Brexit-Folgen:Vom Thron gestoßen

Lesezeit: 2 min

Stock exchange in Amsterdam

Die Amsterdamer Börse profitiert vom Brexit, weil EU-Finanzfirmen keine europäischen Aktien mehr in London handeln dürfen.

(Foto: Koen Van Weel/dpa)

Amsterdam löst London als wichtigsten Börsenplatz für europäische Aktien ab: nicht die einzige schlechte Nachricht für die Briten in dieser Woche - und nicht der einzige Streitpunkt mit Brüssel.

Von Björn Finke, Brüssel

Es ist eine Woche der schlechten Nachrichten für die britische Wirtschaft: So teilte das nationale Statistikamt am Freitag mit, dass die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr wegen der Pandemie um 9,9 Prozent geschrumpft ist - so stark wie nie seit mindestens dem Zweiten Weltkrieg. Bereits am Vortag verkündete der britische Handelskammerverband BCC, dass in einer Umfrage die Hälfte der Exportunternehmen über Probleme klage, sich auf die neuen Ausfuhrregeln für die EU einzustellen. Und schon am Mittwoch wurden Börsenumsatzdaten für Januar bekannt, die zeigen, dass Amsterdam London in diesem Monat als wichtigsten Umschlagplatz für Aktien in Europa abgelöst hatte.

Das ist schmerzlich für Europas bedeutendsten Finanzplatz London - und logische Folge davon, dass zum Jahreswechsel die Übergangsphase endete, während der Großbritannien im EU-Binnenmarkt verblieben war. Brüssel verbietet deswegen seit Januar Finanzfirmen aus der EU, in London Aktien europäischer Unternehmen zu handeln. Diese Geschäfte wanderten sofort aufs Festland ab, und Amsterdam profitierte offenbar am stärksten. Nach Angaben des Börsenbetreibers CBOE - der Chicago Board Options Exchange - wurden an niederländischen Börsen im Januar Aktien im Wert von 9,2 Milliarden Euro pro Tag gehandelt, mehr als viermal so viel wie im Dezember. In London waren es nur 8,6 Milliarden Euro - und damit immer noch deutlich mehr als in Paris auf Platz drei und Frankfurt auf Platz vier.

Das Verschieben der Umsätze bedeutet allerdings nicht, dass reihenweise Jobs von London nach Amsterdam wandern. Zudem kann es gut sein, dass London im Februar wieder an die Spitze rückt. Denn seit voriger Woche erlauben die Briten wieder den Handel mit Schweizer Aktien an ihren Börsen. Das ist seit Sommer 2019 in der EU nicht mehr möglich, eine Folge des Streits zwischen der Kommission und der Schweizer Regierung. Außerhalb des EU-Binnenmarktes ist London nicht mehr von diesem Bann betroffen - das dürfte neuen Umsatz bringen.

Auch die Lage in Nordirland bereitet Ärger - und die langsame Ratifizierung des Handelsvertrags

Sollen in Zukunft wieder EU-Aktien in London gehandelt werden können, müsste die EU-Kommission Großbritannien bescheinigen, dass die dortigen Finanzmarktregeln "äquivalent", also gleichwertig, zu EU-Standards sind. Von solchen Äquivalenzentscheidungen profitieren etwa manche US-Finanzdienstleister - und bis Sommer 2019 gehörte die Schweizer Börse zu den Nutznießern. Doch die Gespräche zwischen Brüssel und London über Äquivalenzentscheidungen ziehen sich hin.

Weiteren Ärger zwischen Brüssel und London bereitet die Lage in Nordirland. Dort fallen seit Januar bei Warenlieferungen aus Schottland und England Zollformalitäten an - das ist Ergebnis des Nordirland-Protokolls, dessen Regelungen Zollkontrollen zwischen Nordirland und der Republik Irland verhindern sollen. Die britische Regierung fordert Erleichterungen bei der Zollbürokratie und längere Übergangsfristen.

Am Donnerstagabend diskutierte Minister Michael Gove darüber in London mit Maroš Šefčovič, dem zuständigen Vizepräsidenten der EU-Kommission. Nach einem dreistündigen Austausch teilten beide mit, ihre Bemühungen verstärken zu wollen und in den kommenden zwei Wochen ein Treffen des Gemeinsamen Ausschusses einzuberufen, des Gremiums, das die Umsetzung des Austrittsabkommens politisch begleitet.

Zu Irritationen in London führt zudem, dass die EU es nicht schaffen wird, das Handelsabkommen bis Ende Februar förmlich anzunehmen. Der Heiligabend vereinbarte Vertrag trat zum Jahreswechsel nur vorläufig in Kraft, und es war vorgesehen, dass die EU-Mitgliedstaaten und das Europaparlament ihn bis Monatsende billigen. Doch weil sich die Übersetzung der 1259 Seiten vom Englischen in alle übrigen 23 EU-Amtssprachen mühsam gestaltet, will Brüssel mehr Zeit, bis Ende April. Die Briten müssen diesem Ansinnen zustimmen. Es gibt gerade viel zu diskutieren zwischen Brüssel und London.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB