Energie:Opec-Länder drehen am Hahn

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Energie: Was hier passiert, hat weltweite Auswirkungen: Arbeiter auf einem Ölfeld in Basra, Irak.

Was hier passiert, hat weltweite Auswirkungen: Arbeiter auf einem Ölfeld in Basra, Irak.

(Foto: Essam Al-Sudani/Reuters)

Die erdölexportierenden Staaten kürzen ihre Förderung um zwei Millionen Barrel am Tag. Besonders die USA hatten davor gewarnt. Denn der Schritt hat Auswirkungen auf die Weltwirtschaft - und auf den Benzinpreis.

Von Malte Conradi und Jan Diesteldorf

Es war das erste persönliche Treffen von Vertretern der ölexportierenden Länder seit Beginn der Corona-Pandemie und es war eines, das große Beachtung fand: Am Mittwochnachmittag kamen in Wien insgesamt 24 Abgesandte von Mitgliedstaaten des Ölkartells Opec und weiteren Ölexporteuren (zusammengefasst "Opec+") zusammen. Nach einer guten Stunde sickerten dann die ersten Berichte durch: Um zwei Millionen Barrel am Tag wollen die Staaten ihre Förderung drosseln, mehr als erwartet und die drastischste Kürzung seit einigen Jahren. Der Ölpreis hatte den Schritt da schon vorweggenommen: Am Wochenende war bekannt geworden, dass es bei dem Treffen um eine Förderkürzung gehen sollte - kaum hatten am Montag die Börsen geöffnet, schoss der Ölpreis um etwa fünf Prozent in die Höhe. Am Mittwoch zeigte der Ölpreis erst kaum eine Reaktion, dann doch eine - nach oben.

Angesichts düsterer Aussichten für die Weltwirtschaft und hoher Energiepreise blickt die Welt zunehmend nervös auf die Opec: Was treibt das Kartell an und wie wirkt sich die Entscheidung auf den Einzelnen aus? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Warum ist die Opec überhaupt so wichtig?

Die 13 Mitglieder des Kartells haben in den vergangenen Jahren an Bedeutung eingebüßt. Ihre Reaktion darauf war, weitere ölexportierende Länder, angeführt von Russland, einzubinden. Gemeinsam nennt sich dieser Verbund Opec+ und steht für gut 40 Prozent der weltweiten Förderung und sogar etwa drei Viertel der weltweiten Reserven. "Diese Staaten organisieren einen guten Teil des Marktes. Das reicht auf jeden Fall, um den Ölpreis zumindest zu stabilisieren", sagt Energieexperte Andreas Goldthau vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung an der Uni Potsdam. Die Bedeutung des Kartells lässt sich auch daran ablesen, dass Washington die Opec+ in den vergangenen Monaten dringend gebeten hat, mehr Öl zu fördern. US-Präsident Joe Biden sah sich im Sommer sogar genötigt, nach Saudi-Arabien zu reisen. Ein Besuch, den Kritiker als Kotau vor dem Regime sahen. Viel gebracht hat Biden die Reise allerdings nicht, das Ölkartell erhöhte seine Produktion daraufhin kaum merklich.

Warum kürzen die Opec+-Länder die Förderung jetzt?

Die 23 Mitgliedstaaten des erweiterten Ölkartells haben ein Ziel, das sie eint: Sie wollen die Preise stabilisieren, aus eigenem Interesse. Denn nach den Preissprüngen auf dem Ölmarkt nach Russlands Angriff auf die Ukraine zeichnete sich in den vergangenen Monaten ein Abwärtstrend ab. Ein Barrel Öl (etwa 159 Liter, gängige Maßeinheit für Erdöl) der Nordseesorte Brent kostete zuletzt nur noch knapp über 90 Euro. Noch im Juni waren es mehr als 120 Euro. Kürzen die wichtigsten Ölproduzenten nun ihre Produktion - und halten sich die beteiligten Länder dann auch an ihre Quoten - verknappt dies das Angebot auf dem Weltmarkt und wirkt dem Preisverfall entgegen. Allerdings: "Einige wichtige Staaten fördern derzeit ohnehin nicht die Menge, die sie zugesagt haben", sagt Andreas Goldthau von der Uni Potsdam. "Die Förderkürzung ist daher wohl vor allem ein Signal an den Markt, dass die Opec bereitsteht, sie will die Psychologie des Marktes beeinflussen."

Warum sind die Preise für Rohöl zuletzt wieder gesunken?

