Microsofts Copilot:Was bringt die künstliche Intelligenz den Unternehmen?

Microsofts Copilot: Chat-GPT ist ein Jahr alt.

Chat-GPT ist ein Jahr alt.

(Foto: SZ, Imago Images/Illustration von Lina Moreno)

Microsofts KI-Assistent Copilot soll die Arbeitswelt revolutionieren. Manager auf der ganzen Welt fragen sich: Ist das 30 Euro im Monat pro Mitarbeiter wert?

Von Max Muth

Generative künstliche Intelligenz kommt ein Jahr nach der Veröffentlichung von Chat-GPT in der Arbeitswelt an. Einer Umfrage des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation zufolge hat ein Viertel der Erwerbstätigen schon KI im Job eingesetzt. Geht es nach Microsoft, wird dieser Anteil schnell ansteigen. Denn seit dem 1. November ist deren KI-Assistent Copilot für Microsoft 365 für jedes Unternehmen verfügbar, das bereit ist, rund 30 Euro pro Lizenz und Monat zu zahlen. Viele Manager fragen sich jetzt: Lohnt sich das?

Auf dem Papier klingen die Fähigkeiten des künstlichen Assistenten wie der Traum moderner Büroarbeiter: Die KI soll lange Dokumente zusammenfassen und in Präsentationen gießen, verpasste Meetings transkribieren, aus Firmendaten schnell Diagramme und Powerpoints basteln können. Alles, was gute menschliche Assistenten können müssen, nur ohne Murren oder Mittagspause, und in Sekunden. Doch was bringt der Copilot heute schon in der Praxis?

Eine Antwort darauf haben bisher die wenigsten Unternehmen. Zwei davon sind der Pharmakonzern Bayer und der französische Digitaldienstleister Orange Business. Sie durften das Tool seit Juni in einer Pilotphase testen. Während Bayer sich in einem auf der Microsoft-Webseite veröffentlichten Text einigermaßen euphorisch über die Möglichkeiten der KI auslässt, ist man bei Orange Business zwar auch optimistisch, aber ein bisschen vorsichtiger. Der Mutterkonzern Orange ist vielen Menschen als Mobilfunkanbieter in Frankreich oder Belgien ein Begriff. Die Tochter Orange Business mit fast 30 000 Mitarbeitern ist weltweit aktiv und macht Beratung, Cybersicherheit und Internet-Dienstleistungen für rund zwei Millionen Kunden. Ein Großteil der Angestellten ist das, was man als Wissensarbeitende bezeichnet.

"Es ist schön, Teil des Hypes zu sein. Wir sehen als Unternehmen modern aus. Und die Mitarbeiter sind total happy", sagt Marie-Hélène Briens-Ware, die bei Orange Business für die Integration neuer Technologien am Arbeitsplatz zuständig ist. Sie verantwortet den Copilot-Probelauf. Allerdings gehe es für das Unternehmen dabei nicht ums Image, Briens-Ware soll für die Chefetage die Frage klären: "Was springt für uns dabei heraus?" 300 Freiwillige aus allen Bereichen des Unternehmens versuchen seit Juni, genau das herauszufinden.

Hype schön und gut, aber was bringt es der Firma?

Microsoft ist überzeugt: Der Copilot wird der Produktivität von Büroarbeitern auf der ganzen Welt einen enormen Schub geben. Die rund 30 Euro (28,08 Euro um genau zu sein) pro Lizenz im Monat empfinden sie in Redmond als Kampfpreis. Bei einem konservativ geschätzten Stundenlohn von 30 Euro entspreche das einer Stunde Arbeit. Die seien durch die Hilfsarbeiten des intelligenten Assistenten im Nullkommanichts wieder hereingeholt, argumentiert der Tech-Konzern.

Ganz so einfach sei die Kalkulation für Unternehmen wie ihres aber nicht, sagt Briens-Ware. "Wir sind keine Fabrik, wo man gesparte Zeit direkt in Output umrechnen kann", erklärt sie den Unterschied zwischen dem Marketing von Microsoft und ihrer Sichtweise.

Selbst wenn alle 300 Testnutzer in der Woche zehn Stunden sparen würden, hätte die Firma noch keinen Cent mehr verdient. "Wir entlassen deshalb ja nicht 20 Prozent unserer Leute", sagt Briens-Ware. Sie habe viel recherchiert, aber keine Möglichkeit gefunden, die Produktivität unter Wissensarbeitern seriös zu messen. Einfach zu sagen, "es wurde Zeit gespart, also lohnt es sich finanziell", funktioniere jedenfalls nicht.

Um eine Anschaffung von Copilot-Lizenzen für einen großen Teil der Belegschaft vor der Chefetage zu rechtfertigen, muss die Managerin also andere Fragen stellen. Die können für jede Abteilung anders aussehen, sagt sie. Im Produktmarketing etwa: "Landen Produkte schneller auf dem Markt?" Im Vertrieb: "Verkaufst du mehr?"

