Bayer-Hauptversammlung Eine Abreibung, wie sie größer kaum sein könnte

  • Die Bayer-Aktionäre verpassen Vorstandschef Werner Baumann bei der Hauptversammlung eine gehörige Abreibung.
  • Sie zweifeln an der Nachhaltigkeit der Geschäfte von Bayer und daran, dass die Übernahme von Monsanto ein gut durchdachter Schritt war.
  • Baumann hingegen verteidigt seine Strategie auf der Bühne, genau wie das umstrittene Herbizid Glyphosat.
Von Elisabeth Dostert und Benedikt Müller, Bonn

Christoph Koch ist früh dran. Seit Jahren fährt der Berufsimker aus dem Schwarzwald zur Hauptversammlung von Bayer, so auch an diesem Freitag. "Wir sind die Opfer. Aber wir sind in der Beweislast", sagt Koch. Er steht in seiner weißen Jacke vor einer gelb-schwarz gestreiften Tonne vor dem World Conference Center in Bonn. Aus den Smokern, die Koch und die anderen Imker mitgebracht haben, steigt weißgrauer Rauch. Mit der Hand greift Koch in einen Haufen toter Bienen, der vor ihm auf einer Tonne liegt. Es sind "wintertote Bienen", erklärt der Imkermeister. Die Wintersterblichkeit der Bienen habe in den vergangenen Jahren zugenommen. "Bienen sind keine Automaten, sie sind ein guter Umweltindikator", sagt Koch. Schuld am Bienensterben sind nach seiner Ansicht Konzerne wie Bayer und die industrielle Landwirtschaft, für die sie stehen. Deshalb protestiert Koch.

Er ist nicht allein auf dem kleinen Platz vor der Halle. Bayer-Chef Werner Baumann hat binnen weniger Monate viele gegen sich aufgebracht: Auf der einen Seite institutionelle Investoren und kleinere Aktionäre. Sie mussten zusehen, wie der Wert ihrer Aktien mit jedem neuen Glyphosat-Urteil in den USA weiter sank. Tausende Kläger machen das Unkrautbekämpfungsmittel der neuen Bayer-Tochter Monsanto für ihre Krebserkrankungen verantwortlich. Auf der anderen Seite Bio-Bauern, Umweltschützer, Menschenrechtler, Kirchen, Ärzte und Imker wie Koch, die sich um Menschen und Tiere, um die Artenvielfalt und das Klima sorgen.

In diesem Jahr sind auch Aktivisten der Bewegung "Fridays for Future" dabei. Kurz nach neun Uhr treffen ein paar Hundert Demonstranten vor dem Kongresszentrum ein. "Wer nicht hüpft, der ist für Bayer", skandieren die Jugendlichen. Während die Aktionäre in der Warteschlange vor dem Eingang stehen, kritisiert der Aktivist Felix Pohl, dass Agrochemie-Konzerne wie Bayer "auf Kosten der Umwelt" immer größer würden und ihre Pestizide in die ganze Welt exportierten. "Kapitalisten, macht euch vom Acker", steht auf den Transparenten der Jugendlichen.

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Ein paar Meter weiter steht Georg Janßen, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). "Für Vielfalt auf dem Acker und auf dem Teller", steht auf einem der Transparente der Bauern. Bayer-Chef Baumann haben sie als vier Meter hohe Strohpuppe aufgestellt. "Wir wollen nicht abhängig sein von Saatgutkonzernen wie Bayer und Monsanto", sagt Janßen. Die Übernahme von Monsanto ist für ihn ein Ausdruck von Größenwahn - und damit steht er nicht allein da. Auch mehr und mehr Investoren zweifeln an der Nachhaltigkeit der Geschäfte von Bayer. Durch die Übernahme von Monsanto habe sich der Konzern "immense Reputationsrisiken" eingekauft, sagt Janne Werning, Analyst von Union Investment. Zwar lägen die Vorteile einer Kombination von Agrochemie- und Saatgutgeschäft auf der Hand, "aber warum musste es ausgerechnet Monsanto sein, das umstrittenste Unternehmen der Branche?", fragt Werning.

