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Tarifrunde 2020:IG Metall bricht mit ihrer bisherigen Tarifpolitik

IG-Metall Demonstration bei Bosch

Eine IG-Metall-Demonstration bei Bosch im Bamberg vom 4. April 2019.

(Foto: dpa)
  • Die IG Metall fordert eine Art Tarif-Moratorium. Konkret sollen die Arbeitgeber sich dazu verpflichten, kein Personal abzubauen oder Standorte zu schließen.
  • Doch dieses Angebot von IG-Metall-Chef Hofmann ist mit einem Ultimatum versehen. Bis zum 3. Februar sollen die Arbeitgebervertreter erklären, "ob sie diesen Weg mitgehen wollen".
  • Die Arbeitgeber reagieren bislang zurückhaltend.

Vier Millionen Menschen arbeiten in der Metall- und Elektroindustrie - und in der bevorstehenden Tarifrunde ist es der IG Metall wichtiger, deren Jobs zu sichern, als erneut die Löhne deutlich zu erhöhen. Der Gewerkschaftsvorsitzende Jörg Hofmann sagte am Freitag in Frankfurt am Main, er werde diesmal "keine bezifferte Forderung zur Erhöhung der Entgelte" stellen. Stattdessen biete er den Arbeitgebern ein "Moratorium für einen fairen Wandel" an. Zuletzt hatte die Gewerkschaft während der Finanzkrise im Jahr 2010 auf eine bezifferte Forderung verzichtet. Beim vergangenen Mal, vor zwei Jahren, betrug diese noch sechs Prozent.

Hofmann bemühte sich jedoch, seine Konzilianz in einem vorwurfsvollen Ton vorzutragen - wie bei der IG Metall üblich. Wegen Rezession und Übergang zur Elektromobilität steht vor allem die Autobranche vor einem Wandel, dessen Ausmaß derzeit noch niemand absehen kann. Hofmann kleidete dies in die Bemerkung, die Hälfte der Unternehmen habe "keine oder keine ausreichende Strategie, um die Transformation zu bewältigen". Der Problemdruck in den Betrieben sei groß. "Es stehen Entscheidungen an, ob und wie mit den Belegschaften die Zukunft gestaltet werden kann." Ein Moratorium stellt sich die IG Metall folgendermaßen vor: Die Arbeitgeber sollten sich bereit erklären, "keine einseitigen Maßnahmen zum Personalabbau, zur Verlagerung von Produkten mit Zukunftsperspektive und zur Schließung von Standorten zu ergreifen". Die Gewerkschaft wiederum strebe "Zukunftstarifverträge" an, und zwar Betrieb für Betrieb. Darin sollten konkrete "Investitions- und Produktperspektiven für Standorte und Beschäftigte", Weiterbildung und der Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen geregelt sein.

Mit dieser Linie ändert die Gewerkschaft ihre Tarifpolitik fundamental. In den vergangenen Jahren war es ihr vor allem darum gegangen, den Beschäftigten zu deutlich mehr Geld zu verhelfen, zum Teil verbunden mit Kürzungen der Arbeitszeit. Weil sie vor allem in Großbetrieben gut organisiert ist, konnte sie dieses Ziel mit Hilfe von Streiks auch weitgehend durchsetzen. Die Folge war jedoch eine anhaltende Verbitterung im Arbeitgeberlager, verbunden mit der Diskussion in vielen Firmen, ob man wirklich tarifgebunden bleiben solle. Diese Verbitterung und auch die Rezession - die bei der IG Metall jedoch nur "Delle" oder "Eintrübung" genannt wird - haben nun offenbar bei der Gewerkschaft den Kurswechsel ausgelöst. Indem sie Tarifverträge Betrieb für Betrieb anbietet, geht sie zudem auf die langjährige Kritik der Arbeitgeber ein, der branchenweit geltende Tarifvertrag passe in vielen Betrieben nicht zu deren Lage.

Darüber hinaus bietet die Gewerkschaft sogar an, mit den "Zukunftstarifverträgen" vor Ende der Friedenspflicht fertig zu werden. Diese läuft am 28. April aus. Zu den unausgesprochenen Regeln von Metall-Tarifrunden gehört es bisher, die Arbeitgeber zumindest mit Warnstreiks zu belegen. Normalerweise gilt in der Gewerkschaft nur ein erkämpfter Abschluss als guter Abschluss; außerdem sind Warnstreiks immer nützlich, wenn es darum geht, bisherige Mitglieder zu binden und neue anzuwerben.

IG-Metall-Chef Hofmann versah sein Angebot jedoch mit einem Ultimatum. Er verlangte von den Arbeitgebern, bis zum 3. Februar zu erklären, "ob sie diesen Weg mitgehen wollen". An dem Tag ist die nächste Vorstandssitzung der Gewerkschaft; für diese war bisher vorgesehen, die "Forderungsempfehlung" zu beschließen. Vor einer Tarifrunde empfiehlt der Vorstand immer eine Forderung, über die wird dann an der Basis diskutiert, und einige Wochen später folgt sodann die offizielle Forderung. Sollte es bis zum 3. Februar keine Mitteilung der Arbeitgeber geben, "wird die IG Metall auf dem üblichen Weg ihre Forderung für die Tarifrunde stellen", sagte Hofmann.

Die Arbeitgeber reagieren bislang zurückhaltend. Ihr Verband Gesamtmetall begrüßte es, "dass die IG Metall den Ernst der Lage erkannt hat". Zugleich nahm der Verband die Firmen in Schutz. Jedes Unternehmen prüfe ununterbrochen, ob Produkte, Produktion, Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten noch passten. Gesamtmetall bot der Gewerkschaft Gespräche an. "Wir sind überzeugt davon, dass der Wandel gelingen wird, wenn wir zusammen weiterdenken", hieß es in einer Stellungnahme.

Mit dem "Moratorium" ist bei der IG Metall jedoch offenbar nicht die Vorstellung verbunden, dass es diesmal gar keine Lohnerhöhungen geben soll. Sie will sich auch nicht mit Einmalzahlungen begnügen, sondern strebt prozentuale Lohnerhöhungen an, "die die Kaufkraft der Beschäftigten stärken". Übersetzt heißt dies, dass die Lohnsteigerungen oberhalb der Inflationsrate liegen sollen. Dies beträgt derzeit 1,5 Prozent.

© SZ.de/mxh
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