Denkbar wären laut Briens-Ware auch andere Vorteile wie weniger Stress am Arbeitsplatz. Hilft Copilot zum Beispiel dabei, Überlastung zu vermeiden, sind Mitarbeiter zufriedener? Aber: "Selbst wenn du der Auffassung bist, dass du dadurch besser wirst, sieht das dein Manager vielleicht anders", sagt Briens-Ware. Es ist also deutlich komplizierter, als sich der Microsoft-Vertrieb das vorstellt.

Gesparte Zeit macht die Firma nicht unbedingt erfolgreicher

Erst seit dem 30. November 2022 ist Chat-GPT einer größeren Öffentlichkeit ein Begriff. An diesem Tag öffnete die Firma Open AI ihre Anwendung für Normalverbraucher. Jeder konnte sich seitdem im Chat mit dem Bot davon überzeugen, welch gigantische Fortschritte künstliche Intelligenz in den vergangenen Jahren gemacht hatte. Binnen eines Jahres hat Chat-GPT die Tech-Welt ziemlich umgekrempelt. Hunderte Millionen Menschen in aller Welt nutzen mittlerweile Software-Werkzeuge, die auf Chat-GPT oder anderen sogenannten Sprachmodellen basieren. Sie werden auch von Unternehmen wie Google oder Meta gebaut. KI ist nun endgültig aus dem digitalen Leben nicht mehr wegzudenken.

Enormen Einfluss hatte Chat-GPT auf Microsoft. Der Konzern erkannte früh, dass er sich mit schneller und konsequenter Integration von KI von anderen großen Tech-Konzernen absetzen kann. In Open AI hatte er schon vor Ausbruch des Hypes investiert, dann stockte er seine Investitionszusagen auf 13 Milliarden Dollar auf.

Microsoft tat etwas für den etablierten Konzern Untypisches und änderte schlagartig seine Strategie. Im Hauruckverfahren wurden alle verfügbaren Kräfte gebündelt, um das Hype-Werkzeug Chat-GPT mit Microsoft zu verheiraten. Zunächst nur als Teil der Suche in Bing, doch schnell wurde der Konzern ambitionierter und verkündete im Frühsommer seine Pläne für die mächtige Business-Version von Chat-GPT: Copilot.

Der KI vertrauen lernen

Bei Orange Business wurde schnell nach Beginn der Arbeit mit dem intelligenten Assistenten klar, dass die Sache komplizierter war, als sie aussah. "Weil es ein Werkzeug ist, das die Alltagssprache benutzt, dachten wir, es sei sehr intuitiv und einfach zu bedienen. Das war eine Fehlannahme", sagt Managerin Briens-Ware. Denn "es ist eine neue Art zu arbeiten, an die man sich erst gewöhnen muss." Dazu gehöre zum Beispiel die Art, wie man Fragen an den Assistenten formulieren muss, das sogenannte "Prompten". Wenn man den Assistenten ein Dokument zusammenfassen lasse, sei es etwa sinnvoll, der KI zu sagen, auf welche Argumente sie besonders achten soll. Zudem sei es wichtig anzugeben, in welchem Format und wie lang die Antwort sein soll. Alles Dinge, die Nutzer erst herausfinden müssen.

Eine der unerwarteten Herausforderungen: Den Ergebnissen der Maschine zu vertrauen. Das anfängliche Misstrauen ist verständlich. Erste Tester von Chat-GPT im vergangenen November führten bizarre Konversationen mit emotional wirkenden Maschinen und berichteten von von den Chatbots erfundenen Fakten. Diese sogenannten Halluzinationen gab es auch in frühen Vorführungen von Copilot noch.

Ob Orange nach Ende der Pilotphase nun Lizenzen für 30 000 Mitarbeiter kaufen werde, sei noch nicht entschieden. Ziemlich sicher sei aufgrund der Erfahrungen jedoch, dass eine Einführung der Software langsam und in Phasen stattfinden werde. Schon allein, um anfangs genug Unterstützung für fremdelnde Mitarbeiter und andere Probleme zur Verfügung stellen zu können.

So ähnlich dürfte es Branchenbeobachtern zufolge in vielen Unternehmen laufen. Matt Cain vom Marktforschungsunternehmen Gartner sagte der Webseite Computerworld, er erwarte, dass auch 2024 in Unternehmen noch ein Jahr des Experimentierens mit KI werde. Ob sich am Ende Microsofts KI-Assistent durchsetzt, ist nicht ausgemacht. Zwar hat der Konzern dank seiner Office-Software und seiner weitverbreiteten Cloud fast in jedem Unternehmen schon einen Fuß in der Tür und damit einen Startvorteil. Doch das muss nichts heißen. Orange Business etwa betreibe neben Copilot auch noch eine eigene Instanz von Chat-GPT, sagt Managerin Briens-Ware. Und wenn die für die KI-Bedürfnisse von vielen Mitarbeitenden schon ausreiche, dann gebe es keinen Grund, Microsoft für 30 000 Copilot-Lizenzen zehn Millionen Euro im Jahr zu zahlen.

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