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Trainer Tuchel beim BVB:Zerwürfnis in subtiler Schärfe

Es wäre ein mediatorisches Wunder, sollten Borussia Dortmund und Trainer Tuchel über das Saisonende hinaus beieinanderbleiben. Wer bitte soll da kitten?

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Auswärts in Augsburg, zu Hause gegen Bremen, in Berlin im Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt - drei Spiele noch, dann hat die Qual ein Ende. Denn ein mediatorisches Wunder, und nichts anderes wäre es, sollten der BVB und Thomas Tuchel über das baldige Saisonende beieinanderbleiben, scheint ausgeschlossen zu sein. Wer bitte soll da kitten? Dieses Zerwürfnis, das da in subtiler Schärfe auf der Ligabühne zelebriert wird. Zumal Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge aufgrund einer Konkurrenz-Klausel als Mediatoren sicher nicht zur Verfügung stehen.

Die Bayern-Bosse hätten zumindest die Kompetenz, fachkundig mitzureden. Denn in allen anderen Klubs, die tabellarisch tiefer stehen, stellt sich nahezu nie eine solche Frage: Wie entlässt man den Trainer im Erfolg? Einen Trainer, der in drei Wochen - zumindest der Formkurve nach - die DFB-Pokal-Trophäe in den Berliner Himmel recken dürfte. Nur die Bayern kannten bislang wirklich die zersetzende Macht der Worte auf allerhöchster Fußballebene; sie wissen, wie ein einziger Satz ein Ende besiegeln kann, ohne dass es vollzogen ist.

Wie 2007, als Rummenigge mit der spitzen Botschaft "Fußball ist keine Mathematik" die Trennung von Ottmar Hitzfeld, einem Mathematiklehrer, einleitete, obwohl der zweimaliger Champions-League-Gewinner war. Oder 2011, als Hoeneß den Weg übers Fernsehen wählte, indem er den knorrigen Louis van Gaal der "One-Man-Show" zieh und ihn "beratungsresistent" nannte. Zumindest der Hoeneß-Konflikt mit dem Niederländer ("Hält sich nicht für Gott, hält sich für Gottvater!") hatte allerdings amüsant-folkloristische Elemente, die jetzt in Dortmund völlig fehlen.

Innenpolitisch ist viel zu viel kaputt

Wenn man nach einem einschneidender Vorfall wie dem Anschlag auf den eigenen Mannschaftsbus nicht zusammenrückt, sondern, im Gegenteil, weiter auseinanderdriftet, kommt jede Schlichtung zu spät. Dann bringt es nicht mehr viel, die gemeinsame Fußball-Geschichte aufzuarbeiten: Wen hat der BVB falsch gekauft? Wen hat Tuchel falsch eingesetzt?

Dann fehlt jede Zukunftsbasis, ist innenpolitisch viel zu viel kaputt. Zu erforschen ist dann allerdings noch die Motivlage, weshalb BVB-Boss Watzke ausgerechnet jetzt per Zeitungsinterview den Trennungsprozess forciert - obwohl der Klub sportlich hochgradig unter Stress steht. Wer an Zufälle glaubt, ist auf der falschen Spur, dafür ist Watzke viel zu sehr Stratege, der die Trennung hinterrücks vorzubereiten versucht.

Drei Spiele noch - im Fokus öffentlicher Neugier. Inszeniert als Rosenkrieg? Oder doch als Goodbye mit einem Rest an Stil? Nämlich dann auseinanderzugehen, wenn es in Berlin am schönsten ist. Oder es wenigstens den Anschein hat.

© SZ vom 08.05.2017/ebc
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