San Francisco:Vollbremsung für die Robotaxi-Revolution

San Francisco: Ein Auto der Firma Cruise fährt ohne menschliche Hilfe und Fahrer auf den Straßen von San Francisco.

Ein Auto der Firma Cruise fährt ohne menschliche Hilfe und Fahrer auf den Straßen von San Francisco.

(Foto: Achille Abboud/Imago)

Nach einem schweren Unfall verbietet San Francisco der Firma Cruise, selbstfahrende Autos durch die Stadt zu schicken.

Von Simon Hurtz, Berlin

Der Unfallbericht lässt einen erschaudern. Zwei Fahrzeuge stehen nebeneinander an einer roten Ampel. Das Licht wird grün, beide Autos fahren an. Auf der anderen Seite der Kreuzung überquert eine Fußgängerin die Straße, sie ist offenbar bei Rot losgelaufen. Der dunkle Nissan auf der linken Spur trifft die Frau, sie stürzt und gerät unter das rechts fahrende Auto. Das Fahrzeug bremst scharf, bleibt stehen - aber fährt wieder an und schleift die Fußgängerin etwa sechs Meter mit sich.

Was am 2. Oktober um 21.29 Uhr in San Francisco geschah, ist kein gewöhnlicher Verkehrsunfall. Denn am Steuer des rechten Fahrzeugs saß kein Mensch. Ein Robotaxi überrollte die Frau. Es war der erste Unfall eines selbstfahrenden Autos der Firma Cruise, bei dem ein Mensch schwer verletzt wurde - und der vorerst letzte, zumindest in San Francisco. Die kalifornische Verkehrsbehörde DMV hat der General-Motors-Tochter verboten, fahrerlose Taxis durch die Stadt zu schicken. Ab sofort muss wieder ein Mensch am Steuer sitzen, der zur Not eingreifen kann.

Die Entscheidung bremst die Robotaxi-Revolution aus, die Cruise und Waymo von San Francisco aus starten wollten. Seit Mitte August dürfen beide Unternehmen mit ihren Robotaxis rund um die Uhr einen kostenpflichtigen Taxiservice anbieten. Die Erlaubnis der kalifornischen Regulierungsbehörde löste heftige Proteste in San Francisco aus. Politik, Polizei und Feuerwehr äußerten Sicherheitsbedenken. Auch städtische Verkehrsbetriebe, viele Einwohner und, natürlich, Taxifahrer wehrten sich.

Robotaxis wurden zum Feindbild

Es dauerte nur wenige Tage, bis sich die Skeptiker bestätigt fühlten. Cruise-Autos blockierten Straßen, blieben in frischem Beton stecken, übersahen Zebrastreifen und kollidierten mit Einsatzfahrzeugen. Die rot-weißen Fahrzeuge mit zwei markanten Kameras auf dem Dach wurden zum Feindbild. Seit Jahrzehnten predigen Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley, fast alle Probleme ließen sich mit Technik lösen. Viele Menschen empfinden das als Hybris, und nun gab es ein Symbol, an dem sich ihre Wut entladen konnte. Wer in den vergangenen Monaten in San Francisco unterwegs war, hörte viele Flüche und Hupkonzerte, wenn Autofahrer überzeugt waren, dass die Robotaxis beim Abbiegen zu lange brauchten.

Cruise selbst fühlt sich missverstanden. Das Unternehmen sagt, Einzelfälle seien aufgebauscht worden. Menschliche Fahrer verursachten viel mehr Unfälle als autonome Autos. Auch beim aktuellen Unfall gehen die Darstellungen weit auseinander. Die Verkehrsbehörde DMV wirft Cruise vor, einen Teil der Aufnahmen zurückgehalten zu haben, die die Kameras des Robotaxis gefilmt hatten. Das Video habe in dem Moment gestoppt, als das Cruise-Auto mit der Frau zusammenstieß und stehen blieb. Dass es danach wieder losfuhr und die Frau womöglich noch schlimmer verletzte, sei nicht zu sehen gewesen.

Waymo fährt weiter

Das Unternehmen behauptet, man habe den Behörden von Anfang an die vollständige Aufnahme gezeigt und mehrfach abgespielt. Das Robotaxi sei einige Meter weitergefahren, um die Straße zu räumen und einen möglichen Folgeunfall zu verhindern. Dieses Ausweichmanöver sei in Kalifornien für selbstfahrende Autos vorgeschrieben. Schuld sei ohnehin nicht das Robotaxi, sondern der menschliche Fahrer, der den Unfall verursachte. Er flüchtete, nachdem er die Fußgängerin angefahren hatte, die Ermittlungen waren bislang erfolglos.

Zumindest mit der letzten Aussage hat Cruise recht. Viele Menschen sind miserable Autofahrer. Sie rasen, setzen sich betrunken ans Steuer, überfahren rote Ampeln und übersehen Radfahrer beim Rechtsabbiegen - Fehler, die Robotaxis bislang nicht gemacht haben. Diese Argumente wird Cruise ins Spiel bringen, wenn es gegen die Entscheidung der DMV Berufung einlegt. In der Zwischenzeit wird Waymo versuchen, Cruise nicht als Feindbild abzulösen. Die Robotaxis der Google-Schwesterfirma kutschieren Fahrgäste seit Monaten weitgehend unfall- und skandalfrei durch die Stadt.

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