Robotaxis:Nicht so schnell!

Robotaxis: Nicht jeder in San Francisco ist davon begeistert, dass Robotaxis jetzt rund um die Uhr in der Stadt unterwegs sein dürfen.

Nicht jeder in San Francisco ist davon begeistert, dass Robotaxis jetzt rund um die Uhr in der Stadt unterwegs sein dürfen.

(Foto: Godofredo A. Vásquez/AP)

Robotaxis sollen erst San Francisco erobern und dann die ganze Welt, und das ist gut so. Maschinen fahren sicherer als Menschen. Und doch wäre es besser, die Technik etwas behutsamer einzuführen.

Kommentar von Jürgen Schmieder

Neulich, auf dem Weg nach Downtown Los Angeles; der Pilot des Fahrdienst-App-Autos ist verzückt: "Heilige Scheiße, ich bin noch nie in meinem Leben auf einem Highway gefahren - das wird ein Abenteuer!" Mal ganz abgesehen davon, dass man heutzutage das tut, wovor einen die Eltern gewarnt haben - zu völlig Fremden ins Auto zu steigen: Man vertraut sein Leben, das des Partners sowie des Kindes einem nachweislich Ahnungslosen an, und man kann nur hoffen, dass er nicht auch noch am Marihuana-Pen genuckelt hat, der in der Mittelkonsole liegt. Es geht alles gut, man unterhält sich prächtig und freut sich mit dem Chauffeur über sein erstes Highway-Abenteuer - fragt dann aber doch: Und das soll sicherer sein als Robotaxis?

Es wird wieder heftig debattiert über die Technologie, Autos von Maschinen lenken zu lassen; wie bei jeder Diskussion heutzutage gibt es zwei Lager, die einander unversöhnlich gegenüberstehen. Dabei liegen beide Lager falsch.

Die einen verweisen darauf, dass pro Jahr mehr als 1,3 Millionen Leute im Straßenverkehr sterben, und dass der Mensch bei mehr als 90 Prozent der Unfälle die Schuld trägt. Es kann ihnen gar nicht schnell genug gehen mit dem Loslassen des Steuers, was sich - wer es erlebt hat, kennt das Gefühl - ein bisschen anfühlt wie Einschlafen: Man hat Angst, weil man nicht weiß, ob das, was da nun passieren wird, toll oder schrecklich werden wird; doch dann erinnert man sich: Die Maschine, sie wird eben nicht einschlafen, sie wird nie betrunken oder bekifft sein, sie wird nie aggressiv. Sie wird keinen Schlaganfall erleiden, sie wird nie zu schnell fahren, sie wird nicht vergessen, zu blinken und sich nie eine Verfolgungsjagd mit der Polizei liefern. Tech-Visionär Elon Musk sagte im Jahr 2015: "Der Mensch ist zu gefährlich."

Die anderen deuten darauf, was derzeit beim Experiment in San Francisco passiert - das man bereits nach ein paar Tagen als grandios gescheitert bezeichnen darf. Die Stadt hat am Mittwoch beim Bundesstaat Kalifornien beantragt, die Genehmigungen für die Betreiber Cruise und Waymo, ihre Robotaxis zu jeder Tageszeit einzusetzen und Geld dafür zu verlangen, zurückzunehmen. Es hatte chaotische Szenen vor einem Festival gegeben, weil zehn fahrerlose Autos die Straße blockiert hatten. Ein Fahrzeug steuerte in frischen Beton, ein anderes fuhr fast eine Familie auf dem Zebrastreifen über den Haufen. Innerhalb weniger Tage konnte man so ziemlich alle Horrorszenarien fahrerloser Autos bestaunen inklusive öffentliche Aufregung wegen Geschlechtsverkehr der Passagiere im fahrerlosen Auto - wobei man das wieder auf die Dummheit des Menschen zurückführen kann; da kann die Maschine wenig dafür.

David Chiu, der Anwalt der Stadt, schreibt in seinem Antrag auf Rücknahme dieser Genehmigungen, und es könnte der klügste in dieser Debatte sein: "San Francisco wird ernsthafte Schäden davontragen, die schlimmer sind als jene, die Cruise durch die minimale Verzögerung des kommerziellen Einsatzes fahrerloser Autos haben dürfte."

Musk sagte 2015, dass selbstfahrende Autos "innerhalb von zwei Jahren" Realität sein würden. Das war die Latte, an der sich alle messen ließen - niemand wollte hintendran sein, alle versprachen. Man fragt Musk immer wieder mal: Lieber Visionär, es ist 2023, wann könnte es denn so weit sein? Seine Antwort im Juli, kein Witz: "Dieses Jahr". Seufz.

Die Autopilot-Evangelisten sollten aufhören mit diesem Hype und mit völlig unrealistischen Versprechungen. Die Zweifler werden sich nur überzeugen lassen, wenn das, was die Industrie verspricht, auch irgendwann eintritt. Dann nämlich könnte man Zweiflern zurufen: Hört auf mit Pessimismus und Gehässigkeit bei Pannen! Die Maschine wird, wenn es - in wie vielen Jahren auch immer - so weit sein wird, zweifelsohne der sicherere Pilot sein. Wenn beide Seiten ein bisschen Sturheit ablegen; wenn sie nicht unversöhnlich übereinander, sondern zielorientiert miteinander reden; dann könnte man nämlich auch sagen, dass beide richtig liegen mit den Einschätzungen.

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