Kommentar:Atomkraftwerke gehören nicht in Öko-Fonds

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Björn Finke

Björn Finke bezieht in seinem Haus in Brüssel Öko-Strom – echten. Illustration: Bernd Schifferdecker

Die EU-Kommission legt gerade fest, welche wirtschaftlichen Aktivitäten nachhaltig sind und welche nicht. Kernenergie soll demnach "grün" werden - ein schwerer Fehler.

Von Björn Finke

Wer sein Geld in Öko-Aktienfonds steckt, könnte damit künftig auch Betreiber von Atomkraftwerken unterstützen. Aus deutscher Sicht klingt das absurd, und doch strebt die EU-Kommission offenbar genau so eine Regelung an. Brüssel erstellt gerade eine sogenannte Taxonomie: einen Kriterienkatalog, der bestimmt, welche wirtschaftlichen Aktivitäten umwelt- und klimafreundlich sind und welche nicht. Anfang Dezember soll die Entscheidung fallen, was für Atom- und Gasmeiler gilt - und alles deutet darauf hin, dass die Behörde Kernkraftwerke als nachhaltig einstuft.

Das aber wäre ein schwerer Fehler. Schließlich kann die Kommission dann ihre Hoffnungen begraben, dass diese Taxonomie so etwas wie der neue Goldstandard wird, an dem sich Investmentfonds weltweit ausrichten. Die meisten Anleger, die sich für grüne Fonds interessieren, fänden die Idee wohl schauderhaft, dass ihr Erspartes neben Solarstromfirmen auch Kernkraftwerksbetreibern zugutekommt, allein schon wegen der ungeklärten Endlagerfrage. Selbst im atomfreundlichen Frankreich schließt "Greenfin", das nationale Siegel für Öko-Investments, diese Branche aus. Grüne Fonds werden daher weiter andere Kriterienkataloge für ihre Aktienauswahl nutzen als die EU-Taxonomie. Ansonsten müssten die Fondsgesellschaften befürchten, dass umweltbewusste Anleger ihre Produkte schmähen, weil sie Kernkraft-Aktien und -Anleihen enthalten dürfen.

Solch ein Misserfolg wäre ein Jammer, denn die EU ist mit ihrer Taxonomie ein weltweiter Vorreiter. Mit diesem Klassifizierungssystem will Brüssel der Gefahr begegnen, dass Firmen oder Investmentfonds sogenanntes greenwashing betreiben, sich also als grüner verkaufen, als sie es in Wirklichkeit sind. Die Taxonomie soll das Vertrauen in Öko-Finanzprodukte erhöhen und damit mehr Anlegergeld anlocken. So will die Kommission mehr Investitionen in klima- und umweltfreundliche Aktivitäten lenken.

Wenn aber die Taxonomie Aktien und Anleihen der Atombranche für nachhaltig erklärt, wird das bei den allermeisten grün angehauchten Anlegern kein Vertrauen schaffen, sondern vernichten. Dass die Kommission trotzdem diesen Weg beschreitet, liegt an einem umstrittenen Gutachten - und an den politischen Realitäten. So kam der wissenschaftliche Dienst der Kommission im Frühjahr zum Schluss, dass Kernkraft durchaus nachhaltig sei. Kritiker monieren freilich, dass diese Studie die Risiken ausblende. Wichtiger als die Untersuchung ist jedoch ohnehin, dass die Gruppe der Kernkraft-Fans unter den EU-Regierungen inzwischen deutlich größer ist als jene der Gegner.

Deutschlands Sonderweg wirkt nicht gerade nachahmenswert

Zu den Gegnern gehört auch die Bundesregierung. Die Mehrheitsverhältnisse in der EU werden allerdings keine Blockade der Taxonomie erlauben - zur Freude von Atombefürwortern wie Frankreich. Paris will Meiler modernisieren und neue bauen, und mit dem grünen Siegel wird es für den Staatskonzern EDF billiger, sich das nötige Geld an den Finanzmärkten zu beschaffen. Zudem wird die Taxonomie als offizielle EU-Definition, was ökologisch ist, bei Subventionsprüfungen eine Rolle spielen: Die Kommission wird Förderprogramme der Regierungen eher genehmigen, wenn sie der Umwelt helfen.

Zahlreiche Mitgliedsstaaten sehen die Kernkraft als wichtige Brückentechnologie auf dem Weg zur klimafreundlichen Stromversorgung. Das muss man nicht gut finden, aber doch respektieren. Zumal der deutsche Sonderweg bislang nicht sehr nachahmenswert wirkt. Im Gegenteil halten es viele EU-Partner für bizarr, dass Europas größte Volkswirtschaft 2022 die letzten Atommeiler abschaltet, obwohl die Lücke nicht mit erneuerbaren Energien geschlossen werden kann. Die Folge ist schlicht, dass Deutschland weiter den Klimakiller Kohle verfeuern muss und abhängiger wird von russischem Gas und Atomstromimporten aus Frankreich. So gesehen dient es sogar deutschen Interessen, dass Paris seine Atommeiler modernisiert.

Die Gemengelage ist also schwierig für die Kommission. Trotzdem ist es töricht, die Taxonomie aus Anlegersicht zu entwerten. Viel klüger wäre es, einfach eine besondere Kategorie für Atomkraft einzuführen: Die Behörde sollte sie zur Brückentechnologie erklären, die unter bestimmten Bedingungen förderwürdig ist - die aber nichts in Öko-Fonds verloren hat.

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