In seiner Rede verteidigt Vorstandschef Baumann seine Strategie und die Übernahme des US-Konzerns Monsanto, zu dessen Produkten das umstrittene Herbizid Glyphosat und gentechnisch veränderte Pflanzen gehören. Es sei ein schwieriges Jahr gewesen, sagt Baumann. Der Aktienkurs hat nach erstinstanzlichen Urteilen in zwei Glyphosat-Verfahren in den USA kräftig gelitten. "Da gibt es gar nichts zu beschönigen." Bayer werde sich jedoch vor Gericht entschieden verteidigen. "Glyphosatbasierte Produkte sind nicht der Grund für ihre schwere Erkrankung", sagt der Manager.

"Bayer hat sich an der bitteren Pille Monsanto verschluckt"

"Wir stehen vor einem Scherbenhaufen", kritisiert Ingo Speich. Er spricht eine Sprache, die Baumann versteht. Speich vertritt Deka Investment, die Tochter der Sparkassen-Gruppe ist eine der größten Fondsgesellschaften in Deutschland. Speich vertritt 10,4 Millionen Aktien, rund 1,1 Prozent des Eigenkapitals von Bayer. Seit der Hauptversammlung 2018 habe die Bayer-Aktie 38 Prozent ihres Wertes verloren. "Das ist eine Wertvernichtung historischen Ausmaßes." Innerhalb von nur zwei Jahren sei der einstige Pharma-Gigant zu einem Zwerg mutiert. Mit etwa 57 Milliarden Euro sei der Börsenwert von Bayer im globalen Vergleich mit den Wettbewerbern derzeit "sehr niedrig". Der Konzern laufe Gefahr, zum Spielball der Märkte zu verkommen und selbst übernommen oder sogar zerschlagen zu werden. "Bayer hat sich an der bitteren Pille Monsanto verschluckt", kritisiert Speich. Die Abreibung, die Baumann am Freitag von den Aktionären bekommt, könnte kaum größer sein.

Wie viele andere Investoren will auch Deka Investment dem Vorstand und dem Aufsichtsrat für 2018 die Entlastung verweigern. Doch die Rednerliste ist lang. Wann die Abstimmung anfängt, lässt sich schwer abschätzen; wie sie ausgeht, ebenfalls. Sollte die Mehrheit der Stimmen Werner Baumann nicht entlasten, wäre das ein einmaliger Vorgang in Deutschland. "Mir ist keine Gesellschaft aus den großen Börsenindizes bekannt, deren Hauptversammlung den Gremien die Entlastung verweigerte", sagt Daniel Bauer, Vorstandsvorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Im Mai 2015 wurden die damaligen Co-Chefs der Deutschen Bank Jürgen Fitschen und Anshu Jain von der Hauptversammlung mit jeweils nur 61 Prozent der Stimmen entlastet. "Alles unter 90 Prozent Zustimmung bei der Entlastung ist eine Abstrafung durch die Aktionäre", sagt Bauer. "Ein Dax-Konzern kann sich so etwas eigentlich nicht leisten. Bei so einem Ergebnis würde jeder Vorstandsstuhl wohl anfangen zu wackeln."

Auch Imker Koch besitzt ein paar Aktien. Er hat sie von der "Soforthilfe" gekauft, die Bayer nach dem Massensterben von Bienen im Oberrhein-Graben 2008 gezahlt hat. Damals starben mehr als zwei Drittel seiner 300 Bienenvölker, erzählt er. "Ich bekämpfe Bayer mit dem Geld, das ich von Bayer bekommen habe." Koch will sich nachher im Saal zu Wort melden. Der Kampf koste Kraft und frustiere, sagt der 61-Jährige. "Aber ich tue das hier auch für meine Enkel. Ich möchte ihnen das weitergeben, was ich bekomme habe."

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