Geldanlage:Die Deutschen kaufen kaum noch Gold

Geldanlage: Goldbarren im Tresorraum des Goldhändlers Pro Aurum am Hauptsitz in München.

Goldbarren im Tresorraum des Goldhändlers Pro Aurum am Hauptsitz in München.

(Foto: Catherina Hess)

Trotz Kriegen und Krisen ist Gold so wenig gefragt wie lange nicht mehr. Warum Barren und Münzen ihre Faszination verlieren.

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Wer das Herzstück des Goldgeschäfts an der noblen Berliner Hardenbergstraße sehen will, muss eine enge Wendeltreppe hinabsteigen in den Keller. Auf orangenem Linolboden sind dort sechs tonnenschwere Metalltüren in die Wand eingelassen. "Jede einzelne wiegt circa zwei Tonnen", sagt Mitarbeiterin Steffi Tränkler, während ihr Schlüsselbund im Tresor klickert. Bislang lagerten Kundinnen und Kunden in den Tresoren des Goldhauses Pro Aurum vor allem viel Gold ein, im vergangenen Jahr könnten manche jedoch erstmals seit langem auch Barren und Münzen herausgeholt haben.

Neue Zahlen des World Gold Council zeigen, wie dramatisch sich die Haltung der Menschen in Deutschland zu ihrem einstigen Lieblingsmetall gewandelt hat: Während Kundinnen und Kunden im Jahr 2022 hierzulande noch 185 Tonnen Münzen und Barren kauften, brach die Nachfrage im vergangenen Jahr um 75 Prozent ein. Trotz wankender Banken, eines neuen Kriegs in Nahost und Rezessionssorgen scheint die Liebe der Deutschen zum vermeintlichen Krisenmetall erkaltet. Statt der sprichwörtlichen Flucht ins Gold heißt es jetzt: Flucht aus dem Gold.

Was das World Gold Council in statistischen Tabellen fasst, sieht Benjamin Summa vom Goldhaus Pro Aurum jeden Tag in der Beratung. Selbst gutsituierte Menschen würden angesichts des gestiegenen Preisniveaus ihre Großkäufe vertagen. "Auf jeden Käufer kamen etwa 2,5 Verkäufer", sagt Summa. Umgekehrt verkauften viele zu den rekordhohen Preisen von knapp 2000 Euro ihr edles Metall lieber an das Goldhaus. Manche Kunden machen Gold wohl auch zu Geld, weil sie damit größere Investitionen stemmen - und zum Beispiel eine Wärmepumpe einbauen wollen.

Doch selbst potenzielle Käufer rechnen seit dem vergangenen Jahr genauer, ob sich das schimmernde Metall für sie lohnt: Nach mehr als zehn Jahren Null- und Niedrigzinsen sind nach den Leitzinsen auch die Festgeldzinsen stellenweise wieder auf mehr als vier Prozent gestiegen. Anstatt Tausende Euro in ein zinsloses Metall zu stecken, setzten viele Privatanleger also wieder stark auf Zinsanlagen. Auch Daten der Bundesbank zeigen, dass die Menschen alleine in den ersten drei Quartalen des abgelaufenen Jahres 133 Milliarden Euro in Termineinlagen wie Festgeldkonten schoben. Das rekordhohe Interesse an gutverzinsten Anleihen kommt wohlgemerkt noch obendrauf.

Geopolitische Krisen haben kaum Einfluss auf die Gold-Nachfrage

Wie fundamental der Sinneswandel am Anlagemarkt ist, hat Summas Goldhaus sogar in einer repräsentativen Umfrage ausgewertet: Billigten die Privatleute im Jahr 2022 noch dem gelben Metall die größten langfristigen Ertragschancen zu, fiel Gold im vergangenen Jahr auf Platz zwei zurück. Dabei konnte nach Analysen der Lobbyorganisation World Gold Council nicht einmal der Krieg im Nahen Osten die Menschen so stark verunsichern, dass sie deswegen mehr Gold gekauft hätten: "Die kurzlebige Zunahme an Sorgen über geopolitische Spannungen im vierten Quartal hatte keinen nennenswerten Einfluss auf die Nachfrage", konstatieren die Edelmetallexperten in ihrem Bericht.

Vielsagend ist hingegen, welche Kunden trotzdem zugegriffen haben: In China kauften die Menschen nicht nur zehn Prozent mehr Schmuck, die Nachfrage nach Barren und Münzen legte sogar um knapp 30 Prozent zu. Auch nach dem Ende der drakonischen Pandemie-Lockdowns kommt das Land schließlich nicht aus der wirtschaftlichen Anämie, schlittert immer tiefer in eine jahrelange Immobilienkrise. Da Chinesen nicht beliebig hohe Geldsummen ins Ausland transferieren dürfen, müssen sie sich im eigenen Land nach interessanten Anlagen umschauen.

Der heimische Aktien-Leitindex CSI 300 ist seit Anfang 2021 jedoch um mehr als 40 Prozent eingebrochen, weil die Pekinger Führung die aussichtsreichen Techkonzerne strenger reguliert. Gleichzeitig will angesichts der Immobilienkrise kaum jemand in Wohnungen oder Häuser investieren, aus Mangel an Anlagealternativen hatte sich dort sowieso eine Blase gebildet. Da die Banken im eigenen Land obendrein notorisch niedrige Sparzinsen bieten, bleibt vielen Menschen nur die Flucht ins Gold.

In der Türkei haben die Menschen wiederum 23 Prozent mehr Münzen und Barren gekauft als im Vorjahr. Dort dürfte die enteilende Inflation trotz höherer Leitzinsen vor den Kommunalwahlen in diesem Jahr kaum abebben, könnte der Staat doch üppige Vorwahlgeschenke verteilen. Viele Menschen sind angesichts offizieller Inflationsraten von mehr als 60 Prozent gar so verzweifelt, dass sie Goldschmuck nicht für Hals, Ohr, Finger oder Handgelenk kaufen, sondern als Investment und Wertspeicher für den eigenen Tresor.

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