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Knorr-Bremse:Das Vermächtnis

Vorstandsvorsitzender Heinz Hermann Thiele (Knorr-Bremse AG) in einem Bremsprüfstand des Werkes in München

Heinz Hermann Thiele an einem Bremsprüfstand von Knorr-Bremse in München.

(Foto: HRSchulz/imago images)

Heinz Hermann Thiele hat Knorr-Bremse zu einem erfolgreichen Milliardenkonzern gemacht und sich am Ende auch noch bei Lufthansa eingekauft. Was nun aus seinem Erbe werden könnte.

Von Jens Flottau, Thomas Fromm, Simon Groß und Dieter Sürig, München

Das Problem bei Industrie-Patriarchen ist, dass alle glauben, dass sie für immer da sind. Das liegt dann oft auch daran, dass Menschen wie der Knorr-Bremse-Patriarch und Lufthansa-Großinvestor Heinz Hermann Thiele im Laufe der Jahrzehnte viel Geld, Macht und vor allem viel Kontrolle angehäuft haben. Und wenn dann einer wie er, zuletzt stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei Knorr Bremse, mit 79 Jahren plötzlich stirbt, dann lautet die Frage: Und wie soll es nun weiter gehen? Am Tag nach dem Tod des Patriarchen herrscht also erst einmal weitgehend Sprachlosigkeit. Allerdings erklärten sich Beschäftigte "bestürzt und geschockt", dies habe "niemand kommen sehen". Thiele habe zuletzt fit gewirkt, "wir dachten, er wird 150 Jahre alt". Man sei zwar "nicht immer einer Meinung" gewesen, aber habe "dennoch viel für das Unternehmen erreicht".

Thiele, der sich zu einem der reichsten Männer des Landes mit einem Vermögen von geschätzt 16 Milliarden Euro hochgearbeitet hatte, der über eine Holding an die 60 Prozent der Anteile des Bremsenlieferanten Knorr-Bremse und die Mehrheit am sauerländischen Bahninfrastrukturkonzern Vossloh hält und sich im vergangenen Jahr auch noch bei der Corona-gebeutelten Lufthansa einkaufte, dieser Mann war eben doch immer Patriarch geblieben. 2016 zum Beispiel, da wäre so ein Moment gewesen, um abzudanken. Nachdem er schon einige Jahre vorher den Chefposten im Unternehmen abgegeben hatte, trat er da auch als Aufsichtsratschef ab. Um vier Jahre später wieder zurückzukommen. Der Titel Ehrenvorsitzender reichte ihm nicht, also wurde er stellvertretender Aufsichtsratschef.

Aber eigentlich war er ja nie weg. "Dass er 60 Prozent der Anteile besitzt, sagt schon alles", ist aus dem Aufsichtsrat zu hören. Oder, wie es im Wirtschaftssprech heißt: Da will jemand durchregieren. Es würde verwundern, wenn einer, der in seinem Reich nichts dem Zufall überlassen wollte, nicht auch sein Lebenswerk geregelt hätte. In diesem Fall ist es ein verschachteltes System aus Unternehmensbeteiligungen, an dessen Spitze freilich Thiele selbst stand. Über mehrere Gesellschaften hielt der Unternehmer und Großaktionär, zuletzt gemeinsam mit seiner Tochter, der Juristin Julia Thiele-Schürhoff, die Mehrheit an dem Unternehmen, das er großgemacht hatte, seitdem er 1969 dort als juristischer Sachbearbeiter angeheuert hatte, um es dann einige Jahre später zu übernehmen und zu einem Weltmarktführer für Zug- und Lkw-Bremssysteme, einem Unternehmen mit zuletzt sieben Milliarden Euro Umsatz, auszubauen.

Arbeitnehmer hoffen auf einen Kulturwandel

Nachdem sein Sohn Henrik Thiele 2015 dort im Streit ausgeschieden war, verkaufte dieser später seine Anteile an der größten Beteiligungsgesellschaft der Familie, der Stella Vermögensverwaltungs GmbH, von 36,6 Prozent. Seitdem hielt der Patriarch knapp zwei Drittel, die Schwester gut ein Drittel des Vermögens. Vielleicht war es ja der Börsengang 2018, mit dem der Senior das Unternehmen über seinen Tod hinaus sichern wollte. Die Familie erlöste damit 3,9 Milliarden Euro, die an eine der Beteiligungsgesellschaften ging.

Viele warten nun gespannt darauf, wie sich das Machtgefüge in der Familie entwickeln wird - und insbesondere die künftige Rolle von Tochter Julia Thiele-Schürhoff, 49, die im Aufsichtsrat sitzt und den konzerneigenen Verein Global Care führt. "Im Grunde ist das nun ihr Unternehmen", sagt ein Insider, "sie wird aber wohl nicht die Matriarchin des Konzerns werden". Manche halten es gar für denkbar, dass Henrik Thiele, 53, zurückkehrt, der gerade ein Start-up für Elektroladesäulen aufbaut. Jetzt, wo der Vater nicht mehr da ist.

Dass Knorr-Bremse an die Börse ging, werteten die Arbeitnehmer schon da als Chance für einen Kulturwandel - ebenso, dass Thiele seinen Freund Klaus Mangold kurz vorher als Aufsichtsratschef installierte. Was Mangold bereits zaghaft angestoßen hat, teilweise wohl auch gegen den Widerstand Thieles, könnte nun an Fahrt gewinnen: Eine Öffnung, das Ende des Patriarchen-Systems.

Thiele stammte aus einfachen Verhältnissen

Misstrauisch, eiskalt kalkulierend und dabei nur schwer kalkulierbar - es sind dies Charaktereigenschaften, die ihm in Wirtschaftskreisen nachgesagt werden und die er gemein hatte mit dem anderen großen Patriarchen, dem verstorbenen VW-Mann Ferdinand Piëch. Nur dass Thiele, der mit Flächentarifen nichts anzufangen wusste und sogar aus dem Arbeitgeberverband austrat, nicht wie Piëch aus einer Auto-Dynastie stammte, sondern aus einfachen Verhältnissen.

Als im März 2020 die erste Corona-Welle über den Globus schwappte, stieg Thiele bei der Lufthansa ein und wurde dort mit einem Anteil von zeitweise 15 Prozent zweitgrößter Aktionär. Thiele wurde zum Machtfaktor, als im vergangenen Sommer die Teilverstaatlichung ausgehandelt wurde. So beschwerte er sich lauthals über die Bedingungen, die die Bundesregierung der Lufthansa für das neun Milliarden Euro schwere Rettungspaket auferlegte.

Thiele störte sich am aus seiner Sicht zu niedrigen Preis, zu dem der Wirtschaftsstabilisierungsfonds bei Lufthansa einstieg, und fürchtete staatlichen Einfluss. Zunächst drohte er, die Staatshilfen zu blockieren, was die Airline sehr wahrscheinlich in die Insolvenz getrieben hätte. Am Ende aber stimmte er der Vereinbarung doch zu. Seither habe er sich, so heißt es bei Lufthansa, sehr zurückgehalten. Sein Motiv? Thiele war nach eigenen Worten schon immer ins Fliegen vernarrt, er war Vielflieger, zuletzt dem Vernehmen nach bei einer Reise zu seiner Rinderzucht in Uruguay. Womöglich habe er beweisen wollen, dass er neben Straße und Schiene auch Luftfahrt könne, ist zu hören. Passen würde es zu ihm.

© SZ
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