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Börsengang des Fahrdienstvermittlers:"Ihr denkt jetzt, dass ich diese kaltblütige Drecksau bin"

Es war die Chance, das Leben vieler Menschen zu verbessern, doch hätte Uber mit höheren Preisen und noch höheren Ausgaben überhaupt überlebt? Es gibt keinen zweiten Sieger im Winner-takes-it-all-Techniktal. Wer die Welt verändern will, der muss Regeln und bisweilen auch Gesetze brechen. Der darf keine Angst vor Klagen der Konkurrenz oder gewaltigen Verlusten haben. Der darf keine Rücksicht nehmen auf schlechte Bezahlung von Geschäftspartnern oder Massenentlassungen in der aufgerüttelten Branche. Der muss sich geniale Ideen auch mal, nun ja, von anderen borgen und sie weiterentwickeln. Im Kapitaldarwinismus des Silicon Valley überlebt nicht unbedingt der mit der genialsten Idee, sondern der, der sich am Ende durchsetzt. Mit welchen Mitteln auch immer.

All das führt zu der Frage, ob es den Silicon-Valley-Göttern mit ihren Einhörnern wirklich um die Verbesserung der Welt geht oder ob sie den Leuten diese Vision von einer besseren Welt vielleicht doch nur versprechen, um den Wert des Unternehmens und damit den persönlichen Reichtum beim Börsengang zu mehren?

Marc Andreessen - der König Midas unter den Silicon-Valley-Investoren

Die wohl treffendste Antwort liefert die Dokudrama-Serie "The Valley of the Boom" über die erste Dot-Com-Blase. Marc Andreessen ist damals ein visionärer Programmierer gewesen, Co-Autor des ersten Mainstream-Browsers Mosaic und als Mitgründer von Netscape der heldenhafte Rebell gegen das vermeintlich böse Microsoft-Imperium. Mittlerweile gilt er als König Midas unter den Silicon-Valley-Investoren, weil er bereits zahlreiche Einhörner vergoldet hat. Er ist Mentor von Zuckerberg und Zynga-Gründer Mark Pincus, über seine Firma Andreessen Horowitz hat er in Unternehmen wie Skype, Facebook, Twitter, Groupon, Airbnb, Pinterest, Slack und Lyft investiert.

In der Serie gibt es diese Szene, in der Netscape für 4,3 Milliarden Dollar an den verhassten Giganten AOL verkauft wird. "Ihr denkt jetzt, dass ich diese kaltblütige Drecksau bin, die sich nicht um das Ende seiner Firma schert", sagt die von John Karna wunderbar verkörperte Figur Marc Andreessen: "Vielleicht war dieser Browser das Einzige, das mir was bedeutet hat im Leben (...) Oder aber ich will nicht, dass jemand bemerkt, wie ich mich über den Verkauf freue. Ich segle da raus mit Hunderten von Millionen von Dollar."

Er blickt in die Kamera, so emotionslos und diabolisch, dass der Zuschauer weiß, dass es ihm völlig egal ist, was aus seinem Baby Netscape wird, aus der Rebellion gegen Microsoft und aus der Vorstellung von einer besseren Welt. Noch einmal, damit es keiner vergisst: Andreessen ist der Mentor zahlreicher Start-up-Gründer im Silicon Valley, deren Worte eine schönere Welt beschreiben, deren Taten aber oftmals das Gegenteil erreichen. Und sollte Uber tatsächlich das Beste sein, was das Silicon Valley zur Verbesserung der Welt zu bieten hat, dann sollte sich die Welt schleunigst nach einer neuen Brutstätte für Einhörner umsehen.

Die Silicon-Valley-Götter verändern die Welt, aber wie gesagt nur einen Teil davon. Daneben gibt es noch immer Kriege, Hunger und Epidemien. All die Einhörner, von Apple und Google über Facebook und Twitter bis hin zu Uber und Lyft, und all die König-Midas-Kapitalgeber wie Andreessen Horowitz, Benchmark oder Founders Fund haben das Wissen, die Erfahrung und die finanziellen Möglichkeiten, die Welt tatsächlich zu einem besseren Ort zu machen. Sie müssen nur mal wieder verrückt genug sein, wirklich daran zu glauben. Und es tatsächlich tun.

© SZ vom 11.05.2019/hgn
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