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Coronavirus-Pandemie:Diese Krise ist wie Lehman, nur gefährlicher

Das Coronavirus legt auch das soziale Leben lahm, so wie am Pantheon in Rom.

(Foto: VINCENZO PINTO/AFP)
  • Bei der Analyse der Coronavirus-Krise drängt sich ein Vergleich mit der großen Finanzkrise des Jahres 2008 auf.
  • Die infizierte damals das globale Bankensystem - doch das Coronavirus infiziert Menschen und damit auch die gesamte Volkswirtschaft.

Als wäre nicht alles schon schlimm genug, schreibt dann auch noch eine Zeitung, dass wegen des Coronavirus die Münchner Wirtshäuser zugesperrt werden müssen. Kneipen dicht? In München? In Zeiten extremer Verunsicherung gibt es viele Meldungen, weil inzwischen allerhand vorstellbar ist. Die Branche dementierte sofort. Man habe lediglich darüber gesprochen, "wie wir angesichts der Coronakrise die Arbeitsplätze unserer 40 000 Mitarbeiter in München sichern können", sagt der Wiesn-Wirt Christian Schottenhamel vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga. "Betriebe zu schließen wäre hier exakt das Gegenteil dessen, was uns jetzt weiterhelfen würde." Kurz darauf dann teilte der Verband noch mit, die "Auswirkungen der Coronakrise auf das bayerische Gastgewerbe" seien nicht etwa ernst, sie seien vielmehr "dramatisch, sie sind existenzbedrohend".

Dies ist wahrscheinlich schon einer der wesentlichen Unterschiede zur großen Finanzkrise des Jahres 2008. Damals konnten die Menschen auch während der Turbulenzen noch um die Häuser ziehen, ohne Angst haben zu müssen, krank zu werden. Denn die Krise kam damals aus dem Finanzsystem und sie infizierte mit ihren faulen Wertpapieren - den Folgen brandgefährlicher Spekulationen - zunächst einmal die Bilanzen großer und kleiner Banken. Selbst als die US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 im Strudel der Krise unterging, war klar, was zu tun ist: Wer verhindern wollte, dass das Virus auf die Realwirtschaft überschwappte, musste den Banken helfen.

Das Coronavirus aber steht für eine gänzlich anders geartete Krise. Das Virus infiziert Menschen - Arbeitnehmer und Konsumenten aus allen sozialen Schichten, aus allen Berufsgruppen und allen Regionen, kurzum: die gesamte Volkswirtschaft. Vieles, was Menschen normalerweise tun - im Restaurant essen, eine Modeschau organisieren, nach Italien fahren, ein Auto kaufen - tun sie jetzt nicht mehr. Deshalb steigt weltweit die Rezessionsgefahr, und deshalb lautet die große Frage: Was kann man aus der Finanzkrise von 2008 lernen? Und was ist heute ganz anders? Was geht noch, und was geht nicht?

Im schwarzen Oktober 2008 konnten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) die Menschen noch mit einem Satz beruhigen: "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind." Das geht heute nicht mehr so einfach, denn der Lauf des Geldes ist anderes als der Verlauf eines Virus. Was damals half und auch heute helfen kann: Liquiditätshilfen, wie jetzt von der Fluggesellschaft Lufthansa erhofft, Kurzarbeitergeld, verstärkte Investitionen der öffentlichen Hand. Die Hoffnung: Dass Überbrückungskredite, Bürgschaften und Steuerstundungen den oft kleinen und mittleren Betrieben helfen, die schweren Umsatzeinbußen dieser Tage und Wochen zu überstehen. Denn das war die Lehre vor zehn Jahren: Die Wirtschaft schrumpfte zwar um fünf Prozent - der Arbeitsmarkt jedoch blieb dank der Maßnahmen relativ stabil.

Das Coronavirus jedoch ist möglicherweise noch tückischer, als es die toxischen Verbriefungspapiere der Banken waren. Es bedroht alle Bereiche der Volkswirtschaft gleichermaßen, die Zahl der Brände, die gelöscht werden müssen, ist heute ungleich größer als damals. Es geht, wenn man so will, von der Eckkneipe über den Friseur bis zum globalen Autobauer.

Die US-Bürger wissen nun: Nennenswerte Hilfe ist von Trump nicht zu erwarten

Außerdem war das politische Umfeld seinerzeit ein anderes. Allen Beteiligten war damals ziemlich schnell klar, dass sie die Probleme nicht gegeneinander, sondern nur durch eine gemeinsame internationale Kraftanstrengung würden lösen können. Bereits Mitte November 2008, nur wenige Wochen nach der Lehman-Pleite, trafen sich die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer in Washington, um ein Maßnahmenpaket abzustimmen. Und noch ein Unterschied: Im Weißen Haus residierte damals mit George W. Bush ein Präsident, der zwar auch nicht gerade als brillanter Kopf galt. Zumindest aber war er bereit, die Probleme anzugehen - ohne Rücksicht auf persönliche Umfragewerte und ohne Schmähungen seiner politischen Gegner.

