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Luftverkehr und Corona:Wie groß ist das Ansteckungsrisiko auf Flügen?

27.01.2019, Schoenefeld, Brandenburg, GER - Menschen in einer Flugzeugkabine der Ryanair. (Airline, Billigflieger, Bill

Das Reisen im Flugzeug soll sich zwar aus hygienischen Gründen verändern, Sitze wollen die Fluggesellschaften aber nicht einsparen.

(Foto: Frank Sorge/Imago Images)

Fluggesellschaften wollen schon bald wieder Millionen Menschen um den Globus fliegen. Den Mittelsitz dabei frei zu lassen, sei nicht nötig, sagen sie - andere Dinge seien wichtiger.

Es besteht also noch Hoffnung für die Luftfahrtindustrie: In vielen europäischen Ländern werden rechtzeitig vor Beginn der Sommerferien die Kontaktrestriktionen (sehr weitgehend) gelockert, die Tourismusverbände machen Druck, auch internationale Reisen wieder zu ermöglichen, um den Kollaps von Hotels und Reiseveranstaltern zu verhindern. Aber geht das? Sich einfach wieder in ein enges Flugzeug setzen mit Hunderten anderer Passagiere, ohne sich das Coronavirus doch noch einzufangen?

Die Antwort der Industrie ist ein eindeutiges ja. Die Branche arbeitet seit Wochen an Konzepten, wie sie Flugreisen wieder im großen Stil ermöglichen kann und behauptet, dass die gesundheitlichen Risiken sehr beherrschbar seien. An den Flughäfen müssten die Abstandsregeln gewahrt werden, durch neue Verfahren beim Einchecken und Einsteigen. Unbedingt verhindern wollen die Fluggesellschaften allerdings, dass sie an Bord Sitze freihalten müssen, damit die Passagiere nicht zu eng nebeneinander sitzen. Sie argumentieren, dass es wirtschaftlich nicht machbar sei, halb leere Flugzeuge durch die Gegend zu fliegen - für den Gesundheitsschutz sei dies nämlich gar nicht notwendig.

Die Kalkulation ist die Folgende: Wenn immer der Nachbarsitz frei bleiben müsse, dann könnten Airlines laut International Air Transport Association (IATA) nur 62 Prozent aller Sitze verkaufen. Da auf einem Flug selten alle Plätze wirklich gefüllt sind, wäre die tatsächliche Auslastung noch deutlich geringer. Fluggesellschaften verdienen aber erst ab einer Auslastung von etwa 75 Prozent Geld (gemessen an den Preisen, die sie vor der Krise erreicht haben).

Die IATA geht aber davon aus, dass die Preise angesichts eines riesigen Angebots - Airlines wollen Zehntausende herumstehende Flugzeuge möglichst schnell wieder einsetzen - und eher schwacher Nachfrage bis weit ins Jahr 2021 deutlich unter das Vorkrisen-Niveau sinken werden. Um überhaupt eine Chance auf Gewinne zu haben, müssen die Maschinen also noch besser gefüllt werden. Oder die Preise müssten dem Branchenverband zufolge theoretisch um die Hälfte oder mehr steigen - dann fliegen aber umso weniger Passagiere.

Das Problem ließe sich also vermeiden, wenn aus Sicht des Gesundheitsschutzes nichts dagegen spräche, alle Sitze zu füllen. "Es hat keinen Sinn, den Mittelsitz frei zu lassen", sagt Airbus-Chefingenieur Jean-Brice Dumont. Die Luft in einem Flugzeug werde alle zwei bis drei Minuten komplett ausgetauscht, es gebe Filter, die auch bei Viren wirken. Die Qualität der Luft entspreche der in einem Operationssaal. Auch die Art und Weise, wie die Luft an Bord zirkuliert, helfe beim Schutz: Sie strömt von oben nach unten und wird unter dem Kabinenboden zu den Filtern geführt, wo auch die frische Luft aus der Umgebung des Flugzeuges beigemischt wird. Viel wichtiger sei, dass die Passagiere und das Personal sich richtig verhalten, also vor allem Masken tragen, und dass die Flugzeuge gründlich gereinigt werden.

Der Flugmediziner David Powell hat im Auftrag der IATA untersucht, wie groß das Risiko ist, sich an Bord von Flugzeugen mit Covid-19 anzustecken. In den bisher veröffentlichen Studien gibt es Powell zufolge keinen einzigen gesicherten Fall. Eine Umfrage bei Airlines, die rund 14 Prozent des weltweiten Luftverkehrs repräsentieren, ergab drei Verdachtsfälle, in denen Passagiere sich bei Crew-Mitgliedern angesteckt haben könnten, sowie vier Fälle, bei denen die Übertragung zwischen Piloten passiert sein könnte. Es ist allerdings unklar, ob an Bord oder später im Hotel. Kein einziges Mal haben sich demnach Passagiere gegenseitig angesteckt.

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Die Europäische Kommission hat für Mitte Mai Regeln versprochen, zu denen sie die Freigabe des Luftverkehrs unterstützen will und hofft darauf, dass sich alle Mitgliedsstaaten daran halten. Verkehrskommissarin Adina Vălean zufolge werden sie ein gewisses Maß an "Distancing" an den Flughäfen und an Bord beinhalten. Das deutsche Verkehrsministerium hat sich mit den hiesigen Branchenvertretern schon auf eine andere Linie geeinigt: Airlines dürfen alle Sitze verkaufen.

© SZ vom 09.05.2020/mxh
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