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Handel:Die große Angst vor Amazon

FILE: Workers At Amazon's UK Warehouses Told To Work Overtime To Tackle Huge Demand Due To The Coronavirus Pandemic

In vielen Standorten weltweit müssen Amazon-Mitarbeiter überstunden machen.

(Foto: Getty Images)

Ist die Corona-Krise eine Chance für Händler, ihr Onlinegeschäft zu stärken? Die meisten fürchten eher, dass jetzt vor allem der mächtige Erzfeind profitiert.

Der Gewinner der Corona-Krise? Bei oberflächlicher Betrachtung scheint das schnell ausgemacht: der Online-Handel. Wenn sonst fast alle Geschäfte geschlossen sind, muss doch der Online-Handel boomen. Enorme Zuwachsraten werden ebenfalls vermeldet: "Quarantäneprodukte, also Nahrungsmittel wie Pasta, Nudeln, Mehl und so weiter sind im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 300 Prozent gewachsen", sagt Jan Bechler, Gründer und Geschäftsführer der E-Commerce-Agentur Finc3 Commerce. Der Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln übers Netz schnellte um 400 Prozent nach oben, der von Medizinprodukten ebenfalls.

Doch tatsächlich sagen die Zahlen wenig aus über den Zustand der Online-Händler. Jeder zweite erwartet laut Onlineverband BEVH einen Umsatzrückgang. Mehr als die Hälfte der 135 befragten Unternehmen rechnen damit, wenigstens Teile des Geschäfts temporär schließen zu müssen.

Besonders schlimm sieht es bei den kleinen Händlern aus, die das E-Commerce-Netzwerk Händlerbund vertritt. In einer Schnellumfrage des Verbands unter mehr als 400 Online-Händlern gaben 70 Prozent an, von der Krise betroffen zu sein. Einer von ihnen ist Andreas Frank. Der Kleinunternehmer aus Ellwangen in Baden-Württemberg verkauft Einladungskarten für Feste und Flugtagebücher für Drohnen. "Die Verkäufe sind fast auf null gefallen", sagt er. "Niemand lädt jetzt zu Ostern ein oder zur Hochzeit, und wenn alle im Garten sitzen, lässt auch niemand eine Drohne fliegen", sagt er. Und selbst wenn er mal eine Karte verkauft, kommt sie nur schwer zum Kunden: Der örtliche Paketshop sei geschlossen, Amazon nehme vorerst keine Pakete an, und die Abholung läuft mehr schlecht als recht, berichtet Frank: "Die geben sich bestimmt Mühe, aber wenn die Logistik fehlt, killt das auch die Händler, die noch was verkaufen." Für seine einzige Halbtagskraft hat er bereits Kurzarbeit beantragt. Er selbst wird von seinen Ersparnissen leben. Ewig, so hofft der 51-Jährige, wird die Krise schon nicht gehen.

Nicht alle sind so zuversichtlich wie Frank, weshalb der Händlerbund bereits lautstark trommelt. In einem offenen Brief beschreibt der Verband die Situation mit dramatischen Worten: "Zahlreiche kleine und mittlere Onlineshops sehen sich im Bestand ihrer Existenz bedroht, Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel", heißt es darin. Der Verband fordert ebenso wie der BEVH staatliche Soforthilfen.

Besser geht es den großen deutsche Online-Händlern, wie eine exemplarische Auswertung des Zahlungsdienstleisters Computop zeigt. Viele Branchen konnten im Januar und Februar im Vergleich zum Vorjahr ein dickes Wachstum verbuchen. Erst in der zwölften Kalenderwoche schrumpfte es oder ging gar zurück. Das kann daran liegen, dass Menschen in der Krise nun sparsamer werden - oder das langfristig ein anderer der Gewinner ist: Amazon. Dafür spricht, dass laut Finc3 Commerce auch in den vergangenen Tagen noch 40 Prozent der Top 50 Suchanfragen auf Amazon.de Corona-Bezug hatten. Und dass manche Hersteller über Amazon Anfang März zehn Mal mehr Toilettenpapier verkauften als im Vorjahreszeitraum. Alles spricht für das "The winner takes it all"-Prinzip, dafür, dass Amazon noch stärker aus der Krise hervorgeht.

"Amazon hat den Vorteil gegenüber anderen Online-Händlern, ein schier unendliches Sortiment anbieten zu können", sagt E-Commerce-Experte Nils Zündorf. "Hinzu kommt: Manche Markenhersteller, die ihre Filialen schließen müssen und vorher ganz bewusst nicht auf Amazon verkaufen wollten, sind plötzlich auf Amazon angewiesen." Denn die Plattform bietet ihnen in der Krise die besten Verkaufschancen. Doch Zündorf relativiert: "Aber auch Amazon stößt an seine Grenzen: Es kann sein, dass Lebensmittel wie Nudeln ausverkauft sind, nicht ausreichend Fahrer zur Auslieferung zur Verfügung stehen oder in den Logistikzentren die Mitarbeiter fehlen, weil sie derzeit aus dem Ausland nicht nach Deutschland kommen können."

Noch ist es nicht so dramatisch wie in den USA oder anderen europäischen Ländern, wo Amazon sein Lieferversprechen zurückgezogen hat. In den USA etwa müssen Kunden, egal ob sie Prime-Mitglieder sind oder nicht, bis zu vier Wochen etwa auf Computerkabel warten. Logistikzentren wurden geschlossen, andere in Europa nicht, ob wohl es dort Corona-Fälle gab. Die Gewerkschaft Verdi kritisierte, dass Amazon Deutschland in Zeiten des grassierenden Coronavirus auch krankheitsbedingte Kündigungen ausgesprochen hat.

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Ein Amazon-Sprecher hingegen betont die Wertschätzung gerade gegenüber den Versandmitarbeitern. Um ihren Einsatz zu würdigen, zahle Amazon bis Ende April zusätzlich zwei Euro brutto pro gearbeitete Stunde, bei einem Stundenlohn von umgerechnet mindestens 11,10 Euro.

Amazon spricht eindeutig die Sprache des Gewinners. Das Unternehmen braucht keine Staatshilfe, sondern mehr Mitarbeiter, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Derzeit werden 350 zusätzliche Voll- und Teilzeitstellen in den Logistikzentren geschaffen. Der US-Händler wirbt dabei gezielt um die Kräfte, die gerade ihren Job verlieren in Hotels, Restaurants oder der Reisebranche. "Wir möchten, dass diese Menschen wissen, dass wir sie in unseren Teams willkommen heißen, bis sich die Dinge wieder normalisieren und ihr früherer Arbeitgeber in der Lage ist, sie weiter zu beschäftigen." Es geht hier also nicht um ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis.

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen weist darauf hin, dass auch Amazon seine Lieferbedingungen für Speditionsware wie Waschmaschinen oder Möbel geändert hat. Und das, obwohl der Onlinehandel derzeit fast die einzige Quelle ist, sich solche Ware noch zu besorgen.

"Bei Amazon und Otto, bei Ikea, AO und Ostermann endet der Lieferweg für Couch und Co. vor der Wohnungstür. Saturn und Mediamarkt setzen Großgeräte künftig sogar schon an der Haustür ab", schreiben die Verbraucherschützer. Harte Zeiten also auch für große Online-Händler.

© SZ vom 28.03.2020/vd
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