt, Äpfel aus Chile, Steaks aus Argentinien, tropische Früchte aus Vietnam zu kaufen, zu jeder Jahreszeit und meist auch noch für einen Spottpreis. Grenzenloser Konsum, der kaum hinterfragt wird, Hauptsache billig.

Das für den reich gedeckten Tisch hierzulande anderenorts Wälder gerodet, Menschen von ihrem Land vertrieben, Böden und Grundwasser vergiftet und Arbeitskräfte mit Hungerlöhnen ausgebeutet werden, wollen wir lieber nicht so genau wissen. Doch es gibt sie, die Verlierer der Globalisierung, und die Reichen dieser Welt haben sie dazu gemacht.

Rosen statt Getreide

Zurück zum Beispiel Kenia: Während die Nahrungsmittelpreise für die Kenianer in den vergangenen Jahren stark stiegen, wuchsen die Löhne kaum mit. Dafür liefert das Land jetzt große Mengen Rosen in die ganze Welt. Herangezogen werden sie in riesigen Plantagen, mit Hilfe giftiger Pestizide und unter Arbeitsbedingungen, die manche Kritiker als moderne Sklaverei bezeichnen.

Doch wie ist es dazu gekommen? Vor 30 Jahren erzeugte Kenia noch genug Nahrungsmittel, dafür schob das Land einen Berg Schulden vor sich her. Der Internationale Währungsfonds und andere boten Kredite an, forderten dafür aber, dass das Land seine Agrarmärkte öffnet und Beihilfen für seine Bauern streicht. So kamen die Rosen ins Spiel. Große Plantagen sollten Kenia helfen, seine Schulden bei internationalen Geldgebern abzutragen. Doch seit den achtziger Jahren ist Kenias Schuldenberg um das Dreifache gewachsen. Die Blumen haben Kenia die Globalisierung gebracht, aber nicht mehr Wohlstand. Dafür können wir nun im Supermarkt um die Ecke mitten im Winter ein Bündel Rosen ab drei Euro erstehen.

Beispiele wie diese gibt es unzählige, auch auf anderen Kontinenten. Viele Entwicklungsländer sind gefangen im Schuldenkreislauf der Globalisierung. Und die nächste Welle rollt bereits. Finanzinvestoren stürzen sich auf Agrarrohstoffe, schließen Wetten auf Mais, Weizen oder Zucker ab - und verschärfen so das Auf und Ab der Notierungen. In den Entwicklungsländern sichern sich internationale Anleger billiges Ackerland. Auch dies geschieht mit freundlicher Unterstützung von IWF und Weltbank. Die Regierungen seien nicht in der Lage, ihre Landwirtschaft selbst zu stärken, argumentieren sie. Deshalb sei die Hilfe von internationalen Anlegern und Agrokonzernen notwendig.

Vor allem die reichen Länder profitieren

Grund und Boden wird zu Schleuderpreisen verpachtet, über Zeiträume von bis zu hundert Jahren. Der übliche Kurs in Ländern wie Kenia, Mosambik oder Sambia liegt bei einem Dollar pro Hektar und Jahr. Die Menschen, vor allem Kleinbauern, die vorher auf diesem Land gelebt haben, werden meist vertrieben, ohne Entschädigung. Bürgerrechtler sprechen von Landraub. Auf den so eroberten Äckern lassen die neuen Eigner Gemüse, Obst oder Palmöl für den Weltmarkt produzieren. Betroffene Entwicklungsländer müssen in der Folge noch mehr Grundnahrungsmittel importieren.

Hinzu kommt, dass sie ihren internationalen Geschäftspartnern nicht gewachsen sind. Um Investoren in Schach zu halten, fehlt häufig die Rechtsgrundlage, und die Landnehmer haben bereits ein neues Mittel ersonnen, um ihre finanziellen Interessen zu zementieren. Mit Hilfe von Investitionsschutzabkommen erheben sie Anspruch auf millionenschwere Entschädigungen, sollten Entwicklungsländer ihre Verträge nicht erfüllen. Ein fatales Druckmittel, das beim Handelsabkommen zwischen den USA und der EU (TTIP), ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

Wetten auf Nahrungsmittel gelten im globalen Casino der Finanzmärkte als sichere Bank. Die Weltbevölkerung wächst, und die Lebensmittelproduktion kann kaum noch schritthalten. Das treibt die Preise nach oben. Deshalb fließt immer mehr Kapital unkontrolliert in den Agrarsektor. Dabei zeigt sich immer deutlicher: die Heilsversprechen der Globalisierung sind trügerisch. Es sind vor allem die reichen Länder, die profitieren.

Tragische Rekorde

Wenn ein Kilo Bananen in einem deutschen Supermarkt 70 Cent kostet, zahlt irgendwo jemand drauf. Solche Preise lassen sich nur erzielen, wenn etwa ein Plantagenbesitzer in Ecuador Niedriglöhne zahlt und keine Sozial- und Umweltstandards einhält. Aufrütteln lassen wir uns durch diese Missstände meist erst dann, wenn es Tote gibt, wie in den Textilfabriken Bangladeschs.

Die Globalisierung schafft gefährliche Abhängigkeiten für benachteiligte Länder. Unmittelbare und drastische Folge sind steigende Lebensmittelpreise. Damit Nahrung fair verteilt wird und bezahlbar bleibt, ist eine grundlegende Kurskorrektur notwendig. Zwar sind sich die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) einig, dass der Kampf gegen Hunger Vorrang haben muss. 2010 versprachen sie, Spekulationen mit Nahrungsmitteln einzudämmen. Geschehen ist seitdem so gut wie nichts.

Auch an der fragwürdigen Entwicklungshilfepolitik von IWF und Weltbank hat sich kaum etwas geändert. Dabei ist die nächste Hungerkrise nur eine Frage der Zeit. Vor mehr als 50 Jahren starben bei der wohl größten Katastrophe der Geschichte in China 15 bis 43 Millionen Menschen. Doch Rekorde wie dieser schaffen es nicht ins Guinness Buch. Sie sind nicht kurios und schon gar nicht unterhaltsam, sondern einfach nur tragisch.