Lebensmittelkonzern:Nestlé, der große Krisengewinner? Von wegen!

Lebensmittelkonzern: Nestlé ist der Hersteller sehr vieler bekannter Süßigkeiten. Zum Beispiel von Smarties.

Nestlé ist der Hersteller sehr vieler bekannter Süßigkeiten. Zum Beispiel von Smarties.

(Foto: Photology2000/imago images/Shotshop)

Im Supermarkt wird es wohl noch teurer: Der weltgrößte Lebensmittelkonzern will die Preise erneut erhöhen - und profitiert von der Inflation gar nicht mal so sehr wie gedacht.

Von Michael Kläsgen

Wer im Supermarkt einkauft, spürt das: Lebensmittel sind wesentlich teurer geworden, laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich um mehr als 13 Prozent im vergangenen Jahr. Liegt es da nicht auf der Hand, dass der weltweit größte Nahrungsmittelkonzern Nestlé kräftig daran mitverdient hat? Nicht wirklich. Auf einer Bilanzpressekonferenz gab Ulf Mark Schneider, der Chef des Schweizer Konzerns, zwar am Donnerstag bekannt, dass der Umsatz weltweit um 8,4 Prozent auf 94,4 Milliarden Schweizer Franken gestiegen ist - vor allem wegen starker Preiserhöhungen. Der Gewinn brach hingegen um mehr als 45 Prozent auf 9,3 Milliarden Schweizer Franken ein. Aber da darf man sich nicht täuschen lassen. Das ist eher eine arithmetische Korrektur. Nestlé hatte 2021 ein Aktienpaket am Kosmetikkonzern L'Oréal mit hohem Gewinn verkauft, der in die Bilanz eingegangen war. Im Vergleich dazu sank der Gewinn nun 2022 kräftig, lag aber eigentlich auf normalen Niveau. Den Aktionären will Nestlé eine auf 2,95 Franken gestiegene Dividende pro Aktie zahlen.

Interessanter für die Frage, ob es Gewinnmitnahmen über die inflationsbedingten Mehrkosten hinaus gab, ist daher die Entwicklung der Gewinnmarge. Doch auch die ging nach Angaben von Schneider um 30 Basispunkte zurück. Allerdings lag die operative Ergebnismarge immer noch bei 17,1 Prozent, ein Wert, bei dem Vertreter anderer Branchen ins Schwärmen geraten dürften. Bei Nestlé führt dagegen auch ein so geringer Rückgang zu Ernüchterung bei Anlegern. Der Aktienkurs ging nach der Veröffentlichung zunächst leicht zurück.

Da half auch nicht, dass Schneider Besserung in Aussicht stellte, jedenfalls für die Aktionäre, nicht für die Konsumenten. 2023, so die Prognose, werde nicht nur der Umsatz nochmal um sechs bis acht Prozent wachsen. Auch die Gewinnmarge solle dann auf bis zu 17,5 Prozent steigen. Mit anderen Worten: Die Verbraucherpreise werden noch einmal voraussichtlich in etwa dem gleichen Umfang wie 2022 steigen, weltweit und wahrscheinlich auch in Deutschland - jedenfalls wenn die Supermärkte und Discounter nichts an ihrer Preispolitik ändern und beispielsweise auf Marge verzichten.

"Nicht noch zusätzliche Nervosität kreieren"

Dabei sind die Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland und Europa sogar im Vergleich zu denen in Nordamerika gut weggekommen. Hier erhöhte Nestlé die Preise weniger stark als etwa in den USA. Der scheidende Deutschland-Chef Marc-Aurel Boersch sagte, in Europa sei die Gewinnmarge um 190 Basispunkte zurückgegangen. Der Grund dafür sei gewesen, dass die Kostensteigerungen vor allem in Europa entstanden seien.

In Deutschland sehe es "glücklicherweise" etwas besser für Nestlé aus. Hier seien die Kosten um zehn Prozent, das heißt zwischen 180 und 200 Millionen Euro, gestiegen. Nestlé habe diese Mehrkosten zu 60 Prozent an die Handelskonzerne weitergeben können. Warum nicht zu 100 Prozent? Weil Nestlé erst habe sehen wollen, ob diese Kostensteigerungen dauerhaft seien. "Wir wollten als Größter im Markt nicht noch zusätzliche Nervosität kreieren", sagte Boersch. Aber inzwischen habe sich gezeigt, die hohen Kosten seien weiter da, weshalb Nestlé zu der Erkenntnis gekommen sei: "Wir hinken hinterher."

Nestlé Deutschland habe die Kostensteigerungen zwar so gut wie möglich kompensiert und Marktanteile in allen Kategorien ausbauen können. Insgesamt sei es eines der "besseren Jahre" gewesen. Aber inzwischen seien schon wieder Kostensteigerungen von 100 Millionen Euro aufgelaufen. Wer die trägt, werde Nestlé in diesem Jahr "Artikel für Artikel" mit den Handelskonzernen verhandeln. Die Gespräche mit Edeka, Rewe, Aldi und Lidl dürften wieder intensiv werden. Wobei Nestlé "nicht mit der Brechstange" vorgehen wolle, wie Boersch sagte. Die Verbraucherpreise gingen zwar insgesamt wieder rauf und schwankten. "Wir werden aber auch viele Artikel irgendwann im Preis wieder senken", prophezeit Boersch. Vielleicht Ende des Jahres.

Armin Valet, der Verbraucherschützer aus Hamburg, der regelmäßig Mogelpackungen ausfindig macht, wird das aufmerksam verfolgen. Nestlé-Produkte, egal ob Tier- oder Babynahrung, Cerealien oder Süßwaren wie Lion, Kitkat, Smarties, After Eight, Choco Crossies oder Choclait Chips fielen immer wieder auf.

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