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Industrie:Stahlkonzerne testen klimaschonende Produktion

Thyssenkrupp - Hochofen

Ein Stahlarbeiter in Duisburg: Die hiesige Industrie leidet unter billigen Importen mit laschen Umweltauflagen.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)
  • Die Stahlbranche hat ein Problem: Sie muss Milliarden in Zukunftstechnologien investieren, um weniger CO2 auszustoßen. Aber ihr fehlt das Geld dafür.
  • Das Dilemma ruft die Politik auf den Plan.

Es ist Punkt zwölf, als in Duisburg "eingedüst" wird: So nennen das die Stahlwerker von Thyssenkrupp, wenn sie Kohlenstaub über lange Rohre in den Hochofen blasen. Der Staub bindet dort gemeinsam mit Kokskohle den Sauerstoff des Eisenerzes - übrig bleibt reines Eisen, das Thyssenkrupp zu allerlei Stahl und Blech verarbeitet. Doch strömt am Ende unweigerlich Kohlendioxid aus dem Schlot, das klimaschädliche Treibhausgas.

Dem Umweltbundesamt zufolge zeichnet die Eisen- und Stahlindustrie für sechs Prozent aller CO₂-Emissionen in Deutschland verantwortlich. Alleine die Hochöfen in Duisburg stehen für 2,5 Prozent. "Wir haben hier eine richtige Verantwortung", sagt Konzernvorstand Klaus Keysberg, "wir haben damit aber auch einen großen Hebel." Denn Thyssenkrupp will bis 2050 klimaneutral produzieren und dabei zu den Vorreitern der Branche zählen.

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Der Auftakt parkt am Montag auf dem Werksgelände: ein Tanklaster voll Wasserstoff, geliefert vom französischen Konzern Air Liquide. Dieses Gas pumpt Thyssenkrupp am Montagmittag erstmals in einen Hochofen. Denn wenn Wasserstoff statt Kohlenstaub mit dem Erz reagiert, strömt am Ende nur Wasserdampf aus dem Ofen. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen fördert den Feldversuch in Duisburg, auch die Bundesregierung hat das Projekt als eines ihrer "Reallabore der Energiewende" ernannt.

Dabei kann der Laster nur ein Anfang sein: Um höchstens ein Fünftel können die CO₂-Emissionen zurückgehen, wenn Wasserstoff den Kohlenstaub ersetzt, heißt es von Deutschlands größtem Stahlhersteller. Für komplett klimaneutralen Stahl braucht es hingegen ganz neue Öfen, die mit Wasserstoff, Eisenschwamm und Ökostrom arbeiten. Alleine Thyssenkrupp schätzt, dass die Umstellung bis 2050 etwa zehn Milliarden Euro kosten wird. "Diese Transformation wird kein Stahlhersteller aus dem eigenen Cashflow bezahlen können", sagt Manager Keysberg. Es ist wie ein Aufruf an die Politik.

Denn der Stahlindustrie mit ihren gut 80 000 Beschäftigten in Deutschland droht ein Teufelskreis: Eigentlich müsste die Branche Milliarden in Zukunftstechnologien investieren. Doch dafür verdient sie derzeit zu wenig Geld. Das hat mehrere Gründe, die sich wie ein Sturm zusammengebraut haben.

"Der Druck auf die Stahlindustrie ist immens"

Zum einen Überkapazitäten: Alle Stahlwerke dieser Welt könnten viel mehr produzieren, als von dem Werkstoff wirklich gebraucht wird. Vor allem in China sind viele neue Hüttenwerke entstanden. Zugleich möchte kaum ein Staat gerne auf eine heimische Stahlproduktion verzichten.

Dies hat Staaten wie die USA dazu bewegt, einen Zoll von 25 Prozent auf Stahlimporte zu erheben. Doch in der Folge landen noch mehr Einfuhren in Europa, auch wenn die EU vorübergehend Obergrenzen für Stahlimporte festgesetzt hat, um heimische Hersteller zu schützen. "Die Folgen der weltweiten Handelskonflikte sind für die Stahlunternehmen immer deutlicher zu spüren", sagt Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Und zu den indirekten Folgen zählt, dass in diesem Jahr weltweit weniger Autos hergestellt werden als im Vorjahr. Die Hüttenwerke spüren diese niedrigere Nachfrage, denn in jedem Auto stecken im Schnitt gut 100 Kilogramm Stahl.

