Tennis:Botschafterinnen mit dem Racket in der Hand

Tennis: Emotionaler Sieg: Die Ukrainerin Marta Kostjuk besiegt im Achtelfinale die junge Russin Maria Timofejewa.

Emotionaler Sieg: Die Ukrainerin Marta Kostjuk besiegt im Achtelfinale die junge Russin Maria Timofejewa.

(Foto: Tracey Nearmy/Reuters)

Bei den Australian Open straucheln die Favoritinnen - aber drei Ukrainerinnen haben sich ins Achtelfinale gespielt. Marta Kostjuk, Elina Switolina und Dajana Jastremska wollen auf großer Bühne an das Leid in ihrem Land erinnern.

Von Barbara Klimke, Melbourne

Auf den ersten Blick war dies eine normale Tennispartie an einem kühlen Sonntagnachmittag in Melbourne: Zwei junge Frauen duellierten sich anderthalb Stunden lang, bis die ältere relativ mühelos 6:2, 6:1 gewann. Erst als Marta Kostjuk, 21, aus Kiew nach dem Matchball schnurstracks zu ihrer Bank schritt, sich ein Handtuch um die Schulter legte und verhalten die Hand zur Faust ballte, während ihre Gegnerin Maria Timofejewa, 20, aus Moskau mit geschulterter Tasche eilig den Platz verließ, mag manchem Besucher aufgefallen sein, dass ein Detail fehlte: der obligatorische Handschlag am Netz.

Vor wenigen Monaten noch, im Sommer in Paris und Wimbledon, hatte diese demonstrative Ritualverweigerung zu heftigen Debatten geführt, teilweise zu Pfiffen des verständnislosen Publikums auf den Rängen. Inzwischen wird der Etikettenverstoß kaum noch registriert. Ukrainische Spielerinnen reichen den Rivalinnen aus Russland und dem kriegsverbündeten Belarus nicht die Hand, die Sportszene hat sich daran gewöhnt. Und auch außerhalb der von engen weißen Linien beschränkten Tennisgefilde, so klagte Marta Kostjuk leise, habe die Welt den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine mittlerweile "weitgehend verdrängt".

Kostjuk hat ihre Auftritte in Australien zu Beginn des dritten Kriegsjahrs wiederholt zum Anlass genommen, daran zu erinnern, dass das Leid weitergeht in ihrem Land: "Jeden Tag sterben Menschen", sagte sie. Es entgeht ihr nicht, dass sich die Öffentlichkeit wieder anderen Problemen zuwendet; Spendenaktionen und Benefizturniere zugunsten der Ukraine wie im vorigen Jahr blieben diesmal in Melbourne aus. Sie sieht sich deshalb als eine Art Botschafterin ihres Landes, die mit dem Racket in der Hand auf dem Tennisplatz gegen das Vergessen ankämpft. Ihre Mutter, so erzählte sie, schicke ihr Videos, wenn die Raketen über das Haus fliegen. "Ich bin hier, um die Leute immer wieder daran zu erinnern, dass der Krieg noch andauert und gestoppt werden muss", sagte sie: "Es ist ein komplett ungleicher und schrecklicher Krieg."

Iga Swiatek scheitert überraschend an der Tschechin Linda Noskova

In Melbourne ist sie auf dieser Mission nicht allein. Drei Ukrainerinnen haben sich bis in die zweite Turnierwoche vorgearbeitet: Neben Kostjuk erreichten auch Elina Switolina, 29, und Dajana Jastremska, 23, beide geboren in Odessa, das Achtelfinale. Das ist nicht nur ein ukrainischer Rekord bei den Australian Open - sondern ein Novum bei allen vier Grand-Slam-Turnieren seit der Unabhängigkeit des Landes. "Ich glaube, das zeigt, wie stark die Menschen in der Ukraine sind", sagte Kostjuk am Sonntag mit einem kleinen Lächeln.

Sie hat durch den Sieg über die Russin Timofejewa sogar als Erste einen Platz im Viertelfinale sicher und hofft, dass die Kolleginnen ihr nachfolgen werden: Je mehr Landsleute auf den blauen Plätzen, desto besser - damit die Nachrichten von der Kriegsrealität durchdringen in diesem Tennisfestival am Yarra River aus fliegenden Bällen, Barbecue-Stimmung und Bier.