Zuerst hatte die steigende Energienachfrage nach der Lockdown-Phase der Pandemie die Ölpreise steigen lassen, dann kam der Krieg: Der russische Überfall auf sein Nachbarland löste Anfang März einen Ölpreisschock aus. Binnen weniger Tage war der Brent-Preis um mehr als ein Drittel gestiegen. Die Embargos der USA und später der EU gegen russisches Öl trugen dazu bei, dass sich der Ölpreis auf einem höheren Niveau einpendelte. Jetzt hat sich der Wind gedreht. Die Weltwirtschaft steuert auf eine Rezession zu, die Ölnachfrage wird voraussichtlich weniger stark steigen als noch im Sommer angenommen - und in einigen Weltregionen womöglich fallen. Außerdem gab die von Joe Biden geführte US-Regierung vor dem Hintergrund der im November bevorstehenden Kongresswahlen im Sommer einen Teil der strategischen Ölreserven des Landes frei, um die Treibstoffpreise im Inland zu drücken. Das zusammen führte zu dem allmählichen Preisverfall der vergangenen Wochen.

Was bedeuten die Beschlüsse der Opec+ für die Weltwirtschaft?

Die ziemlich radikale Kürzung der Kartellmitglieder könnte einen weiteren Schock für die Weltwirtschaft auslösen, zumal die energiekostenbedingte Inflation vielerorts schon Unternehmen und Privathaushalte ausbremst. Erdöl ist noch immer der wichtigste Energierohstoff der Welt, sein Preis steckt in nahezu jedem Produktionsprozess und in den meisten Dienstleistungen. Die jüngste Entscheidung dürfte besonders die USA verärgern. "Es kann nicht genug betont werden, wie besorgt die Regierung Biden über einen Wiederanstieg der Ölpreise ist", sagte Bob McNally, Gründer von Rapidan Energy, der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Was hieße eine Förderkürzung für den Benzinpreis?

"Ganz einfach: Steigende Ölpreise bedeuten auch steigende Benzinpreise", sagt Manuel Frondel vom Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI. Allerdings erwartet er wegen der Beschlüsse in Wien "keine wahnsinnigen Preisbewegungen". Denn der Zusammenhang zwischen Ölpreis und Benzinpreis ist zwar eng, aber nicht allein entscheidend. Schließlich besteht der Preis an der Zapfsäule zu weit mehr als der Hälfte aus Steuern und Abgaben, der Rohölpreis spielt eine vergleichsweise kleine Rolle. Zu hohen Spritpreisen hatte zuletzt auch der starke Dollar beigetragen. Öl wird fast ausschließlich in Dollar gehandelt. Steigt also der Dollarkurs im Verhältnis zum Euro, steigen oft auch die Preise an der Zapfsäule. Die zuletzt vergleichsweise hohen Dieselpreise haben weniger mit den Ölpreisen zu tun, sie erklären sich dadurch, dass wegen des Kriegs in der Ukraine Raffinerie-Kapazitäten wegfielen. Am Mittwoch stieg der Diesel-Preis nach einigen Wochen wieder über die Zwei-Euro-Marke. Normalerweise ist Diesel wegen der niedrigeren Steuern billiger als Benzin.

Wie einig ist sich Opec+?

Die beiden wichtigsten Produzenten des erweiterten Kartells und die nach den USA zweit- und drittgrößten Ölförderstaaten der Welt, Saudi-Arabien und Russland, hatten sich offenbar schon vor der Konferenz eng abgesprochen. Beide wollten eine substanzielle Förderkürzung. Russland hat an allgemein steigenden Preisen ein Interesse, weil es angesichts der westlichen Sanktionen seine Öl-Vorräte vergrößert hat und zu einem enormen Preisabschlag noch an alternative Abnehmer vor allem in Asien verkaufen muss. Der Ölexport ist die wichtigste Einnahmequelle des Putin-Regimes. Auch Saudi-Arabien würde von höheren Preisen profitieren. Das Land hat keine Probleme, Kunden für sein Öl zu finden, produziert mit einer der höchsten Gewinnspannen aller Exportländer und stellt sich mit der Russland-Kooperation gegen den einst engen Verbündeten USA. "Das ist nicht mehr das Saudi-Arabien von früher, und die USA waren vielleicht ein wenig langsam oder nicht bereit, dies in Energiefragen anzuerkennen", sagte Raad Alkadiri, Analyst bei der Eurasia Group, der Financial Times. "Wenn sie einen höheren Ölpreis wollen, das haben sie deutlich gemacht, werden sie ihn anstreben."

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