Berufsausbildung:Traumjobs sind oft nicht da, wo man sie vermutet

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Ein Köchin bei der Arbeit

Eine Köchin probiert die Mahlzeiten. Ein Praktikum kann bei der Entscheidung helfen, ob das wirklich der richtige Job ist.

Unternehmen müssen dringend wieder ihre Türen für Praktikantinnen und Praktikanten öffnen. Junge Menschen verdienen eine bessere Berufsbildung.

Kommentar von Kathrin Werner

Unternehmerkinder werden Unternehmer, Lehrersöhne werden Lehrer, Schreinerkinder Schreiner und Zahnärztinnentöchter wiederum Zahnärztinnen. Das ist mehr als ein Klischee, denn die wichtigste Informationsquelle über Berufe sind für die meisten jungen Menschen noch immer ihre Eltern. Wie gestresst die sind, ob ihnen der Job Spaß macht, ob die Chefs nerven oder sie abends ständig spät nach Hause kommen - all diese Dinge bekommen Kinder mit, und sie ziehen daraus Rückschlüsse für die eigene Zukunft.

Doch junge Menschen brauchen Impulse von außerhalb ihres direkten Umfelds, um ihren Horizont zu erweitern. Denn Traumjobs sind oft nicht da, wo man sie vermutet. Nur ein Viertel der Jugendlichen in Deutschland ist überzeugt, dass es genügend Informationen zur Berufswahl gibt und man sich darin auch gut zurechtfindet, hat eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung ergeben. Das ist ungerecht für die jungen Menschen und schlecht für die Wirtschaft, die Nachwuchs braucht, der sich am richtigen Ort fühlt.

Gute Berufsbildung ist zum einen wichtig, weil sich alte Ungerechtigkeiten sonst von Generation zu Generation fortsetzen, Arbeiterkinder trauen sich vielleicht kein Studium zu, und Akademikerkinder verschmähen gute, aber unterschätzte Handwerkerjobs. Dem Stifterverband zufolge studieren 27 von 100 Nichtakademikerkindern, von 100 Akademikerkindern dagegen tun das 79. Zum anderen erfahren junge Menschen von ihren Eltern meist nicht genug über neue Jobs in neuen Industrien, weil sie schlicht nichts wissen über Karrierechancen als Influencer oder Forscherin zu künstlicher Intelligenz.

Die SZ hat über den Sommer hinweg Traumberufe vorgestellt und einem Realitätscheck unterzogen. Was macht ein Feuerwehrmann im Alltag? Wie schön ist der Beruf der Erzieherin angesichts des Erziehermangels, aber mit trotzdem sehr niedlichen Kindern? Wie gelingt die Sache mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Architektinnen und Architekten? Es ist auch die Aufgabe von Medien, über neue und alte Berufsbilder zu berichten, doch eine strukturierte Berufsinformation können sie nicht ersetzen. Und Deutschland bemüht sich schon sehr, die deutsche Berufsbildung schneidet im internationalen Vergleich laut OECD nicht schlecht ab. Es gibt auf der Website der Arbeitsagentur zum Beispiel kleine Videos, in denen sich sehr, sehr viele Berufe vorstellen.

Doch reine Informationszufuhr im Schulunterricht oder durch die Arbeitsagentur ist zu spaßbefreit und praxisfern. Viel wichtiger sind Praktika. In der Pandemie ist es noch seltener geworden, dass Schülerinnen und Schüler Gelegenheit bekamen, sich ein paar Wochen am Stück aus dem Schulalltag zu lösen und das Arbeitsleben auszuprobieren. In vielen Schulen sind Praktika nicht vorgeschrieben, Schülerinnen und Schüler müssen sie in ihrer Freizeit machen, was ganz schön viel verlangt ist und überdurchschnittlich oft die jungen Menschen nutzen, die Eltern haben, die ihnen bei der Praktikumsorganisation helfen können.

Dabei sind Praktika so wichtig. Dort können Schülerinnen und Schüler neue Vorbilder kennenlernen. Man traut sich nur, was man kennt, was man vor sich sieht. Einen Beruf, den man sich nicht vorstellen kann, wird man nicht ergreifen. Jetzt, wo die Pandemie zwar nicht vorbei ist, aber trotzdem mehr und mehr Normalität an den Arbeitsorten einkehrt, müssen Arbeitgeber wieder die Türen öffnen. Es braucht Praktika, und zwar Pflichtpraktika.

Die Frage nach dem "Was willst du mal werden?" sollte man sich verkneifen

Und noch etwas zum Thema Traumjobs: Die ewige Frage nach dem "Was willst du mal werden, wenn du groß bist?" hat auch etwas Ungesundes. Es täte gut, den Druck rauszunehmen und nicht schon Vierjährige dazu zu drängen, sich in der Zukunft vor allem als arbeitender Mensch zu sehen und sich über ihren Beruf zu definieren. Zumal sich durch die Frage auch gern mal Rollenklischees zementieren, weil sich kaum ein kleiner Junge zu einem klassischen Frauenjob bekennt. Außerdem schwingt in der Frage mit, dass man sich früh entscheiden und dann ein Leben lang im gleichen Job arbeiten muss. Karrierewege sind aber heutzutage weniger starr. Wer seinen Traumjob erst spät findet oder sich bei der Berufswahl irrt, kann und darf noch wechseln.

Zahnarzttöchter dürfen Dachdeckerinnen werden und Verkäuferinnensöhne Meeresbiologen. Was junge Menschen brauchen, ist das Signal, dass sie sein und werden dürfen, wer sie sein wollen.

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