Umwelt:Wie die Klimawende gelingen kann

Windräder vor Regenbogen

Windräder wie hier im bayerischen Kitzingen sind nicht bei jedem beliebt, aber sie schützen das Klima.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

In Berlin diskutiert die mögliche neue Regierung über den Klimaschutz. Eine Studie rechnet jetzt vor, was zu tun wäre - und zeigt, dass die bisherigen Pläne nicht ausreichen.

Von Ulrike Hauswald und Christina Kunkel, Berlin

Von der möglichen neuen Ampelkoalition gibt es bisher nur ein Sondierungspapier, in dem grob Maßnahmen umrissen werden, mit denen der große Kraftakt - der Weg hin zur Klimaneutralität bis 2045 - gelingen soll. Doch was heißt es ganz konkret, wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen will? Was wird es kosten und was bedeuten die Vorgaben für die Industrie, aber auch für jeden Einzelnen? Dazu haben die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) am Donnerstag in Berlin gemeinsam eine Studie unter dem Titel "Klimapfade 2.0" vorgestellt. Wer sich das Papier im Detail anschaut, merkt schnell, wie einschneidend die Maßnahmen und wie groß die Veränderungen sein müssen, die eine zukünftige Regierung jetzt beschließen muss.

Schon die Wortwahl auf den 314 Seiten macht die Dringlichkeit deutlich. Dort heißt es, die neue Regierung müsse "sehr schnell sehr viele Weichen stellen" und "kritische Entscheidungen" treffen. Deutschland stehe "vor der größten Transformation der Nachkriegszeit". BDI-Chef Siegfried Russwurm betonte bei der Vorstellung der Studie: "Uns läuft die Zeit davon. Politische Grundsatzentscheidungen zur Umsetzung der Klimaziele sind überfällig." Die Untersuchung liefert eine Art Blaupause, wie Deutschland in Industrie, Verkehr, Gebäude und Energiewirtschaft die CO-Emissionen bis 2030 um 65 Prozent senken und Treibhausgasneutralität im Jahr 2045 erreichen kann - und was das kosten würde: Alleine 860 Milliarden Euro bis zum Ende dieses Jahrzehnts.

Der Verkehrssektor steht besonders im Fokus der Studie

Laut der Berechnungen von BGC und BDI sind in der Industrie schon bis 2030 rund 50 Milliarden Euro Investitionen alleine für die Umstellung der wichtigsten Produktionsprozesse notwendig. "Die Haupterkenntnis ist, wie schnell hier Investitionen vor allem in vollständig erneuerbare Technologien erfolgen müssen", so Jens Burchardt, BCG-Klimaexperte und Co-Autor der Studie. Für die Industrie seien die höheren Betriebskosten die größte Herausforderung und nicht nur einmalige Investitionen. "Die Politik muss die Unternehmen auf dem Weg in die Treibhausgasneutralität mit diversen Maßnahmen unterstützen, die erneuerbare Energien und ihre Nutzung deutlich günstiger machen, als sie es heute sind", sagt BDI-Präsident Russwurm.

Aktuell werden pro Jahr nur 1,1 Prozent der bestehenden Immobilien vollständig erneuert. Laut der Studie müsste sich diese Quote bis 2030 auf 1,9 Prozent fast verdoppeln. Maßnahmen wie der Austausch von Öl- und Gasheizungen durch lokal emissionsfreie Lösungen wie Wärmepumpen, Fernwärme oder Quartierslösungen erfordern demnach eine jährliche Förderung von bis zu 17 Milliarden Euro bis 2030. Dafür fordert der Klimaexperte mehr Transparenz über nötige Sanierungshebel und Förderungsmöglichkeiten.

Der Verkehrssektor steht besonders im Fokus, da dort zum einen die CO-Emissionen seit 1990 nicht gesunken sind. Zum anderen betrifft das Thema Mobilität alle Menschen in ihrem Alltag. Auch die BGC-Studie sieht im Wechsel hin zu Elektroautos im Pkw und einem Antriebsmix aus Batterie- und Wasserstoff-Fahrzeugen für Nutzfahrzeuge den entscheidenden Hebel. Allerdings hebt die Studie auch hervor, dass selbst wenn 90 Prozent der Neuzulassungen bis Ende des Jahrzehnts keine Verbrenner sein werden, es noch 30 Millionen Benzin- und Dieselautos geben wird. Deshalb fordern die Studienautoren auch, Anreize für den Einsatz von strombasierten Kraftstoffen (E-Fuels) und Biokraftstoffen im gesamten Verkehrssektor zu schaffen.

Die Wirtschaft ist auf kluge Rahmenbedingungen der Politik angewiesen

Das Paradoxon im Energiesektor: "Wir brauchen immer mehr Strom, aber gleichzeitig wollen wir auch die größte absolute CO-Reduktion erreichen", erklärt Jens Burchart. Die Studienautoren analysieren: Eine um mehr als 40 Prozent höhere Stromnachfrage 2030 bedarf einer Verdoppelung des EEG-Ausbaupfades von Wind und Photovoltaik, einer Ausbauoffensive der Stromnetze sowie einer Flexibilisierung des Verbrauchs. Um den parallelen Ausstieg aus Kernenergie und Kohle zu schaffen, hält Burchardt weiter am Zubau von Gaskraftwerken fest: "Wir brauchen erheblich mehr Gaskraftwerke zum Erhalt der Versorgungssicherheit, für den Ersatz der konventionellen Stromerzeugung, aber vor allem viel mehr erneuerbare Energien, um unser Ziel zu erreichen und den Ausstieg kompensieren zu können." Auf lange Sicht sollten die Gaskraftwerke dann auf Wasserstoff umgestellt werden.

Die Debatte um die Klimawende, die im Idealfall gleichermaßen von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft geschultert werden soll, macht vielen Menschen aber auch Angst. "Teurer wird vor allem das, was aus fossilen Brennstoffen konsumiert wird, also Auto fahren, heizen und fliegen", sagt Burchardt. Um das zu verhindern, erfordert es von der Politik sowohl mehr alternative Technologien zu fördern, als auch Ausgleichsmechanismen wie beispielsweise das von den Grünen geforderte Klimageld zu schaffen. Klar ist: "Für die, die jetzt wechseln, auf ein E-Auto umsteigen oder eine neue Wärmepumpe einbauen, wird es auf lange Sicht billiger. Diese stehen in 2030 besser da", so Burchardt.

Die Studie mache einmal mehr deutlich: "Der Umbau ist kein Selbstläufer", sagt Energie- und Klimaforscher Manfred Fischedick von der Bergischen Universität Wuppertal. Aber sie zeige auch, dass die Industrie ein zentraler Akteur ist, wenn es darum geht, Deutschland klimaneutral zu machen. Das sieht Claudia Kemfert, Energie-Expertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ähnlich: Die Wirtschaft wolle schon seit Längerem handeln und investieren, doch es fehlten kluge Rahmenbedingungen der Politik. Der BDI habe richtig erkannt, dass in den letzten zwölf Jahren zu wenig passiert sei, sagt Kemfert. "Wir haben keine Zeit mehr, sondern müssen uns jetzt darauf fokussieren, wofür wir uns mit den Klimazielen verpflichtet haben."

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