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Digitalwährung:China öffnet sich für den Bitcoin

FILE: Bitcoin Soars In Value

Für den Handel mit digitaler Währung sind riesige Rechenzentren nötig, und die verbrauchen sehr viel Strom.

(Foto: Qilai Shen/Bloomberg)
  • China vollzieht eine 180-Grad-Wende. Jenes Land, dass den Bitcoin ächtete wie kein zweites, will nun die Standards setzen.
  • Ende November veranstalteten die Behörden in Deqing, einer Stadt in der Provinz Zhejiang, sogar einen internationalen Blockchain-Gipfel.

Von Christoph Giesen, Peking

Es begann mit einer kryptischen Meldung der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua, verfasst am 24. Oktober 2019: "Das Politbüro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas führte die achtzehnte kollektive Studie über den aktuellen Stand und die Entwicklungen der Blockchain-Technologie unter dem Vorsitz von Xi Jinping durch, der eine wichtige Rede hielt, in der die Bedeutung der Entwicklung der Blockchain-Technologie und ihre Entwicklungsrichtung erläutert wurde." Es dauerte nicht lange, bis diese Meldung, in der es im Kern ausgerechnet um ein kryptografisches Verfahren geht, entschlüsselt wurde: China setzt auf die Blockchain.

Kaum ein Parteikader, der seitdem nicht davon faselt, die staatlichen Zeitungen schreiben beinahe täglich darüber und auch an der Börse sorgte die Bürokratenprosa von Xinhua für Furore: Der Preis für die Digitalmünze Bitcoin, die verbreiteteste Blockchain-Anwendung, stieg kurz nach Xis Rede um mehr als 25 Prozent auf über 10 000 Dollar. Aktien von Unternehmen, die mit Bitcoin ihr Geld verdienen, kletterten ebenfalls. Inzwischen hat sich der Bitcoin-Kurs wieder normalisiert, dennoch ist klar, jenes Land, dass die Bitcoin ächtete wie kein zweites auf der Welt, will nun die Standards setzen. Eine 180-Grad-Wendung.

Am bekanntesten ist die Bitcoin. Erschaffen wurde die Digitalwährung im Finanzkrisenjahr 2008: Ein Software-Entwickler, der sich Satoshi Nakamoto nannte, veröffentlichte damals ein Papier, in dem er auf neun Seiten das technische Prinzip hinter den digitalen Münzen skizzierte. Stark vereinfacht funktioniert es so: Kauft jemand etwas per Bitcoin und überweist den Betrag aus seiner virtuellen Geldbörse in eine andere, wird jede Zahlung in einem öffentlichen Register namens Blockchain aufgezeichnet; jede einzelne Münze lässt sich bis zum Zeitpunkt ihrer Entstehung zurückverfolgen und jede Überweisung bleibt gespeichert. So sollte ein System entstehen, das sich der staatlichen Kontrolle entzieht und Transaktionen von Nutzer zu Nutzer ermöglicht, ohne den Umweg über Banken und Zahlungsdienstleister. Keine Notenbank, keine staatliche Institution reguliert das System. Auch in China war das der Fall, bis September 2017, als die Führung in Peking den Handel untersagte.

Die Aufseher in China sorgten sich, dass sich mit Bitcoin illegale Aktivitäten finanzieren lassen. Der Sicherheitsapparat wollte Terror, Drogenhandel, Waffenschieberei, aber auch die ohnehin geächtete Kapitalflucht eindämmen. Und natürlich die Zockerei. Der Hang vieler Chinesen zum Hochrisiko, all das missfiel den Oberen in Peking. Digitales Bezahlen sehr gerne, aber bitte streng kontrolliert, wie bei den in China gängigen Diensten Alipay oder Wechat.

Der Handel in China war tabu, wer sich mit Blockchain befasste, musste sich fast rechtfertigen. Im vergangenen April setzte die Regierung gar sogenannte Bitcoin-Farmen auf eine Liste jener Branchen, die mittelfristig nicht mehr in China erwünscht sind. Damit eine Bitcoin-Transaktion in der Blockchain verbucht werden kann, müssen mit dem Computer immer neue, komplizierter werdende Rechenaufgaben gelöst werden. Wer zuerst eine dieser Aufgaben absolviert und damit einen neuen Teil der Blockchain errechnet, wird mit frisch erzeugten Bitcoin belohnt. Dieser Prozess heißt Mining.

Vor ein paar Jahren noch ging das auf dem heimischen Laptop. Inzwischen aber sind riesige Rechenzentren entstanden, 3000, 4000, 5000 Computer in Reihe geschaltet, ausgerüstet mit den modernsten Grafikkarten und Spezialprozessoren. Sie zu betreiben, braucht sehr viel Strom. Besonders preiswert war das bisher in China. Die Kosten pro Kilowattstunde sind dort im Schnitt fünfmal geringer als in Deutschland. Günstig ist es etwa in der Inneren Mongolei oder in Xinjiang, wo Kohle gefördert wird, die Kraftwerke aber oft nicht ausgelastet sind. Die meisten Münzen werden allerdings in der Provinz Sichuan gefördert, der Strom dafür wird mit Wasserkraft erzeugt. Laut einer aktuellen Studie des Onlinedienstes Coinshares, in der Herstellungskosten und Stromverbrauch im Bitcoin-Bergbau untersucht werden, stammen fast 65 Prozent der neuen Digitalmünzen aus China. Bis vor ein paar Wochen wurde das eher peinlich berührt verschwiegen. Das ist jetzt anders.

Ende November veranstalteten die Behörden in Deqing, einer Stadt in der Provinz Zhejiang, als erste im Land einen internationalen Blockchain-Gipfel. Zhang Feng, Chefingenieur des Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie, hielt eine Grundsatzrede, China werde ein nationales Komitee für Blockchain-Standards einrichten, kündigte er an. Xi und seinen Beamten geht es dabei allerdings nicht um eine eigene Währung, vielmehr sollen Transaktionen rückverfolgt werden können. Wurden die Steuern korrekt bezahlt? Ist Schmiergeld geflossen? Woher stammt das Geld? Mit Hilfe der Blockchain-Technologie soll das leichter nachvollziehbar sein. Mehr als 500 Blockchain-Projekte wurden bereits bei der Cyberspace-Verwaltung registriert. Nur wer eine staatliche Lizenz hat, darf in China mitforschen. Der gläserne Bürger, darum geht es dem Apparat in Peking.

© SZ vom 04.01.2020/mxh
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