Kreuzfahrten:Krank in der Kabine

Kreuzfahrten: Auf der "Nieuw Amsterdam", einem Kreuzfahrtschiff der Holland America Line, waren jüngst 160 von 1970 Passagieren an einem Magen-Darm-Virus erkrankt.

Auf der "Nieuw Amsterdam", einem Kreuzfahrtschiff der Holland America Line, waren jüngst 160 von 1970 Passagieren an einem Magen-Darm-Virus erkrankt.

(Foto: Darryl Dyck/IMAGO/ZUMA Press)

Das Kreuzfahrt-Geschäft boomt wieder wie vor der Pandemie. Woran man das merkt? An den steigenden Magen-Darm-Erkrankungen natürlich.

Von Marie Vandenhirtz

Für 2699 US-Dollar (2470 Euro) bekommt man eine 14-tägige Kreuzfahrt mit allem inklusive. Inklusive schickem Essen, inklusive Spa-Besuche, inklusive schönen Orten - und inklusive Magen-Darm-Erkrankung. Zumindest endete so eine Reise auf der Nieuw Amsterdam, einem Kreuzfahrtschiff der Holland America Line, für 160 der insgesamt 1970 Passagiere. Statt die Großstadt Vancouver oder die mit Schnee bedeckten Berge in Whittier, Alaska, zu sehen, wie sie es auf ihrer Tour entlang der Westküste Kanadas geplant hatten, konnten diese Passagiere zumindest ihr Zimmer so richtig ausnutzen. Für diejenigen mit Balkon-Kabine vielleicht gar nicht so übel. Die Pinnacle Suite des Schiffs zum Beispiel ist 126 Quadratmeter groß und ausgestattet mit gleich zwei Toiletten. Wer aber in einer 13 Quadratmetern großen Innenkabine ohne Fenster Platz gefunden hat, für den muss die Tour zur doppelten Qual geworden sein.

Allein in diesem Jahr gab es schon elf solcher Ausbrüche auf Schiffen, die die USA bereisten. Die Zahl der Magen-Darm-Erkrankung auf Kreuzfahrtschiffen hat damit das Vorkrisenniveau erreicht. So hoch war diese Zahl seit 2018 nicht, wie die CDC, die amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention feststellten. An sie muss jede Magen-Darm-Erkrankung an Bord eines Schiffs gemeldet werden, wenn mindestens drei Prozent, der Passagiere und Besatzung erkrankt sind. Bei riesigen Kreuzfahrtschiffen, die mittlerweile bis zu 6410 Menschen um die Welt schiffen, wie die Allure of the Seas zum Beispiel, mag man sich kaum vorstellen, für wie viele das Traumschiff zum Albtraumschiff geworden ist.

Ein gutes Zeichen, finden die Reiseveranstalter

Die Reiseveranstalter werten die Zahlen jedoch als gutes Zeichen. Sie schließen aus den hohen Infektionszahlen, dass die Kreuzfahrt wieder boomt. Und ohnehin wissen Urlauberinnen und Urlauber offensichtlich, was sie auf der Kreuzfahrt erwarten könnte. Denn die Erkrankung ist so verbreitet, dass mittlerweile auch Kreuzfahrtblogger, die beruflich Kreuzfahrtschiffe testen, aufklären, was man denn beachten sollte, um der Erkrankung so gut wie möglich zu entkommen: Hände waschen, Kontakt zu Kranken vermeiden und nur sauberes Wasser trinken. Dabei sollte man meinen, nach so einer Pandemie hätten alle gelernt, wie man sich vor Krankheiten schützt. 1503 Menschen auf Kreuzfahrtschiffen, dessen Reiseroute die USA war, hatten es mittlerweile vielleicht vergessen - die Hochzeit der Pandemie ist schließlich schon eine Weile her. Und Kellen am Buffet oder Sonnenliegen am Pool, die selten geputzt, aber oft benutzt werden, mag das Virus ganz besonders gern.

Am häufigsten erkranken Kreuzfahrturlauber am sogenannten Norovirus, das eine Magen-Darm-Erkrankungen auslöst. In der Regel ist die Erkrankung zwar leicht überwunden. Bis zu 14 Tage dauert es dennoch, um vollkommen gesund zu werden - und dann ist der Urlaub auch schon vorbei. Das sind bis zu 14 Polo-Hemden, die nie zum Bingo-Abend ausgeführt werden können. Und obendrein knapp 2500 Euro für ein Hotelzimmer mit Seegang-Effekt. Auf denen wollen Passagiere nicht sitzen bleiben. So schreibt einer in der Kommentarspalte eines Kreuzfahrten-Blog etwa, dass seine Frau so eine Magen-Darm-Erkrankung durchmachen musste. Sie sei "drei Tage ans Bett gefesselt" gewesen. Bei der Rückkehr erhielt das Paar 50 Euro Entschädigung. "Ich sehe das als eine Art von Schuldanerkenntnis an, die mir aber nicht reicht. Könnte ich eine echte Erstattung, drei Tage à 80 Euro, fordern?", fragt er. Doch schlechte Nachrichten: Anspruch auf Schadenersatz hat man in diesem Fall nicht.

Eine Ärztin schrieb dagegen, sie hätte ihren Patienten so eine Reise nie empfohlen. Sie hatte gehofft, dass vielleicht die Pandemie die Kreuzfahrtreederei abschaffen würde. So würden zumindest die Klimaziele erreicht, schreibt sie. Die steigenden Infektionszahlen deuten allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Also dann unbedingt an genug Zwieback denken, wenn es auf die nächste Kreuzfahrt geht.

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