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Nachruf:Heinz Hermann Thiele gestorben

Heinz Hermann Thiele tot

Heinz Hermann Thiele, Mehrheitsaktionär von Knorr-Bremse, wo er einst als Sachbearbeiter angefangen hatte.

(Foto: dpa)

Er fing als Sachbearbeiter beim Bremsenhersteller Knorr-Bremse an, den er mit harter Hand zum Weltkonzern formte. Zuletzt griff er noch nach der Macht bei Lufthansa.

Von Marc Beise

Patriarch, der (natürlich männlich) - das Wort gehört zu den besonders abgegriffenen Formulierungen im deutschen Mittelstand. Es wird viel verwendet, und meistens falsch. Denn fast alle Firmenchefs, die so bezeichnet werden, sind einfach nur Firmenchefs, und schon etwas älter. Ein Patriarch, nach der aus der vorreformatorischen Kirchengeschichte kommenden Bezeichnung für einen höchstrangigen Bischof mit totaler Machtvollkommenheit in seinem Patriarchat, ist im Mittelstand genau das: einer, der alles bestimmt, und meistens auch keine Widerworte duldet. Einer wie Heinz Hermann Thiele eben, der am 2. April 1941 in Mainz geboren wurde und am Dienstag überraschend in München verstorben ist.

Thiele hat mit harter Hand den Hersteller von Bremssystemen zu einem weltweit führenden Milliardenunternehmen gemacht, er hat in seinem Reich bis zu seinem Tod fast alles bestimmt und im vergangenen Jahr auch noch den unbändigen Willen und die Kraft gehabt, nach der in der Corona-Krise taumelnden Lufthansa zu greifen. Tranche für Tranche kaufte er sich dort Aktienpakete zusammen und war am Ende der größte Einzelaktionär. Als es um die Rettung der Fluglinie mit staatlichen Milliardengeldern ging, saß er mit am Tisch und machte den Deal zur Zitterpartie, weil er sich zunächst weigerte, die Bedingungen der Teilverstaatlichung zu akzeptieren - zu groß war bei ihm die Sorge davor, dass die Politik nicht den Mut für Reformmaßnahmen, wie den Abbau von Arbeitsplätzen, haben könnte.

Es war im Jahr 1969, in München entflohen Künstler und Blumenkinder dem Alltag ihrer spießigen Eltern, als der junge Jurist beim Traditionsunternehmen Knorr-Bremse als Sachbearbeiter in der Patentabteilung anfing. Drei Jahre später leitete er die Rechtsabteilung, weitere drei Jahre später war er Vertriebschef der Nutzfahrzeugabteilung. 1985 wurde er Mitglied des Vorstandes, und bereits ein Jahr kaufte er einem der beiden Eigentümer, die in Streit lagen, seinen Anteil ab und besaß damit 71 Prozent am Unternehmen. 1987 wurde er Vorstandsvorsitzender, 1989 Alleineigentümer. 2007 wechselte er in den Aufsichtsrat, aber es war immer klar, dass Heinz Hermann Thiele und sonst niemand im Knorr-Bremse-Imperium mit heute 30000 Mitarbeitern das Sagen hatte.

Er führte das Unternehmen mit harter Hand, aber überaus erfolgreich. Das Unternehmen gedieh, und nicht weniger das Privatvermögen, das zuletzt von den gewöhnlich gut unterrichteten Bloomberg Billionaires auf 15 Milliarden US-Dollar geschätzt wurde, was ihn auf Platz 74 der reichsten Menschen der Welt hievte.

Allein dieser Aufstieg war atemberaubend und kennt kaum Parallelen, sein Führungsstil aber auch nicht. Er bezahlte seine Vorstandsvorsitzenden, die er sich von außen holte, fürstlich, aber wechselte sie mehrmals bereits nach kurzer Zeit wieder aus, weil er mit der Performance nicht zufrieden war.

Er scheute keinen Konflikt, auch nicht mit den Gewerkschaften, und duldete lange keinen Tarifvertrag in seinem Konzern. Der Umgang mit ihm konnte anregend sein und charmant, solange man nicht zu kritisch - und er hätte gesagt: uninformiert - nachfragte. Von staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft hielt er erst recht wenig, und mit öffentlicher Kritik an seiner Person und seinem Handeln konnte er gar nicht gut umgehen. Denn er wusste ja für sich, was er - auch durch unermüdlichen persönlichen Einsatz bis an die Grenzen der Belastbarkeit - aufgebaut hatte, und darauf war er stolz. Nun ist er kurz vor dem 80. Geburtstag gestorben und hinterlässt einen Konzern im Ungewissen.

© SZ
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