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EZB in der Euro-Krise:Wird Weidmann noch mal einen Warnbrief schreiben?

Wenn Weidmann argwöhnt, das viele billige EZB-Geld diene dazu, marode Banken in Südeuropa am Leben zu erhalten, dann dürfte das beim Südeuropäer Draghi auf Widerstand stoßen. Schließlich hat der Bundesbanker noch nicht dargelegt, um welche Finanzhäuser es sich konkret handelt.

Deutsche Bundesbank President Jens Weidmann News Conference

Bundesbankpräsident Jens Weidmann auf einer Pressekonferenz in Frankfurt.

(Foto: Bloomberg)

Der britische Autor David Marsh hat die deutschen Währungshüter zu D-Mark-Zeiten als "Evangelisten der Hochfinanz" bezeichnet. Die Frage ist, ob die Evangelisten den Euro-Kollegen eine vernünftige Geldpolitik zutrauen.

Es war in den siebziger Jahren, da verließ der Jesuitenschüler Draghi seine Heimatstadt Rom. Er hatte sein Studium der Ökonomie mit Bestnote absolviert, dafür gab es ein Stipendium fürs Massachusetts Institute of Technology (MIT). Dort studierte Draghi bei Nobelpreisträger Paul Samuelson. In Italien erlebte Draghi damals hohe Inflationsraten und Währungsturbulenzen. Er blickte bewundernd nach Norden - dort stabilisierte die Bundesbank die Inflation - gegen den Willen der Amerikaner.

Die Deutschen hatten recht mit ihrer Geldpolitik. Das imponierte dem Mann aus Rom. Seitdem schätzt er die deutsche Stabilitätskultur. Nun wohnt er in diesem Land. In Frankfurter Restaurants erkennt man ihn, er wird angesprochen. Shakehands. Das freut den Italiener. Er weiß um die deutsche Seele, um die traumatischen Erfahrungen der Inflation von 1923. Er kennt die Sorgen vieler deutscher Geldpolitiker, für die ausgemacht ist, dass die EZB zu viel Geld verschenke. Ex-Bundesbank-Chef Helmut Schlesinger sprach von Dimensionen, die "an die Kriegsfinanzierung erinnern".

Ja, es ist Krieg. Es ist ein Krieg gegen Schulden, der mit neuen Schulden geführt wird. Draghi kennt auch die Ängste der Bundesbanker, die fürchten, die Zentralbank werde zum Büttel der Politiker. Man kann ja über alles reden. Aber es gibt Grenzen, rote Linien, und die darf aus seiner Sicht keiner überschreiten. Auch nicht Weidmann.

Zum Beispiel wollen die Notenbanker im EZB-Rat von keinem Kollegen coram publico hören, was sie künftig entscheiden sollen. Und, noch wichtiger: Weidmann darf zwar fordern, dass über den Ausstieg aus den Euro-Hilfen nachgedacht wird. Den Exit nun zu fordern, würde aber die rote Linie überschreiten. Mit seiner Forderung nach einem Konzept für den Ausstieg ist Weidmann also nah dran an Draghis Grenze. Und dann war da noch der Brief Weidmanns an Draghi, in dem der Deutsche vor den Risiken der EZB-Politik warnte. Der Brief kam an die Öffentlichkeit, man weiß nicht, wer ihn lanciert hat. Weidmann sagt, er sei's nicht gewesen.

Wird Weidmann noch einmal einen solchen Warnbrief schreiben? Oder wird jetzt nur noch telefoniert?

Draghi hält alle Risiken für kontrollierbar. Die EZB hat Staatsanleihen im Wert von 218 Milliarden Euro gekauft - riskant, ja, aber bislang ein Profitgeschäft, denn die Zinsen der Bonds fließen in die EZB-Kasse. Die Inflationsraten in der Euro-Zone steigen, aber im Vergleich zur langen Geschichte der Bundesbank steht die EZB im Schnitt besser da.

Notenbanker bezeichnen sich immer wieder als unabhängig von der Politik - dennoch sind sie mittendrin.

© SZ vom 23.03.2012/mane

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