Knapp zwölf Jahre später, am Mittwoch dieser Woche, sitzt sein Nach-Nachfolger Donald Trump im Oval Office und versucht sich an einer Fernsehansprache. Trump wirkt fahrig, ganz so, als lese er den Text, der da vor ihm auf dem Teleprompter läuft, zum ersten Mal. Statt auf die Sorgen und Nöte der Menschen einzugehen, erklärt er, die USA hätten es mit einem "chinesischen", einem "ausländischen Virus" zu tun. Es klingt fast so, als spreche er nicht über eine Krankheit, sondern über einen militärischen Gegner. Ein internationaler Aktionsplan? Fehlanzeige. Stattdessen verkündet er versehentlich, dass für 30 Tage keine Waren aus Europa mehr in die USA geliefert werden dürften. Der Auftritt, mit dem Trump die Situation eigentlich beruhigen will, gerät in doppelter Hinsicht zur Katastrophe: An den Weltbörsen brechen die Kurse noch einmal kräftig ein. Und die Menschen in den USA wissen seither: Die Gedanken ihres Präsidenten kreisen selbst in der größten Bewährungsprobe seiner bisherigen Amtszeit nicht um die Probleme des Landes, sondern weiterhin ausschließlich um ihn selbst - nennenswerte Hilfe in der Sache ist von diesem Mann nicht zu erwarten. "Der Betreiber meines Fitnessstudios hat gerade einen sorgfältigeren, detaillierteren und durchdachteren Plan für den Umgang mit dem Coronavirus herumgeschickt als der Präsident der Vereinigten Staaten", twitterte ein Kinderarzt aus Maine.

Mit Zinssenkungen lässt sich das Virus nicht verscheuchen

Zu dieser Zeit sitzt EZB-Chefin Christine Lagarde in Frankfurt. Die Finanzmärkte drehen durch. Es ist Donnerstag, und alle schauen auf die EZB, den vermeintlich allmächtigen Magier. Wird es Lagarde Mario Draghi nachtun, der 2012 versprach, die Eurozone mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu retten - "koste es, was es wolle"? Doch die Französin sagt sinngemäß: "Non". Noch schlimmer ist ihre Antwort auf die Frage, wie man der italienischen Regierung helfen könne, deren Kreditzinsen im Vergleich zu Deutschland deutlich in die Höhe geschossen sind: "Wir sind nicht dafür da, diese Zinsunterschiede einzuebnen", erklärt Lagarde. In der Sache mag sie recht haben - aber es ist nicht das, was die Finanzmärkte hören wollen, es ist das Gegenteil einer vertrauensbildenden Maßnahme. Das Ergebnis: Der Kreditzins für Italien steigt noch weiter.

Lagarde hat zu ihrem Amtsantritt gesagt: "Ich werde anders sein", man solle sie nicht mit ihrem Vorgänger vergleichen. Anders ja, aber so anders? Lagarde selbst sieht es wohl so: Die Regierungen der EU-Staaten, ja die EU als Ganzes, seien nun gefordert. Und anders als eine Finanzkrise lässt sich das Coronavirus wohl eh nicht mit Zinssenkungen verscheuchen, zumal die EZB den Leitzins schon längst bei null Prozent fixiert hat. Und: Was sollen Unternehmen in Zeiten der Coronakrise auch mit dem billigen Geld machen?

Solange sich das Virus über den Globus verteilt und Lieferketten auseinanderreißen, wird die Wirtschaft kaum in größerem Stil investieren. Auch der negative Einlagenzins scheint weitgehend ausgereizt zu sein, zumal diese Maßnahme den Banken zum Teil schadet und die Sparer gegen die EZB aufbringt. Und so beschließen Lagarde und ihre Kollegen am Donnerstag zwar Liquiditätsspritzen für Banken. Der Leitzins aber bleibt unverändert. Draghis Arsenal - aber praktisch leer gefeuert.

Auch die US-Notenbank Fed, die in früheren Abschwüngen den Leitzins gern um vier oder fünf Prozentpunkte senkte, hat nicht mehr viel Spielraum. Ihr wichtigster Leitsatz lag bereits zu Beginn der Krise bei nur gut einem Prozent. Auch der Kauf von Staatsanleihen, der sonst dazu dient, die Langfristzinsen nach unten zu drücken, wird diesmal weit weniger wirksam sein als früher, da auch die Langfristsätze nur noch knapp über der Nulllinie rangieren.

Das alles hält Trump nicht davon ab, den Währungshütern bei seiner verzweifelten Suche nach einem Schuldigen für die sich abzeichnende Wirtschaftsflaute Untätigkeit vorzuwerfen. Fed-Chef Jerome Powell hat jedoch keinerlei Handhabe, einem Autohersteller Bauteile zur Verfügung zu stellen, die aufgrund gesprengter Lieferketten fehlen und die Produktion zum Stillstand bringen. Er kann weder den Handel ankurbeln, noch den Restaurants des Landes ihre Umsatzeinbußen ersetzen, die sie mangels Gästen oder wegen staatlich angeordneter Schließungen erleiden.

In Berlin versuchte die Regierung am Freitag gegenzusteuern. Dazu gehörte ein Gesetz zur Erleichterung von Kurzarbeit für Firmen, denen die Aufträge wegbrechen. Und: Die Bundesregierung kündigte unbegrenzte Kredite für Betriebe an, die Probleme haben. Unbegrenzt - das klingt, durchaus beabsichtigt, fast schon nach einer neuen Waffe. Nur dass sie diesmal nicht von der EZB kommt.

© SZ vom 14.03.2020/vit
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