Und schon jetzt werden CO₂-Emissionszertifikate in der EU immer teurer. Ein Verschmutzungsrecht kostet heute viermal so viel wie noch vor wenigen Jahren. Noch teilt die EU heimischen Stahlwerken viele Zertifikate kostenlos zu und entschädigt sie auch für steigende Strompreise, weil die Branche nun mal einem weltweiten Preiskampf ausgesetzt ist. Doch sollen die Konzerne von 2021 an mehr Geld für ihre Emissionen zahlen.

All das spiegelt sich in den Zahlen der Branche wider: Von Januar bis September wurde in Deutschland vier Prozent weniger Stahl hergestellt als im bereits schwachen Vorjahreszeitraum. Erste Stahlwerke in Europa schicken Beschäftigte in die Kurzarbeit. Pointiert gesagt müssen die Hersteller derzeit kämpfen, dass es sie 2050 überhaupt noch geben wird, wenn die EU Klimaneutralität verlangt.

Allmählich ruft das Dilemma die Politik auf den Plan. So haben sich die Ministerpräsidenten bei ihrer jüngsten Konferenz in Elmau mit der Lage der Branche befasst. Und in Deutschlands größtem Stahlland Nordrhein-Westfalen kamen am Montag Manager und Gewerkschafter, Wissenschaftler und Politiker zu einem sogenannten Stahltreffen zusammen.

"Der Druck auf die Stahlindustrie ist im Moment immens", sagt Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall in Nordrhein-Westfalen. Der Gewerkschafter sorgt sich davor, dass günstige Importe aus Staaten mit viel lascheren Umweltauflagen hiesigen Herstellern Investitionen erschweren. Entsprechend gut kommt bei Giesler die Idee von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an, einen sogenannten CO₂-Grenzausgleich einzuführen: Demnach sollen die Klimafolgen von importiertem Stahl in der EU genauso besteuert werden, wie hiesige Hersteller Verschmutzungsrechte kaufen müssen. "Es geht dabei nicht um die Abschottung eines Marktes, wie Trump das gemacht hat", sagt Giesler, sondern um fairen Wettbewerb.

Und Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart schlägt vor, dass die öffentliche Hand vor allem jene Stahlhersteller für höhere Strompreise kompensieren könnte, die nachweisen können, dass sie in klimafreundlichere Technologien investieren. "Wir müssen die Übergänge so organisieren, dass die Unternehmen diese Entwicklung auch tatsächlich mitgehen können", sagt der FDP-Politiker. Sowohl Pinkwart als auch Verbandspräsident Kerkhoff wollen sich auf EU-Ebene für die Branche starkmachen.

Thyssenkrupp ist nicht der einzige Hersteller, der für eine grünere Zukunft auf Wasserstoff setzt. So hat auch die österreichische Voestalpine am Montag eine Pilotanlage präsentiert, um Wasserstoff mithilfe von Ökostrom zu elektrolysieren. Die EU fördert das Gemeinschaftsprojekt mit Unternehmen wie Siemens oder Verbund. Wichtigste Voraussetzung sei jedoch, sagt Voestalpine-Chef Herbert Eibensteiner, "dass erneuerbare Energie in ausreichender Menge und zu wirtschaftlich darstellbaren Preisen zur Verfügung steht."

Dies ist auch bei Thyssenkrupp die Voraussetzung dafür, dass der neue Rohstoff im Hochofen tatsächlich das Klima schützen kann: Der Wasserstoff muss zuvor mit Grünstrom hergestellt werden. So kommt es, dass die Hersteller im Stahlzeitalter der Zukunft hoffen müssen, dass der Ökostromausbau in Deutschland wieder an Fahrt gewinnt. Ansonsten wäre die Branche auf importierten Wasserstoff aus Ländern mit viel Sonnenschein angewiesen.

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