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US-Fußball:Das Risiko reist mit

Gebolze in der Blase: Larrys Mabiala steht mit den Portland Timbers nach der Liga-Fortsetzung zwar im Finale, das aber bedeutungslos ist - denn danach geht es gleich mit dem nächsten Neustart weiter.

(Foto: John Raoux/AP)

Die nordamerikanische Fußballliga führt ihre Saison fort, die sie schon einmal neu gestartet hatte. Hinter dem Chaos mit vielen Sonderregelungen steckt System, von dem keiner weiß, ob es funktioniert.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Am heutigen Mittwoch setzt die nordamerikanische Fußballliga MLS ihre Saison fort, die erste Partie lautet: FC Dallas gegen Nashville SC. Am Sonntag findet das zweite Spiel statt: FC Dallas gegen Nashville SC. Ja, das ist wirklich so, und wenn alles klappt, dann ergibt sich daraus sogar ein Sinn. Wenn es aber nicht klappt, dann dürften sich die Leute an den deutschen Fußballdeuter Marcel Reif erinnern, der die MLS mal "Operettenliga" geschimpft und den Vereinen die Spitznamen "Hotzenplotz" und "Schlagmichtot" gegeben hat. Wenn es nicht funktioniert, wird die erste Partie also gelautet haben: FC Hotzenplotz gegen Schlagmichtot SC.

Die MLS hatte ihren Spielbetrieb wegen der Pandemie Mitte März eingestellt, wie die meisten Sportligen weltweit. Sie hat danach von 8. Juli an ein Turnier im WM-Format der Jahre 1982 bis 1994 veranstaltet (mit 24 Teams in sechs Gruppen), dessen Titel wegen der Referenz auf den Satz von Michael Jordan ("I'm back") arg selbstbewusst klang: MLS is Back. Die drei Gruppenspiele werden zur Bilanz der Hauptrunde gerechnet, die Partien vom Achtelfinale waren ohne sportliche Bedeutung - weshalb auch egal war, wie das Finale zwischen den Portland Timbers und Orlando City in der Nacht zum Mittwoch ausging.

In der MLS spielen 26 Teams. Allerdings hatte es beim FC Dallas und bei Nashville SC ein paar positive Corona-Test gegeben, beide Mannschaften wurden nicht in die Blase nach Disneyworld im US-Bundesstaat Florida eingeladen. Die Basketballliga NBA setzt dort ebenfalls ihre Saison fort, und wer sich bei Aufnahmen aus dem Zeppelin gefragt hat, wer denn da neben den Hallen auf den Fußballplätzen zockt: Es sind die Fußballer der MLS. Dem FC Dallas und Nashville SC fehlen nun also drei Partien, deshalb spielen sie erst zwei Mal gegeneinander und irgendwann später noch einmal, der Termin steht noch nicht fest - wie so vieles bei dieser Fortsetzung.

Der FC Dallas zum Beispiel hat angekündigt, zu den Spielen gegen Nashville jeweils 5100 Fans ins Stadion zu lassen, woraufhin Ligachef Dan Garber sagte, dass die Liga diesem Plan nicht zugestimmt habe und sich an die Richtlinien der jeweiligen Bundesstaaten halte: "Wir werden dort, wo es erlaubt ist, mit Fans auf den Tribünen spielen - in den meisten Stadien aber ohne Zuschauer." Also: Atlanta United könnte bei den Heimspielen im Bundesstaat Georgia, wo die Corona-Restriktionen weitgehend aufgehoben sind, Besucher ins Stadion lassen. El Trafico, das Los-Angeles-Stadtderby zwischen Galaxy und LAFC am 23. August, wird wegen strenger Auflagen in Kalifornien ohne Zuschauer stattfinden.

Der Spielplan sieht vor, dass jedes Team noch 18 Spiele in der regulären Saison absolvieren wird und dass diese Partien möglichst regional stattfinden sollen. Am ersten Wochenende sind das neben dem LA-Derby die beiden New Yorker Klubs NYCFC und Red Bulls, Houston gegen Dallas und Miami gegen Orlando. Das Auswärtsteam soll jeweils im Privatjet am Spieltag anreisen - und ohne Übernachtung nach dem Spiel zurückfliegen. "Wir haben in der Blase in Florida viel gelernt", sagt Garber, "über das Vorgehen bei den Tests, über die Notwendigkeit des Abstandhaltens abseits des Spielfeldes. Wir haben ein Gespür dafür bekommen, was wir tun müssen, um die Saison zu Ende zu spielen."

Kurzer Einwand: Was ist eigentlich mit den drei kanadischen Teams Vancouver Whitecaps FC, Montreal Impact und Toronto FC? Die sind im vorläufigen Spielplan nämlich nicht zu finden, die kanadische Regierung hat das Reisen zwischen den Ländern wegen der chaotischen Zustände in den USA erheblich eingeschränkt. Der Baseballverein Toronto Blue Jays trägt deshalb seine Heimspiele in Buffalo/USA aus. Es heißt, die kanadischen Teams sollen in der ersten Phase (bis 15. September) unter sich spielen - danach wird der Spielplan für die restliche Saison (bis 8. November) und die Playoffs bekannt gegeben. Das Finale soll am 12. Dezember stattfinden.

Dieser Terminplan ist der Grund dafür, warum die MLS das Konzept der Blase - das in den Sportarten Eishockey (NHL in den Städten Toronto und Edmonton) und Basketball (NBA) auch zu funktionieren scheint - verlässt und eine Strategie verfolgt, die beim Baseball (MLB) gerade mit zahlreichen positiven Corona-Tests grandios scheitert. Es ist natürlich einfacher, bei Indoor-Disziplinen, deren Mannschaften alle zwei Tage spielen müssen, eine Blase zu organisieren und eine Saison zu Ende zu bringen. Kann man Fußballvereine von Juli bis Dezember überhaupt in so eine Blase zwängen? Carlos Vela vom LAFC, der wertvollste Spieler der vergangenen Saison, hatte bereits auf das MLS-is-Back-Turnier in Florida verzichtet, um bei seiner schwangeren Frau in Los Angeles zu bleiben.

Es gibt also noch zahlreiche Fragezeichen vor dem Neu-Neu-Start. Die MLS wirkt nach dem Erfolg in der Blase von Florida wie ein Kind, das gerade im Babybecken schwimmen gelernt hat und nun ankündigt, es mal bei starkem Wellengang im Ozean versuchen zu wollen. Es kann scheitern, und so mancher Verein hätte bei vorzeitigem Abbruch eine gruselige Bilanz. Inter Miami zum Beispiel, der neue Klub von David Beckham, hat bislang alle fünf Saisonspiele verloren - es ist der schlechteste Start eines neuen Unternehmens in der Geschichte der MLS. Reif würde wohl sagen: Miami Schießbude.

© SZ vom 12.08.2020
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