Gehältergerechtigkeit:Lohnlücke mal anders

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Gehältergerechtigkeit: Frauen sind oft besser in der Schule und auf der Uni als ihre männlichen Kollegen - trotzdem schlägt sich das meist nicht im Gehalt nieder.

Frauen sind oft besser in der Schule und auf der Uni als ihre männlichen Kollegen - trotzdem schlägt sich das meist nicht im Gehalt nieder.

(Foto: Uwe Umstätter/imago images/Westend61)

In einigen US-Regionen verdienen Frauen tatsächlich mehr als Männer. Woran das liegt - und warum es keine ausnahmslos gute Nachricht ist.

Von Claus Hulverscheidt, Berlin

Wenn Frauen und Männer die gleiche Arbeit verrichten, heißt das noch lange nicht, dass sie auch gleich entlohnt werden: Diese Erfahrung haben weltweit schon so viele Millionen Arbeitnehmerinnen gemacht, dass sie längst zum Allgemeinplatz geworden ist. Auch die jüngste Studie des US-Analyse- und Meinungsforschungsinstituts Pew Research, die sich mit den Verdiensten von Frauen und Männern unter 30 Jahren auseinandersetzt, kommt alles in allem zu keinem anderen Ergebnis - und lässt dennoch aufhorchen: In 16 der insgesamt 250 US-Ballungszentren, die sich die Experten genauer angesehen haben, nämlich gibt es in der Tat eine Lohnlücke, aber nicht etwa zulasten, sondern im Gegenteil zugunsten junger Frauen.

Am deutlichsten ist der Unterschied der Untersuchung zufolge in der Region Wenatchee im nordwestlichsten Bundesstaat Washington, wo weibliche Vollzeitbeschäftigte unter 30 im Mittel 120 Prozent dessen verdienen, was ihre männlichen Kollegen nach Hause bringen. Im Raum Morgantown in West Virgina sind es 114, in der Gegend rund um Naples an der Golfküste Floridas 108 Prozent. Mit dem Großraum New York und der Hauptstadt Washington D. C. gibt es auch zwei echte Metropolen, in denen junge Frauen höhere Gehälter erzielen als Männer - in beiden Fällen ist der Vorsprung zwar knapp, mit 102 Prozent aber noch messbar. In Los Angeles und fünf weiteren Ballungszentren verdienen beide Geschlechter im Mittel exakt das Gleiche.

Woran liegt es nun, dass die Situation in diesen speziellen Fällen so viel besser ist als allgemein üblich? Richard Fry, der Autor der Studie, vermutet, dass das Phänomen gleich mehrere Ursachen hat. Die wichtigste ist wohl, dass Frauen im Schnitt schlicht besser ausgebildet sind: Sie stellen fast 60 Prozent der Studentenschaft in den USA und schließen die Universität häufiger sowie mit besseren Noten und akademischen Graden ab als ihre männlichen Kommilitonen. Deshalb haben sie in Regionen, in denen es überdurchschnittlich viele Jobs gibt, die einen Hochschulabschluss erfordern, einen Startvorteil - zum Beispiel in New York und Washington, wo weit mehr Juristen, Ökonomen, Betriebswirte und sonstige Akademiker arbeiten als in vielen anderen Landesteilen.

Im landesweiten Schnitt kommen junge Frauen auf 93 Prozent der Männergehälter

Allerdings - und damit wäre man schon wieder beim betrüblichen Teil der Lagebeschreibung: In den übrigen 228 Regionen, die sich Fry angeschaut hat, verdienen auch Frauen unter 30 weniger als gleichaltrige Männer, im landesweiten Schnitt kommen sie auf gerade einmal 93 Prozent. Mancherorts sieht es dabei noch deutlich übler aus, etwa in Elkhart-Goshen, Indiana, Beaumont-Port Arthur, Texas, oder Odessa, Texas, wo Arbeitnehmerinnen nicht einmal 70 Prozent des Gehaltsniveaus ihrer männlichen Kollegen erreichen. Und vielleicht schlimmer noch: Auch in den 22 Ballungszentren mit guten Startvoraussetzungen verkehrt sich die Situation mit zunehmendem Alter der Frauen ins Gegenteil.

Schuld daran ist der, wie Wissenschaftler sagen, "Mutterschaftspreis", den Arbeitnehmerinnen zahlen, wenn sie sich fest an einen Partner binden, Kinder bekommen und zumindest zeitweise zu Hause bleiben. Während Männer in den Jahren nach der Heirat oft sogar eine Art "Ehe-Bonus" in Form einer Gehaltserhöhung erhielten, sei es bei ihren Partnerinnen genau umgekehrt, sagt Fry: "Diese Frauen erleiden einen Verdienstnachteil, wenn sie Kinder bekommen - und dieser Nachteil wird mit jedem weiteren Kind immer größer". Selbst aus einem Gehaltsvorsprung, so die Konsequenz, wird damit rasch ein Rückstand.

Immerhin: Da mit New York, Los Angeles und Washington einige der großen US-Ballungszentren zu den Ausnahmeregionen der Pew-Studie gehören, liegt der Anteil junger Frauen, die in Regionen mit höheren Frauengehältern wohnen, landesweit bei 16 Prozent. Für Fry und andere Experten endet an diesem Punkt die Arbeit. Die Frage, was getan werden kann, um nicht nur für einige wenige, sondern für wirklich alle Amerikanerinnen Gehältergerechtigkeit herzustellen, müssen jetzt Unternehmer, Manager und Politiker beantworten.

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