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Biografien zum 200. Geburtstag:Für seine Ehefrau war Marx "Schwarzwildchen", "Föxchen", und ein "großes Kind"

Stedman Jones hat auch manches Nette über Marx zu sagen, vor allem dieses: Weil "Das Kapital" mit vielen empirischen Daten aufwartet, sei Marx, ohne dass er selbst es geahnt hätte, als "Begründer der systematischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte" zu ehren.

Ein Königreich kann manchmal so viel wert sein wie ein Pferd. In der Stunde seines Untergangs wünscht sich Shakespeares Richard III. ein Pferd. Ökonomisch gesehen, ist damit der Unterschied zwischen dem Tauschwert und dem Gebrauchswert der Ware "Pferd" beschrieben.

Der Gebrauchswert eines Pferdes ist in diesem Moment für Richard über alle Maßen groß. Der Tauschwert, wie viel ein Pferd kostet, war ihm egal. Beim Verfassen des "Kapital" kam Marx mit der Unterscheidung nicht mehr zurecht: Dieses Versäumnis wird ihm seit mehr als hundert Jahren angekreidet.

Jürgen Neffe ist das einerlei; in Marx' Schriften sucht er, was haltbar ist. Der Journalist erzählt farbig von Marxens bizarrem Privatleben, seinen Krankheiten, seinen Geldsorgen - und seiner Frau. Jenny nannte ihren Mann "Schwarzwildchen", "Föxchen", "Herzchen" und auch "mein großes Kind".

Dass sie trotz schlimmster Widrigkeiten zu Marx hielt, erklärt Neffe nach Lektüre aller Briefe so: "für beide befriedigender Sex". Außerdem war Jenny eine aufgeklärte Person, die ihres Mannes politische Ansichten teilte (Jürgen Neffe: Marx der Unvollendete, C. Bertelsmann 2017).

Neffe gibt zu: Die "Verelendungstheorie" war Quark. Sie ergab sich daraus, dass Marx - das zog er aus seiner Lektüre von Adam Smith und David Ricardo - der Auffassung war, dass nur die menschliche Arbeit etwas wert sei.

Je mehr Maschinen eingeführt würden, desto mehr würden Arbeiter überflüssig; gleichzeitig seien Maschinen aber "konstantes", gebundenes, letztlich nutzloses Kapital. Nur Arbeit von Menschenhand könne den Profit steigern. Je mehr Maschinen, desto näher der selbsterzeugte Untergang des Kapitalismus.

An diesem Punkt hakt Neffe ein: Die heutige Automatisierung, die auf schlecht ausgebildete Arbeiter zunehmend weniger angewiesen ist, möge für Unternehmen lukrativ sein - dies aber nur, solange die Konsumenten sich die von Robotern erzeugten Waren leisten können.

Die Kaufkraft von Arbeitslosen ist indes begrenzt. So wie in Marx' Jugend Religionsphilosophen erklärten, dass nicht Gott die Menschen, sondern die Menschen sich Gott erschaffen hätten, meinte Marx, dass Waren nicht mehr für den Menschen da seien, sondern der Mensch für Waren.

Neffe findet, dass die für das eigene Wohlbefinden nötigen Markenartikel Marxens Wort vom "Fetischcharakter" der Ware rechtfertigen: Der Mensch tritt zurück hinter künstlich erzeugten Konsumbedürfnissen.

Das Entscheidende, und das ist ein Effekt der Globalisierung, liegt laut Neffe darin, dass Marx recht hatte, als er im "Kapital" erklärte, warum der Mensch in der Geldwirtschaft machtlos wird. Kapitalismus basiert darauf, dass Leute dafür arbeiten, dass ihre Chefs den Mehrwert der Arbeit einstreichen.

Die aktuelle Debatte über wachsende Ungleichheit hätte Marx als Bestätigung seiner Thesen gesehen. Mehr noch: Eben weil Marx nicht so sehr seine Zeit betrachtete, sondern vielmehr theoretisch extrapolierte, habe er vorausgesehen, was sich heute erst zuträgt.

"Im zinstragenden Kapital" heißt es im dritten Band des "Kapital", "erreicht das Kapitalverhältnis seine äußerlichste und fetischartigste Form. (....) Das Kapital erscheint als mysteriöse (....) Quelle des Zinses, seiner eignen Vermehrung."

Der Irrtum am Lebensende

Neffe ist entsetzt-begeistert: Marx hat die Perversitäten der heutigen Finanzmärkte vorweggenommen, auf denen mehr fiktives Geld bewegt wird, als auch nur ansatzweise durch reale Wertschöpfung gedeckt ist.

Marx wollte aus der philosophischen Theorie heraus gesellschaftliche Geschehnisse beschreiben, wobei er keine große Rücksicht auf gesellschaftlich-politische Veränderungen seiner Zeit nahm. Deshalb konnte er im "Kapital" nicht wirklich stimmig erklären, was es mit dem Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit und Produktionsverhältnissen auf sich habe. Deshalb war er als Prophet besser denn als Analytiker seiner Zeit.

Gareth Stedman Jones beendet seine Biografie mit einer schier unglaublichen Pointe: Wenige Jahre vor seinem Tod entdeckte Marx die russische Dorfgemeinschaft als Modell der Gerechtigkeit. Zwar täuschte er sich da: in russischen Dörfern herrschte keine Gerechtigkeit.

Sein späterer Meinungswechsel zeugt indes von geistiger Beweglichkeit: Er meinte nun, eine von dem städtischen Proletariat ausgehende Revolution sei nicht nötig; in Russland sei der direkte Übergang von der Dorfgemeinde zum Sozialismus möglich. Diese Meinung schmeckte weder seinem Freund Friedrich Engels noch anderen Sozialisten. Sie wurde totgeschwiegen.

© SZ vom 29.03.2018/odg
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