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US-Sport:Die Leute sind dabei, auch wenn sie daheim sind

Einige MLB-Vereine machen den Fernsehzuschauern das Angebot, die Bälle, die auf die Tribünen gedroschen werden, zu kaufen. Normalerweise, in einem vollen Stadion, dürfen die Fans diese Bälle als Souvenir behalten. Bei dieser Offerte gibt es inzwischen Varianten: Die Oakland A's und die Seattle Mariners schicken den Ball an denjenigen Zuschauer, dessen Pappkamerad getroffen wird. Die Chicago Cubs haben ein Videosystem entwickelt, bei dem ein Dauerkartenbesitzer den Ball bekommt, wenn das Spielgerät in die Nähe seines Platzes geschlagen wird.

Die Leute sind also dabei, auch wenn sie daheim sind. Und das führt zu einem der kuriosesten Jobs dieser merkwürdigen Zeiten: Die Maskottchen der Vereine werden gebraucht - und treiben nun Schabernack für Fans, die gar nicht da sind.

Ein seltsames Stadion-Phänomen? Keine Frage: "Es sieht einsam aus, wie ein Eiscreme-Truck ohne Kinder", erklärt Ted Giannoulas in einem Essay in der Washington Post: "Nicht wenige Leute glauben, dass Maskottchen derzeit nicht wichtig sind für die Austragung der Spiele - ich möchte respektvoll widersprechen", schreibt Giannoulas. Er steckt selbst in einem im Hühnchenkostüm des Baseballvereins San Diego Padres, und er nimmt seinen Job sehr ernst: "Gerade jetzt werden wir gebraucht", argumentiert er. "Wir sind quasi die einzigen Fans im Stadion, und irgendwer sieht uns immer."

"Meine Maskottchen-Kollegen und ich sind bereit für die Aufgabe"

Als Beleg für die Wichtigkeit der Rolle führt er ein mehr als sechsstündiges Spiel in den 1980-er Jahren an, bei dem die Zuschauer am Ende längst nach Hause gegangen waren. Nach Spielschluss, so berichtet er, "komme ich in die Umkleidekabine, und der Kapitän sagt: Teddy, du hast heute eine Show abgeliefert. Wir haben dich von der Ersatzbank aus gesehen, du hast dafür gesorgt, dass wir am Ende noch motiviert waren". Auf derlei Motivation wollte die Baseballliga in diesem zuschauerfreien Sommer zunächst verzichten, hat sich aber wegen der Fernsehbilder anders entschieden. Giannoulas schreibt dazu: "Es ist das Signal, dass die Show weitergeht. Meine Maskottchen-Kollegen und ich sind bereit für die Aufgabe."

Profisport ist Teil der Unterhaltungsbranche, das Volk will unterhalten werden, und das sorgt in den USA derzeit dafür, dass sich auch die TV-Übertragungen verändern. Wenn bei Live-Spielen weniger Fans - und damit weniger Reklametafeln - gezeigt werden, braucht es Alternativen. Die virtuellen Basketballfans zum Beispiel müssen nichts bezahlen; eine Brauerei sponsert das Erlebnis, ein Tech-Konzern bewirbt damit sein Videokonferenzprogramm. NBA und MLB wollen künftig die "Erweiterte Realität" nutzen, um Live-Statistiken einzublenden, etwa den Speed eines Balles, der gerade in Richtung Tribüne fliegt; oder um Live-Wettquoten zu zeigen, damit die Fans auf der Couch über eine App auf den Sieger setzen können.

"Nichts kann das gemeinsame Erlebnis im Stadion ersetzen", sagt Moin Salah. Er behandelt als Arzt Covid-19-Patienten und warnt deshalb vor dem vorschnellen Öffnen der Arenen: "Die Ligen sind kreativ und versuchen, die Fans mit einzubeziehen - das sorgt für Zusammenhalt in dieser schwierigen Zeit." Dann sagt er, es wäre wichtig, dass auch die Bundesliga-Vereine dies verstehen. "Sie sind nicht nur Geldgeber, sondern werden mitgenommen, eingebunden, sie fühlen sich so als Teil des Ganzen. Wenn die Vereine darüber Geld verdienen, ist das völlig okay."

Es soll sich möglichst echt anfühlen, auch für die Spieler. Auch im zuschauerfreien Eishockey wird eine schöne Tradition fortgesetzt: Wenn ein Spieler drei Tore in einem Spiel erzielt, dann werfen die Fans gewöhnlich ihre Mützen aufs Eis. Als Connor McDavid von den Edmonton Oilers kürzlich dreimal traf, stand da auf der Tribüne eine einsame Oilers-Mitarbeiterin und schleuderte ihre Kappe über die Plexiglasbande. Die Show muss weitergehen, irgendwie.

© SZ vom 14.08.2020/tbr
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