Süddeutsche Zeitung

Skifahrerin Shiffrin:Die Seriensiegerin findet ein neues Glück

Nach dem Tod ihres Vaters und knapp einjähriger Rennpause dachte die weltbeste Slalomfahrerin Mikaela Shiffrin sogar ans Aufhören - jetzt gelingt ihr in Levi ein emotionales Comeback im Weltcup.

Von Johannes Knuth

"Nichts hat sich verändert", sagte Mikaela Shiffrin, "und doch hat sich alles verändert."

Und das stimmte ja auch: Petra Vlhova hatte am Samstag gerade den ersten Slalom der alpinen Saison in Levi gewonnen, 0,18 Sekunden vor Shiffrin - so weit, so gewöhnlich. Am Sonntag carvte Vlhova noch famoser durch den trockenen, finnischen Schnee, diesmal siegte sie 0,31 Sekunden vor der Schweizerin Michelle Gisin, während Shiffrin auf Rang fünf purzelte.

Vlhova und Shiffrin, so heißen mittlerweile die Siegerinnen aller 28 (!) Slaloms im Weltcup seit Januar 2017, wobei sich die 25-jährige Slowakin zuletzt immer größere Marktanteile gesichert hat: Ihr Erfolg am Sonntag war bereits ihr fünfter Sieg nacheinander in Shiffrin Lieblingsdisziplin. Auch die zaghaften Auftritte der Deutschen in Levi wirkten übrigens recht vertraut, bester Ertrag war ein 17. Platz von Lena Dürr am Samstag, am Sonntag war die 29-Jährige als 21. sogar die einzige von sieben deutschen Starterinnen, die den zweiten Lauf erreichte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Was an diesem Wochenende grundlegend anders war: Shiffrin freute sich wirklich aufrichtig über ihren zweiten Platz, das war auch in der digitalen Presserunde zu hören. Die Amerikanerin war nach zweiten Rängen früher ja meist so frostig gestimmt wie das Wetter nördlich des Polarkreises in Levi, aber nun, nach 300 Tagen Rennpause und einem Jahr, das man seinen ärgsten Feinden nicht wünscht, hatten sich die Prioritäten der Amerikanerin hörbar verschoben: "Ich habe einen zweiten Platz noch nie so sehr genossen", sagte sie, "ich hatte es im Vorfeld fast nicht gewagt, mir vorzustellen, dass ich auf dem Podium sein könnte." Denn: "Du willst nicht schon wieder enttäuscht sein, wenn um dich herum so viele schlechte Dinge geschehen."

Shiffrin war im vergangenen Februar brutal aus ihrer Routine gerissen worden: Ihr Vater Jeff, 65, lag nach einem häuslichen Unfall mit schweren Kopfverletzungen im Sterben, seine Tochter schaffte es gerade noch, nach Colorado zu fliegen und sich zu verabschieden. Sie pausierte, wollte die Saison sogar wiederaufnehmen, doch dann wurde der Betrieb komplett stillgelegt: wegen Corona. Shiffrin hatte bis dahin alle ihre Führungen in den Weltcup-Wertungen verloren, aber das sei ihr herzlich egal gewesen, beteuerte sie.

Ihre Karriere ist bis heute ein Familienprojekt, Mutter und Vater hatten sehr früh sehr viele Ressourcen investiert, um die Tochter jeden Tag noch besser zu machen. Heute, zehn Jahre nach ihrem Einstand im Weltcup, hat sie Meriten gesammelt, die für drei Athletenleben reichen, zwei Olympiasiege, drei Triumphe im Gesamtweltcup, fünf WM-Titel, 66 Weltcuprennen. Jeff Shiffrin schaute dabei meist von zuhause aus zu, er war die Kommandozentrale des kleinen Privatteams. Binnen weniger Tage war dieser "Felsen" (Mikaela Shiffrin) ins Rutschen geraten - und weggebrochen.

Sie konnte kaum üben auf Schnee

Kaum vorstellbar, wie sich das anfühlen muss: Wenn eine Welt zerbricht und jede Scherbe tiefe Wunden reißt; wenn dann auch noch eine Pandemie fast alle Gewissheiten vertreibt. Shiffrin konnte im vergangenen Sommer kaum auf Schnee üben; sie, die die Konkurrenz oft dank ihres gewaltigen Trainingspensums niedergerungen hatte. Sie nahm sich Zeit zu trauern, wieder Kraft und sogar eine Stimme in der politischen Arena zu finden, die sie zuvor oft gemieden hatte.

Sie appellierte an ihre Landsleute, die Corona-Pandemie ernst zu nehmen, sie ergriff auch Partei, als die Proteste gegen Rassendiskriminierung durch die USA schwappten. Sie bildete sich in Finanz- und Buchhaltung fort, in Ressorts also, die zuvor ihr Vater verantwortet hatte; sie gründete auch die "Jeff Shiffrin Belastbarkeits-Stiftung", die bis zuletzt fast drei Millionen Dollar eingespielt hat. Das Geld soll vor allem Athleten helfen, denen in der Pandemie das finanzielle Gerüst weggebrochen ist; die Arbeit an dem Projekt scheint aber auch einen therapeutischen Effekt zu haben: für Shiffrin selbst.

"Manchmal, wenn du durch eine große Tragödie gehst, sind manche Dinge in deinem Leben danach sogar besser als zuvor", sagte sie in Levi. Sie sei noch dankbarer für die Zeit, die sie mit ihrem Bruder und ihrer Mutter verbringe, letztere begleitet sie seit zehn Jahren fast ohne Pause im Weltcup ("Sie schenkt mir meine Entschlossenheit"). Shiffrin hatte sich im Sommer sogar gefragt, "ob ich überhaupt zurückkehren sollte" - der Sport, der ihr so viel bedeute, trenne sie ja auch von den wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Aber letztlich, bestätigte sie in Levi, "hoffe ich, dass es von hier aus für mich weitergeht - weil ich es will. Ich habe heute sehr viel Freude beim Rennfahren verspürt."

Noch merkte man ihr die Pause an, beim Saisonauftakt in Sölden hatte sie mit einer Rückenverletzung gefehlt. Ihre sonst so piekfeinen Schwünge ruckelten ein wenig, am Sonntag fühlte sie sich "etwas lethargisch", gab sie zu. Das Comeback hatte auch mentale Ressourcen verzehrt, sie fühle sich "emotional müde", hatte Shiffrin schon vor den Rennen gesagt: "Wie wenn du eine Verletzung hast, die du aber nicht sehen kannst." Derzeit setzt Vlhova, die zuletzt kaum Trainingszeit verpasst hat, jene Richtwerte, für die Shiffrin viele Jahre zuständig war. Aber irgendwann, beteuerte Shiffrin, wolle sie schon auch wieder Rennen gewinnen.

"Ich dachte immer, dass Belastbarkeit gleichbedeutend mit Stärke ist", hatte sie zuletzt noch gesagt. Mittlerweile wisse sie, dass man auch dann stark sei, wenn man es durch schwächere Momente schafft.

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Quelle:
SZ vom 23.11.2020/bek
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