Nahaufnahme:Juristisches Wunderkind

Nahaufnahme: Lina Khan: "Es geht um mehr als um Kartellrecht oder Big Tech. Es geht darum, ob unsere Gesetze der Demokratie dienen."

Lina Khan: "Es geht um mehr als um Kartellrecht oder Big Tech. Es geht darum, ob unsere Gesetze der Demokratie dienen."

(Foto: Getty Images)

US-Präsident Joe Biden will offenbar die junge Juristin Lina Khan in die Führung der Wettbewerbsbehörde FTC berufen. In den Zentralen von Amazon, Google und Facebook dürfte die Aufregung groß sein.

Von Claus Hulverscheidt

Wer als junger Akademiker das Rampenlicht sucht, der setzt nicht selten auf ein bewährtes Konzept der Eigen-PR: Er oder sie stellt eine knappe, möglichst radikale These in den Raum, verbreitet sie über die sozialen Medien und wartet dann auf die Einladungsschreiben der zahllosen Fernseh-Schwatzrunden, die immer auf der Suche nach neuen, vorzeigbaren Gesichtern sind.

Lina Khans Weg war ein anderer: Sie schrieb einen wissenschaftlichen Aufsatz - 106 Seiten, veröffentlicht 2017 im Law Journal der US-Elite-Universität Yale. Obwohl kaum ein Normalsterblicher von dem rechtswissenschaftlichen Magazin je gehört haben dürfte, explodierten die Klickzahlen, denn das Werk mit dem Titel "Das Amazon-Paradox" traf einen Nerv: Kann die US-Regierung einen Konzern als Monopol brandmarken und zurechtstutzen, obwohl die Kunden zufrieden und die Preise niedrig sind? Nein, lautete die herrschende Lehrmeinung, deren einziges Kriterium das sogenannte "Verbraucherwohl" war. Ja, widersprach die damals 28-jährige Jura-Studentin Khan - und stellte damit vier Jahrzehnte des Kartellrechts auf den Kopf.

Entsprechend groß ist jetzt die Aufregung darüber, dass Präsident Joe Biden die heutige Professorin an der New Yorker Columbia-Universität offenbar für die fünfköpfige Führung der Wettbewerbsbehörde FTC nominieren will: Wird die in London geborene Tochter pakistanischer Eltern ihren Ideen aus Studientagen jetzt Taten folgen lassen? Und was hat Biden generell mit den Tech-Konzernen vor? Zwar hat es in der US-Geschichte Dutzende Fälle gegeben, in denen Firmen kartellrechtlich zur Verantwortung gezogen oder gar zerschlagen wurden. Tech-Größen wie Amazon, Facebook oder Google jedoch wiegten sich mit ihren preisgünstigen oder gar kostenlosen Diensten lange in Sicherheit.

Für Khan, die schon als 15-Jährige in ihrer Schülerzeitung über die Macht der Kaffeehauskette Starbucks sinnierte, greift der Blick auf die Preise jedoch zu kurz. Vielmehr könne eine Firma der Allgemeinheit auch auf andere Art schaden. Beispiel Amazon: Der Konzern betreibt ja nicht nur ein riesiges Online-Kaufhaus, sondern auch eine Handelsplattform, zu deren Nutzung kleinere Konkurrenten praktisch gezwungen sind und auf der jeder nach der Pfeife des Hausherrn tanzen muss. Mehr noch: Amazon spioniert die Kundenaufträge der Wettbewerber aus, um besonders beliebte Waren kopieren und selbst verkaufen zu können. Das ist so, als würde der Betreiber eines Wochenmarkts gleich am Eingang einen riesigen Stand aufstellen, an dem er alle Lieblingsprodukte der Besucher auf eigene Rechnung zu Tiefstpreisen feilbietet.

Den Schaden, so glaubt nicht nur Khan, habe am Ende auch der Kunde, denn die Dominanz eines Unternehmens reduziere die Produktqualität, die Vielfalt und die Innovationskraft aller Hersteller. Die heute 32-Jährige, die für die FTC und das Repräsentantenhaus schon als Beraterin gearbeitet hat, will deshalb großen Firmen wettbewerbsschädliche Expansionsstrategien untersagen. Alternativ wäre denkbar, einzelne Unternehmen als Monopolbetreiber öffentlicher Versorgungsnetze zu akzeptieren, den Zugang von Wettbewerbern zu diesen Netzen aber staatlich zu regulieren. "Es geht um mehr als um Kartellrecht oder Big Tech", so Khan. "Es geht darum, ob unsere Gesetze der Demokratie dienen."

In Washington sind die Reaktionen auf Bidens Plan geteilt. Während linke Aktionsgruppen schon "eine neue Zeit" heraufziehen sehen, warnen Kritiker vor einem "Kartellrechts-Hipstertum". Khan, von FTC-Vorstandsmitglied Rohit Chopra einst als "juristisches Wunderkind" gepriesen, hat derweil auch daheim noch einiges zu tun: Wie die New York Times einst erfuhr, kauft ihr Mann Shah Ali oft online ein - gern bei Amazon.

© SZ
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