Trump in Davos Wie der Fuchs im Hühnerstall

US-Präsident Donald Trump vor dem Abflug nach Davos

(Foto: AP)
  • Manche Beobachter hoffen noch, dass der US-Präsident beim Weltwirtschaftsforum plötzlich für freien Handel wirbt.
  • Wahrscheinlicher ist, dass er seinen Gegnern ins Gesicht sagen will: Ich weiche keinen Schritt zurück!
  • Damit würde der Welt ein Handelskrieg drohen.
Von Thomas Fromm, Davos, und Claus Hulverscheidt, New York

Man kann wahrlich viel sagen über Donald Trump, aber dass er einer Auseinandersetzung aus dem Weg ginge, diesen Vorwurf muss sich der Poltergeist aus dem Weißen Haus nicht gefallen lassen. Seit Bill Clinton im Jahr 2000 hat kein amtierender US-Präsident mehr am Weltwirtschaftsforum in Davos teilgenommen. Trump hätte die Einladung von Veranstalter Klaus Schwab also getrost in den Papierkorb werfen können. Doch er wird an diesem Freitag vor den Teilnehmern sprechen - nicht obwohl niemand damit gerechnet hat, sondern weil niemand damit gerechnet hat.

Davos steht wie keine Konferenz der Welt für Globalisierung, Freihandel und offene Märkte. Für das Stelldichein einer globalen Elite, die darüber sinniert, wie sich wirtschaftliche Integration weiter beschleunigen lässt. Wie Grenzen überwunden, Mauern eingerissen und Zölle ein für allemal aus dem handelspolitischen Baukasten verbannt werden können. Kurzum: Es steht für alles, was Verfechter einer nationalistischen Wirtschaftspolitik hassen und ablehnen. Trumps mittlerweile geschasster Vordenker Stephen Bannon hatte es vor Jahren schon so auf den Punkt gebracht: "Die arbeitenden Männer und Frauen der Welt haben es schlicht satt, sich ihr Leben von Leuten vorschreiben zu lassen, die wir ,die Clique von Davos' nennen."

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Es gibt Kommentatoren in den USA, die Trumps Reiseentscheidung als Indiz dafür werten, dass die Ära Bannon endgültig vorbei ist und die weltoffeneren Kräfte im Weißen Haus um Wirtschaftsberater Gary Cohn den internen Richtungsstreit gewonnen haben. Doch vieles spricht dafür, dass das Gegenteil der Fall ist: Trump attackiert seine Gegner nicht mehr länger nur von Washington aus, er greift sie vielmehr direkt auf deren Heimatterrain an. "Er geht in die Höhle des Löwen und stellt dort seine alternative Weltsicht vor", sagte Michael Froman, einst Handelsbeauftragter von Präsident Barack Obama, dem US-Nachrichtenportal Vox. Oder, wie es die New York Times vielleicht noch treffender ausdrückte: Trump in Davos, da sei "der Fuchs im Hühnerstall der Globalisten".

Es gibt einige durchaus profane Dinge, die den Präsidenten in seinem Reiseentschluss bestärkt haben könnten. Trump ist gerne da, wo die Kameras sind - und die stehen dieser Tage ohne Zweifel in den Schweizer Alpen. Auch dürfte ihn gewurmt haben, dass sich Chinas Staatspräsident Xi Jinping 2017, nur wenige Wochen nach der US-Wahl, in Davos als Anführer der freien Wirtschaftswelt aufspielte. Doch nach den jüngsten Entscheidungen seiner Regierung, Strafzölle gegen chinesische Anbieter von Solarzellen, koreanische Waschmaschinenhersteller und spanische Oliven-Bauern zu verhängen, spricht einiges dafür, dass Trumps Teilnahme am Weltwirtschaftsforum Teil einer größer angelegten Strategie ist. Die Welt steht vor einem Handelskonflikt, vielleicht sogar einem Handelskrieg, und der Präsident will es seinen Gegnern ins Gesicht sagen: Ich ziehe das durch! Ich weiche keinen Schritt zurück! Glaubt nicht, ich ließe mit mir spaßen!

Handelskriege gebe es doch längst, sagt US-Wirtschaftsminister Ross

Dass Trump die Welt mit ganz anderen Augen sieht als die meisten Europäer und Asiaten, wird schon deutlich, bevor er überhaupt in der Schweiz gelandet ist. Am Mittwochmorgen haben US-Finanzminister Steven Mnuchin und Wirtschaftsminister Wilbur Ross in einen kleinen Konferenzraum des Davoser Kongresszentrums geladen, sie bilden gewissermaßen die Vorhut für den obersten Feldherrn. Handelskriege, sagt Ross, gebe es doch längst, sie würden Tag für Tag auf der ganzen Welt ausgetragen. Neu sei nur, dass jetzt "die US-Truppen am Wall" stünden. Das also ist der Dreh, den die Amerikaner der Geschichte geben wollen und die zu Trumps Dauergemäkel über seine angeblich so durchsetzungsschwachen Amtsvorgänger passt: Die USA werden schon seit Jahren von anderen attackiert - und setzen sich nun erstmals zur Wehr. Aus dem Angreifer im Handelskrieg wird so der Verteidiger.

Ross' Erklärung macht auch deutlich, warum Trump sein halbes Kabinett mitbringt. Sieben US-Minister werden in dem Skiörtchen erwartet, dazu fast ein Dutzend Behördenchefs und hohe Beamte, vom Handelsbeauftragten Robert Lighthizer über Wirtschaftsberater Cohn bis zu Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. Sie alle sollen die Botschaft vom Riesen, der sich die Dauerpiesackerei der Welt nicht länger gefallen lässt, bis in die hinterste Ecke des Kongresszentrums tragen. Den Vorwurf, die USA schotteten sich gegen internationale Konkurrenz ab, lassen Trumps Adlaten an sich abperlen: "Sich an die Regeln zu halten, ist nicht protektionistisch", sagt Ross. "Unangemessen" sei es vielmehr, sich als Freihandelsbefürworter aufzuspielen, daheim aber ausländische Unternehmen zu drangsalieren. Jeder im Saal weiß, wen Ross meint, auch wenn er Xi Jinping, den Star der Davoser Festspiele von 2017, nicht beim Namen nennt.

Was Trump am Freitag sagen wird? Sein Finanzminister winkt ab. Es wäre unangebracht, das schon zu verraten, sagt Mnuchin. "Aber gehen Sie davon aus, dass er bei dem bleibt, was er schon immer gesagt hat: Er kümmert sich um Amerika und die amerikanischen Arbeiter." Davos-Chef Schwab hofft dagegen immer noch auf eine "Überraschung" - auch wenn ihm beim Gedanken daran wohl selbst ein wenig mulmig wird: "Ich hoffe, es ist eine positive."

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