Börsen Trump hat elementare Zusammenhänge nicht begriffen

Wohl keine Kennziffer taugt weniger zum Gradmesser wirtschaftlichen Erfolgs als ein Börsenindex. Trump hat das ignoriert - oder nicht begriffen.

(Foto: AFP)

Für den US-Präsidenten waren Börsenrekorde immer Zeichen der eigenen Brillanz. Jetzt fallen die Kurse - und sollten sie das weiter tun, könnte ihm das mehr schaden als all seine bisherigen Entgleisungen zusammen.

Kommentar von Claus Hulverscheidt

Um sich ein Bild davon zu machen, wie es um den wirtschaftspolitischen Erfolg des Donald Trump bestellt ist, genügte bislang ein kurzer Blick auf den Aktienmarkt. So jedenfalls hat es der nach eigenem Empfinden größte aller Staatenlenker seit seinem Wahlsieg selbst gehalten: Kein Kursgewinn war zu gering, kein Rekord zu flüchtig, dass er nicht in einem präsidialen Tweet als Beleg eigener Brillanz gefeiert worden wäre. Es ist somit kein Wunder, dass Trump jetzt, da der Aktienmarkt ins Rutschen geraten ist, nur so um sich schlägt. Die Notenbank Fed, so ereifert er sich, sei "verrückt" geworden, die Politik der stetigen Leitzinserhöhungen ein "Fehler", der das Wachstum - und damit auch die Finanzmärkte - belaste.

Verrückt geworden war allerdings vor allem der Präsident selbst, denn seit jeher taugt wohl keine Kennziffer weniger zum Gradmesser wirtschaftlichen Erfolgs als ein Börsenindex. Knapp vier Wochen vor den so wichtigen Kongresswahlen hat Trump damit ein handfestes Problem: Sollte sich der Kursverfall in den kommenden Tagen fortsetzen, könnte das seinem Erfolgsnimbus gerade in der Kernwählerschaft mehr schaden als alle verbalen Entgleisungen und Missetaten der vergangenen Jahre zusammengenommen.

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Der Aufschwung an den Börsen, der seit fast zehn Jahren anhält und sich unter Trump tatsächlich noch beschleunigt hat, hatte stets eine reale und eine künstliche Komponente. Real ist, dass gerade in den USA neue Unternehmen, Produkte und Dienstleistungen entstanden sind, die Erfolg beim Kunden haben und deshalb zu Recht mit kräftigen Aktienkursgewinnen belohnt wurden. Google und Apple, Facebook und Netflix, Tesla und Snapchat lauten die Stichworte. Hier liegt jedoch zugleich eines der fundamentalen Probleme: Manche der Tech-Konzerne kommen auf Bewertungen, die zwar lange den Gesamtmarkt nach oben gezogen, sich von selbigem aber zugleich so vollständig entkoppelt haben, dass die Blase irgendwann einfach platzen muss. Das gilt vor allem für Firmen wie den Autobauer Tesla oder den Fotoversendedienst Snap, bei denen trotz aller Begeisterung für das Produkt auch nach Jahren niemand sagen kann, ob sie jemals Gewinne schreiben werden.

Hinzu kommt - und das ist die künstliche Komponente -, dass der Börsenboom weit weniger kräftig ausgefallen wäre, hätten die Notenbanken nach der Finanzkrise von 2008 die Zinsen nicht auf null gesenkt und die Märkte mit Milliarden und Abermilliarden geflutet. Ein Großteil dieses Geldes floss in den Kauf von Aktien. Jedem Börsianer war klar, dass Fed und EZB eines Tages damit beginnen würden, die Geldpolitik wieder zu normalisieren. Alles andere wäre auch wahrhaft verrückt gewesen, denn die Waffenkammern der Notenbanken sind derzeit weitgehend leer. Mit Blick auf die nächste Rezession ist das ein beunruhigender Umstand, zumal angesichts hoher Staatsschulden auch die meisten Regierungen der Welt derzeit kaum in der Lage wären gegenzusteuern.

1,5 Milliarden Dollar Zinsen zahlen die USA derzeit - jeden Tag

Trump hat all diese Zusammenhänge ignoriert oder, schlimmer noch, nicht begriffen. Statt etwa das marode Bildungssystem seines Landes zu reformieren und damit die langfristigen Wachstumsaussichten zu stärken, zielt er mit seiner Politik der Steuersenkungen und der höheren Staatsausgaben allein auf den Strohfeuereffekt. Das Ergebnis sind zwar kurzfristig bessere Wachstumsraten, die er zu Recht für sich reklamiert, die aber zugleich die Verschuldung einmal mehr in die Höhe treiben: 1,5 Milliarden Dollar Zinsen zahlen die USA derzeit - jeden Tag. Bald werden es zwei Milliarden sein. Zugleich ist mit Trumps Politik die Gefahr steigender Preise erheblich gewachsen. Es war damit der Präsident selbst, der die Fed gezwungen hat, ihren Kurs der langsamen Rückkehr in die Normalität zu beschleunigen.

Dass die Börsen Trumps Spiel so lange mitspielten, zeigt nicht nur, dass Finanzmärkte amoralische Gebilde sind, die es nicht schert, wenn Politiker Gesellschaften spalten, mit der Kraft der Lüge regieren oder prozyklische Wirtschaftspolitik betreiben. Es zeigt vor allem die grenzenlose Naivität, mit der die Börsenhändler am selbst gemixten Stimmungscocktail schlürfen - so lange, bis das Glas leer ist, der Rausch nachlässt und der Kater einsetzt. Ein solcher Punkt könnte jetzt erreicht sein: Über Nacht gewissermaßen ist den vermeintlichen Finanzprofis klar geworden, dass die Fed allem präsidialen Gezeter zum Trotz offensichtlich Kurs zu halten gedenkt und dass Trump mit seiner aggressiven Handelspolitik gegenüber China und Europa überdies drauf und dran ist, die Weltkonjunktur abzuwürgen.

Der Präsident selbst versteht es derweil wie immer, seine eigene Verantwortung für den Gang der Dinge auszublenden. Stattdessen sucht er nach Sündenböcken, und weil Migranten, Demokraten, Medien und alle anderen vermeintlichen "Feinde" des Volkes diesmal nicht infrage kommen, knöpft er sich nun die Notenbank vor: Er schlägt den Sack - den von ihm selbst ernannten Fed-Chef Jerome Powell -, doch er trifft den Esel: sich selbst.

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