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Kolumne: Silicon Beach:Anonymous gegen Elon

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise, Helmut Martin-Jung, Jürgen Schmieder und Kathrin Werner im Wechsel.

(Foto: Bernd Schifferdecker)

Die neue Aufregung um Elon Musk ist deshalb interessant, weil nach einem Video der Hackergruppe Anonymous heftig darüber gestritten wird, was der Milliardär wirklich ist: Superheld wie Iron Man oder doch eher Bösewicht in einem Bond-Abenteuer?

Von Jürgen Schmieder

Es gibt mal wieder Aufregung um Elon Musk. Der Chef des Elektroautobauers Tesla und der Raumfahrtfirma Space-X ist ja vor allem ein Visionär darin, andauernd neue Wege zu finden, damit sich die Leute für ihn und seine Pläne interessieren, und auch darum geht es diesmal: um dieses beinahe manische Bedürfnis, permanent etwas zu tun, über das die Leute debattieren, anstatt sich um die Realisierung seiner ehrgeizigen Ziele zu kümmern - also Weltenrettung durch nachhaltigen Personentransport oder, sollte das mit der Rettung dieses Planeten nicht funktionieren: Übersiedlung auf den Mars. Der aktuelle Trubel ist anders, weil er gleich drei Elemente enthält: Kryptowährung, die Hackergruppe Anonymous und die Essenz von Musks Dasein.

Die digitale Vereinigung Anonymous, vom Magazin Time 2012 in die Liste der einflussreichsten Menschen aufgenommen, veröffentlichte zu Beginn der Woche ein Video - an Musk gerichtet. Eine Person mit der Anonymous-typischen Guy-Fawkes-Maske lobt Musk zunächst: "Du hast in den vergangenen Jahren mit den besten Ruf unter Milliardären genossen, weil du die Sehnsucht von vielen nach Elektroautos und Erkundung des Weltalls bedienst." Dann wird es ernst: "In letzter Zeit bröckelt dieses sorgfältig erstellte Image, und die Leute beginnen, dich als nichts weiter wahrzunehmen als noch einen narzisstischen reichen Typen, der verzweifelt um Aufmerksamkeit buhlt. Es sieht so aus, als fuße das Streben nach Weltenrettung weniger auf Besorgnis um die Menschheit als vielmehr auf Überlegenheitsgefühl und Retterkomplex."

Dann werden all die Dinge aufgezählt, die klassische Medien seit Jahren erwähnen: die Beleidigungen gegen all jene, die seine Visionen nicht hundertprozentig teilen; die Arbeitsbedingungen in seinen Fabriken und dass er, der Weltenretter, in Lithium-Minen die Rohstoffe für Tesla-Batterien fördern lasse und für 1,5 Milliarden Dollar Bitcoin kaufe, obwohl das Schürfen der Kryptowährung unfassbar viel Energie verbraucht. Also keine neuen Vorwürfe, es ist vielmehr interessant, dass sie nun von der Hackergruppe stammen, die über immense Reichweite verfügt. Am Ende des Videos heißt es: "Kann schon sein, dass du glaubst, die schlaueste Person im Raum zu sein, aber jetzt triffst du auf einen ebenbürtigen Gegner."

Bislang war Anonymous eher aus politischen Gründen aktiv, gegen Scientology, den Technikkonzern Sony, die Regierung von Simbabwe. Nun geht es gegen eine Person, und es ist interessant, was seitdem passiert ist. In den vergangenen Wochen wurde immer wieder mal über die vermeintliche Macht von Musk debattiert, den Kurs von Kryptowährungen wie Bitcoin oder Dogecoin über Twitter und TV-Auftritte beeinflussen zu können. In der US-Satiresendung "Saturday Night Live" (SNL) gab er kürzlich den "Dogefather", bei Twitter erklärte er, den Kurs zum Mond schicken zu wollen. Er kündigte an, Tesla werde Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptieren, und nahm das ein paar Wochen später wieder zurück. Der Kurs der Währungen reagiert jeweils heftig, Musk schien das Spaß zu machen. Anonymous wirft ihm nun vor: "Es sieht so aus, als hätten deine Spielchen mit Kryptomärkten die Existenzen von Leuten zerstört." Also die von Kleinanlegern, die auf Musks Twitter-Einträge hin investierten und nun, nach massiven Kurseinbrüchen, viel Geld verloren haben. Dogecoin etwa brach in vier Wochen um knapp 50 Prozent ein. Musk kommentierte das mit einem vermeintlich witzigen Twitter-Eintrag, bei dem jemand weint wegen seiner Verluste. Natürlich könne Musk das nicht nachvollziehen, er sei in eine reiche südafrikanische Familie geboren worden und habe deshalb keine Ahnung von den Problemen normaler Leute.

"Die Welt ist auf seinen Schultern."

Beim SNL-Auftritt lieferte Musk, dessen Vermögen auf 150 Milliarden Dollar geschätzt wird, eine Musk-typische Rechtfertigung für all seine irren Taten und Aussagen: "An alle, die ich jemals beleidigt habe: Ich habe Elektroautos neu erfunden und schicke Leute in Raketen zum Mars - habt ihr geglaubt, dass ich ein ganz normaler, lockerer Typ bin?" So begründen das auch seine treuen Fans, die nach dem Video den Twitter-Hashtag #weloveyouelon haben trenden lassen: Jemand, der die Welt rettet, kann eben nicht ganz normal sein. Wer Musk nicht versteht, der kapiert nun mal nicht, worum es wirklich geht. Und jeder ist doch selbst verantwortlich dafür, worin er Geld investiert. Seine Mutter Maye veröffentlichte ein Bild von ihm als kleinen Jungen und schrieb: "So glücklich, dass #weloveyuelon trendet - hoffe, dass er dieses riesige Grinsen im Gesicht trägt. Die Welt ist auf seinen Schultern. Und Mars."

Nur, und das ist neu: Unter dem Hashtag sind mindestens so viele böse Einträge wie Fanbotschaften zu lesen, und gar nicht mal so wenige stellen die Frage: Könnte es sein, dass dieser Typ, der sich gerne als der Superheld Iron Man darstellt, eher der Bösewicht in einem James-Bond-Film ist? In den Sinn kommt freilich sofort Dominic Green aus dem Abenteuer "Quantum of Solace", der sich öffentlich als Umweltschützer ausgibt und auch als solcher gefeiert wird, hinter den Kulissen aber sinister an Reichtum und Macht bastelt. Also, auch das ist ein Vorwurf, der lange im Raum steht und nun im Anonymous-Video erneut aufgegriffen wurde: Nutzt Tesla diese staatlichen Subventionen für die Entwicklung umweltfreundlicher Transportmittel dafür, in Klimakiller-Kryptowährungen zu investieren?

Man wird abwarten müssen, ob Anonymous wirklich was gegen Musk unternimmt. Die Vereinigung ist bekannt dafür, Worten durchaus auch Taten folgen zu lassen, mit unterschiedlichem Erfolg allerdings.

© SZ
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