Tennis: Auch Elina Switolina könnte in Melbourne das Viertelfinale erreichen.

Auch Elina Switolina könnte in Melbourne das Viertelfinale erreichen.

(Foto: Tracey Nearmy/Reuters)

Die Voraussetzungen dafür sind tatsächlich günstig. Denn der Frauenwettbewerb der Australian Open konzentriert sich zu Beginn der zweiten Turnierwoche weit weniger als sonst auf die üblichen Schlagzeilen und Namen. Die berühmten Tennismütter - Angelique Kerber, Naomi Osaka und Caroline Wozniacki, die als ehemalige Weltranglistenerste ihr Comeback gaben - sind nach frühen Niederlagen abgereist. Auch Wimbledonsiegerin Marketa Vondrousova verabschiedete sich wie ihre Vorgängerin Jelena Rybakina schnell.

Am Samstag kam dann das überraschende Aus für Iga Swiatek aus Polen, die überragende Spieler in den vergangenen Monaten: Die Nummer eins der Welt, die im November beim WTA-Jahresfinale triumphiert hatte und in 18 Matches ungeschlagen war, unterlag einer nahezu unbekannten 19-Jährigen, der Tschechin Linda Noskova, mit 6:3, 3:6, 4:6 in Runde drei. Swiatek verließ Melbourne in einem Gefühl der Nachdenklichkeit: Bis zum Schluss war sie im Glauben, sie hätte das Match - und die Gegnerin - im Griff.

Lessia Zurenko berichtet von teils negativen Reaktionen, wenn sie auf die Situation in der Ukraine aufmerksam mache

So bietet sich nach acht Tagen nun ein relativ kurioser Blick aufs Tableau: Von den besten acht Akteurinnen der Weltrangliste stehen lediglich zwei, Coco Gauff, die US-Open-Siegerin, sowie Titelverteidigerin Aryna Sabalenka aus Belarus bereits im Viertelfinale. Neun ungesetzte Spielerinnen haben ihre Chance genutzt, sich zumindest im Achtelfinale zu etablieren: Bei den Australian Open, teilten die Organisatoren mit, ist das zuletzt 1980 vorgekommen. Auf Europas Sandplätzen hingegen rutscht das Teilnehmerfeld häufiger bunt durcheinander. Neun Ungesetzte hatte es erst 2023 auch auf der roten Asche von Roland Garros gegeben.

Auch Marta Kostjuk gehörte als Nummer 35 der Welt vorab nicht zum Kreis der Favoriten. Aber als sie gefragt wurde, warum sie und ihre ukrainischen Kollegen trotz der traumatischen Kriegserfahrungen, der immensen politischen und privaten Probleme zu derartigen Leistungen auf dem Tennisplatz fähig sind, hat sie darauf nach kurzem Nachdenken eine Antwort gefunden: "Ich glaube, das zeigt, dass es kein Limit an menschlichen Möglichkeiten gibt, Stress und allem, was damit verbunden ist, zu widerstehen."

Ihre Kollegin Lessia Zurenko, die in der zweiten Runde von Melbourne gegen die Weltranglistenzweite Sabalenka verloren hatte, berichtete von teilweise negativen, fast feindseligen Reaktionen, wenn sie in den sozialen Kanälen auf die Situation in ihrem Land aufmerksam mache. Viele Leute seien der Meldungen überdrüssig, "sie wollen nichts über den Krieg, keine schlechten Nachrichten hören", vermutet sie. Am Samstag hat sie gerade deshalb auf Instagram von einem Freund berichtet, der nach anderthalbjähriger Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückgekehrt sei: "Er hat 55 Kilo abgenommen und eine Infektion im Bein, aber das Wichtigste ist, dass er lebt", schrieb sie.

Bevor sie Melbourne verließ, sagte sie noch: Ein Tennismatch sei nicht mehr das Bedeutendste in ihrem Leben. "Mir geht es jetzt mehr darum, dass ich hier sein kann und über den Krieg berichte. Und ich kann Geld verdienen, dass ich dann spenden kann."

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