Vierschanzentournee:Wellinger II. setzt die Pointe

Vierschanzentournee: Ob er vor seinem Finalsprung wieder einen Witz gemacht hat? Das Auftaktspringen der 72. Vierschanzentournee hat Andreas Wellinger jedenfalls gewonnen.

Ob er vor seinem Finalsprung wieder einen Witz gemacht hat? Das Auftaktspringen der 72. Vierschanzentournee hat Andreas Wellinger jedenfalls gewonnen.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Auftaktsieger Andreas Wellinger zählt inzwischen zu den arrivierten Skispringern. Doch noch immer unterscheidet sich der 28-Jährige von vielen Konkurrenten, noch immer kann er überraschen - auch dank schwieriger Erfahrungen.

Von Volker Kreisl, Oberstdorf

Es finden sich keine jungen Sieger mehr. Keine spontanen wilden jungen Skispringer, die einfach die Ski an die Stiefel klicken und sich nach unten stürzen, wie einst der junge Slowene Domen Prevc. Die Zeiten sind vorbei, fast alle besseren Springer bei dieser Tournee sind im reiferen Alter, so um die 30 Jahre. Zu ihnen zählt auch Andreas Wellinger, der erste Etappensieger der aktuellen Vierschanzentournee.

Obwohl? Tatsächlich kannte man den Namen Wellinger im Skisprungkosmos bereits seit 2011, als er als 17-Jähriger im Weltcup debütierte. Und erst recht, als er 2014 mit dem deutschen Team in Sotschi Olympiasieger wurde, da war er 19. Als fast noch Jugendlicher hatte er diese besondere Art, unter den vielen ernsten, voll konzentrierten, in sich versunkenen Skispringern. Diese Art, mit der er als fröhlicher Lausejunge das Gegenteil darstellte. Wenn man so will, war das damals Wellinger I.

Nun ist er 28 Jahre alt und zählt, was man ihm mit seinen zerzausten Helm-Haaren nicht ansieht, plötzlich zu den Arrivierten. Genau genommen war er erst kürzlich so, wie vor zehn Jahren, ganz am Anfang gestanden. Doch noch immer unterscheidet er sich von vielen Sportkollegen, und noch immer kann er die anderen überraschen mit Humor. Etwa wenn er oben in der Reihe steht, sich auf den Balken setzt, auf dem man sonst herunter auf die Kulisse starrt und in sich geht. Dann reißt Wellinger gerne noch einen Witz.

Er surfte auf einer hohen Flugkurve, weiter als alle anderen, über die grüne Linie

Wenn er das auch bei seinem Finalsprung am Freitag im Auftaktspringen der 72. Vierschanzentournee gemacht hatte, dann hat der Trick geklappt. Wellinger war kraftvoll und pünktlich abgesprungen und hoch in der Luft gestanden, er hatte eine Flugkurve mit einem lang gezogenen Bogen, auf dem er weiter surfte als alle anderen, im ersten wie im zweiten Durchgang.

Spätestens nach der Qualifikation war klar, dass der führende Wellinger im ersten Finaldurchgang als Letzter dran käme, eine Position, die nicht jedem passt. Der letzte Skispringer hat die größte Aufmerksamkeit, vielleicht im gesamten Sport in diesen Tagen, in denen fast alle Bälle ruhen. Wellinger aber scheint das zu genießen. Humor, eine gute Pointe, das sind die besten Mittel gegen Verkrampfung. Er hilft, den Konzentrationsknoten zu lösen, und auf andere Gedanken zu kommen. Wellinger hat dies nun geschafft. Am Ende trug ihn seine Lockerheit auch im Finale über die grüne Linie des Führenden.

Wellinger II. ist also die große Hoffnung von Bundestrainer Stefan Horngacher und vom deutschen Verband, der den sehnlichst erwarteten nächsten Tournee-Sieg schaffen könnte, nach Sven Hannawald im Winter 2001/2002. Horngachers kompaktes Team ist in Oberstdorf ein bisschen auseinandergerissen worden, doch immer noch haben Philipp Raimund und Karl Geiger Chancen auf einen Podestplatz.

Wellinger dürfte auch von den vergangenen Jahren profitieren, die teils gar nicht witzig waren

Ein bisschen allgemeine Unterstützung für Wellinger könnte das darstellen, allerdings nicht, wenn es um den entscheidenden Sprung geht. Dann könnten Wellinger auch jene Erfahrungen helfen, die gar nicht witzig waren.

Denn er hat in den vergangenen Jahren immer wieder schwere Zeiten hinter sich gebracht. Wellinger stürzte im Jahr 2014 schwer auf den Vorbau und zog sich mehrere Prellungen zu. 2019 erlitt er eine komplexe Knieverletzung mit Abriss des Kreuzbandes. Zum Winterende 2020 brach er sich dann noch das Schlüsselbein bei einem Urlaub in Australien.

Solche Erfahrungen, die andere Sportler schon zur Aufgabe der Karriere brachten, haben den späteren Wellinger offenbar bestärkt. In den vergangenen Tagen hatte sich der auch als Mahner erwiesen. Die Schattenbergschanze in Oberstdorf hat er nun überwunden, auch weil Wellinger lange daran gearbeitet hatte, in Extraeinsätzen, "im Sommer und im Herbst, und auch die letzte Woche war noch wichtig", sagte er.

Aus all diesen Erfahrungen, den guten wie den schlechten, gelang es dem humorigen Wellinger II., auch gewisse Prinzipien aufzustellen und zu pflegen. Seinen Sprung hat er die vergangenen Wochen verteidigt. Als es darum ging, dass er ihn vielleicht hier und da noch verändern müsse, schritt Wellinger ein. Bei einer Serie mit lauter starken Platzierungen weigert er sich etwas zu verändern, höchstens will er das Bestehende weiter perfektionieren.

Dann hängte er alle ab, stand vor der Kulisse in Oberstdorf und konnte es kaum glauben, als wäre er wieder der 17-jährige Weltcup-Anfänger: "Die Fahnen, die Stimmung, das Team, das ist alles geil." Darauf sagte Andreas Wellinger dann allerdings noch das, was einen reifen Athleten auch ausmacht: "Ich habe zum Glück immer an mich geglaubt."

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