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US-Sport:Leere Stadien, öde Stimmung? Das muss nicht sein

Winken erlaubt: Beim Spiel der Basketballer der Washington Wizards wurden die Fans virtuell zugeschaltet.

(Foto: Kim Klement/AP)

In den USA holen die Profiligen mit viel Kreativität Zuschauer in die Arenen. Fans werden in die Hallen gebeamt und ins Geschehen einbezogen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Man muss sich Moin Salah als glücklichen Menschen vorstellen. Der Arzt besitzt Dauerkarten beim Basketballklub Los Angeles Lakers, und er ist fest davon überzeugt, bei der Fortsetzung der Saison in Disney World entscheidenden, persönlichen Anteil am Erfolg seines Lieblingsteams zu haben. Als die Lakers unlängst gegen den Ortsrivalen Clippers antraten, musste deren Starspieler Kawhi Leonard beim Stand von 92:97 an die Freiwurflinie. Salah wedelte wild mit den Armen, und Leonard warf daneben. "Es hat sich angefühlt, als wäre ich in der Halle gewesen", sagt Salah. "Und ich bin sicher, dass ich Kawhi abgelenkt habe." Moin Salah saß daheim vor dem Computer.

Die Profiliga NBA spielt im Freizeitpark in Orlando aus Infektionsschutzgründen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Um die drei Basketball-Spielfelder hat sie jedoch jeweils fünf Meter hohe Video-Leinwände aufgebaut, auf denen pro Partie 320 Fans zu sehen sind. Sie werden live per Video-App zugeschaltet. Die Akteure auf dem Feld können sie sehen, so wie sie üblicherweise das Publikum in den Arenen bemerken. Es sieht so aus, als würden die Zuschauer auf grauen Ledersesseln hocken, direkt hinter den Ersatzbänken oder hinter dem Korb. Auf den besten Plätzen in den Arenen also, die bei den Lakers normalerweise von Show-Größen wie dem Schauspieler Jack Nicholson, der Sängerin Beyoncé Knowles oder der Regisseurin Penny Marshall belegt sind und die pro Partie mindestens 4800 Dollar kosten.

Nun sind stattdessen Eltern von Spielern dabei, zum Beispiel die des deutschen Profis Moritz Wagner von den Washington Wizards; ehemalige Profis wie Chris Bosh werden zugeschaltet, Prominente wie Rapper Lil' Wayne, der einen Fan virtuell abklatschte - oder eben Moin Salah, der sich beworben und Losglück hatte.

Ein Blick über den Atlantik lohnt sich für interessante Alternativen

"Die Fans werden in Blöcke von je 32 Leuten aufgeteilt, man kann innerhalb dieser Gruppe vor dem Spiel fachsimpeln und dann gemeinsam anfeuern", sagt Salah: "Es war definitiv eines meiner interessantesten Erlebnisse als Sportfan." Und das soll etwas heißen: Denn der Mann hat den Super Bowl im Football, die World Series im Baseball und sogar das letzte Spiel von Kobe Bryant live im Stadion erlebt.

Als der US-Sport den Betrieb nach der Corona-Pause fortsetzte, haben sich die Ligen allerhand einfallen lassen, um der Kundschaft trotz leerer Stadien ein Miterleben zu ermöglichen. Auch in Deutschland wird derzeit erörtert, ob zu Beginn der neuen Bundesliga-Saison am 18. September wieder Besucher in die Stadien eingelassen werden. Sollte das nicht klappen, lohnt der Blick über den Atlantik auf interessante Alternativen.

Die Baseballliga MLB und die Fußballliga MLS reagieren, wie auch die deutsche Fußball-Bundesliga reagiert hat, als der Ball wieder rollen durfte: mit Pappkameraden auf den Plätzen im Stadion. Für diese Kulisse können Fans ihre Fotos hochladen, die dann, auf Karton gezogen, auf den Rängen aufgestellt werden. Bei den Los Angeles Dodgers kostet das 299 Dollar für die komplette Spielzeit, die Einnahmen werden an einen guten Zweck gespendet. Der Unterschied zur Bundesliga? Es gibt ein paar Bonusleistungen obendrauf.

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