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Skifahrerin Shiffrin:Sie konnte kaum üben auf Schnee

Kaum vorstellbar, wie sich das anfühlen muss: Wenn eine Welt zerbricht und jede Scherbe tiefe Wunden reißt; wenn dann auch noch eine Pandemie fast alle Gewissheiten vertreibt. Shiffrin konnte im vergangenen Sommer kaum auf Schnee üben; sie, die die Konkurrenz oft dank ihres gewaltigen Trainingspensums niedergerungen hatte. Sie nahm sich Zeit zu trauern, wieder Kraft und sogar eine Stimme in der politischen Arena zu finden, die sie zuvor oft gemieden hatte.

Sie appellierte an ihre Landsleute, die Corona-Pandemie ernst zu nehmen, sie ergriff auch Partei, als die Proteste gegen Rassendiskriminierung durch die USA schwappten. Sie bildete sich in Finanz- und Buchhaltung fort, in Ressorts also, die zuvor ihr Vater verantwortet hatte; sie gründete auch die "Jeff Shiffrin Belastbarkeits-Stiftung", die bis zuletzt fast drei Millionen Dollar eingespielt hat. Das Geld soll vor allem Athleten helfen, denen in der Pandemie das finanzielle Gerüst weggebrochen ist; die Arbeit an dem Projekt scheint aber auch einen therapeutischen Effekt zu haben: für Shiffrin selbst.

"Manchmal, wenn du durch eine große Tragödie gehst, sind manche Dinge in deinem Leben danach sogar besser als zuvor", sagte sie in Levi. Sie sei noch dankbarer für die Zeit, die sie mit ihrem Bruder und ihrer Mutter verbringe, letztere begleitet sie seit zehn Jahren fast ohne Pause im Weltcup ("Sie schenkt mir meine Entschlossenheit"). Shiffrin hatte sich im Sommer sogar gefragt, "ob ich überhaupt zurückkehren sollte" - der Sport, der ihr so viel bedeute, trenne sie ja auch von den wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Aber letztlich, bestätigte sie in Levi, "hoffe ich, dass es von hier aus für mich weitergeht - weil ich es will. Ich habe heute sehr viel Freude beim Rennfahren verspürt."

Noch merkte man ihr die Pause an, beim Saisonauftakt in Sölden hatte sie mit einer Rückenverletzung gefehlt. Ihre sonst so piekfeinen Schwünge ruckelten ein wenig, am Sonntag fühlte sie sich "etwas lethargisch", gab sie zu. Das Comeback hatte auch mentale Ressourcen verzehrt, sie fühle sich "emotional müde", hatte Shiffrin schon vor den Rennen gesagt: "Wie wenn du eine Verletzung hast, die du aber nicht sehen kannst." Derzeit setzt Vlhova, die zuletzt kaum Trainingszeit verpasst hat, jene Richtwerte, für die Shiffrin viele Jahre zuständig war. Aber irgendwann, beteuerte Shiffrin, wolle sie schon auch wieder Rennen gewinnen.

"Ich dachte immer, dass Belastbarkeit gleichbedeutend mit Stärke ist", hatte sie zuletzt noch gesagt. Mittlerweile wisse sie, dass man auch dann stark sei, wenn man es durch schwächere Momente schafft.

© SZ vom 23.11.2020/bek
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