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Streit zwischen Tuchel und Watzke:Wo sind die Sympathien für Tuchel?

Mehrmals, vor allem nach den beiden verlorenen Spielen in Frankfurt und Darmstadt, hatte Tuchel seiner Mannschaft massiv die Qualität abgesprochen. In Frankfurt etwa sprach Tuchel von einem "kollektiven Defizit", in Darmstadt schien er seine Vorgesetzten direkt anzusprechen: Mit so einem Kader sei nun mal nicht mehr möglich, es sei ganz schwierig, den als Saisonziel geforderten dritten Platz zu erreichen. Mit einer Mannschaft, die zum Teil aus A-Junioren bestehe. Dabei haben die BVB-Spieler zusammen an die 600 Champions-League-Spiele hinter sich.

Zuvor schon hatte es die Kollisionen mit Dortmunds langjährigem Chefscout und Kaderplaner Sven Mislintat gegeben. Mislintat, der Profis wie Lewandowski oder Aubameyang für den BVB entdeckte, darf seit über einem Jahr nicht mehr bei Trainingseinheiten anwesend sein. Tuchels privater Pressesprecher wird zudem im Klub verdächtigt, Interna ausgeplaudert zu haben, um Tuchels Position zu stärken. Und selbst wenn man sich viel Mühe gibt, fällt es schwer, auf der Geschäftsstelle des BVB, in Kreisen der Gremien, bei altgedienten Ex-Spielern wenigstens den einen oder anderen zu finden, der Sympathien für den nach außen immer charmanten Thomas Tuchel bekundet.

Das ist ein bisschen verwunderlich. Aber dann auch wieder nicht. Etliche einfache Angestellte berichten von Unfreundlichkeiten. Profis, die niemals so dumm wären, sich öffentlich über ihren Trainer zu äußern, klagen zum Beispiel: "Wenn du besonders gelobt wirst vom Trainer, richtest du dich am besten darauf ein, dass du demnächst nicht mal im Kader bist."

Vor wenigen Tagen wurde etwa Nachwuchsmann Emre Mor, mit 19 immerhin schon türkischer Nationalspieler, an die 15 Minuten lang über den Trainingsplatz gescheucht. Offenbar als Disziplinierungsmaßnahme. Der Rückhalt für Tuchel und sein Trainerteam in der Mannschaft hält sich wegen solcher Dinge offenbar in Grenzen. Von einer besonders engen, menschelnden Beziehung seit dem Attentat "kann keine Rede sein, das ist eine reine Mediensache", sagt ein anderer Spieler.

Selbst in der Fußballkompetenz ist Tuchel offenbar nicht unumstritten bei seinen Vorgesetzten. Manche Punktverluste werden Tuchels oft extravaganten Aufstellungen und seinen kreativen Spielideen zugeschrieben. Die einfache Schlussfolgerung, dass es sich bei Tuchel um ein Genie handele, das leider menschlich manchmal etwas schwierig sei, will keiner so recht stehen lassen, mit dem man in den Chefetagen des BVB redet. "So viele Systemwechsel mitten im Spiel, zwei taktische Wechsel schon zur Halbzeit, das kann eigentlich nicht sein", sagt ein Spieler.

Die Ergebnisse scheinen dennoch für Tuchel zu sprechen. Mit der Qualifikation fürs Pokalfinale und dem möglichen dritten Platz sieht seine Bilanz gut aus. Dortmund empfindet es aber als ein Durchschnittsergebnis, etwa so, als würde man in München halt nur deutscher Meister.

Ob es klug war, Tuchel drei Wochen vor dem Pokalendspiel so öffentlichkeitswirksam zu touchieren, ist eine andere Frage. Vielleicht ist der Kessel nach der Aufarbeitung des Anschlagstraumas einfach übergekocht. Sicher wird es Watzke und Zorc nicht leicht fallen, der Öffentlichkeit klarzumachen, dass es in der Beziehungskiste mit Tuchel nicht darum geht, dass den beiden die Nase des Trainers nicht passt oder sie verzweifelt nach einem Dritten zum Skat suchen würden.

Einer aus dem inneren Kreis des Klubs sagt: "Wir sind vorher aus Mainz gewarnt worden, dass es schwierig werden dürfte. Wir haben darauf nicht gehört. Ein halbes Jahr ging alles gut. Dann war alles wie aus Mainz vorhergesagt." Fußballvereine sind keine Ehen. Aber wo es so sehr nach Schweiß und Leidenschaft riecht, sollte man sich zumindest gut verstehen.

© SZ vom 08.05.2017/jbe
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