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Fußball in der Premier League:Ist genug wirklich genug?

Englische Fußballfans feiern die Absage der Superliga nach ihren landesweiten Protesten. Doch trotz der Rebellion existiert das System mit steinreichen Klubeigentürmern und maximaler Gewinnorientierung fort.

Von Sven Haist

Unter den Fans des englischen Fußballs herrscht nach dieser denkwürdigen Woche eine selten erlebte Einigkeit. Ihr landesweit abgehaltener, erfolgreicher Protest gegen die geplante Super League und die absurd anmutenden Auswüchse des Neokapitalismus im elitären Profisport, er hat bei den Anhängern für ein vermeintliches Gefühl der Überlegenheit gesorgt.

Besonders bei Sympathisanten der sechs Spitzenvereine führte dieses Gefühl offenbar zur Annahme, sich nun alles erlauben zu dürfen - also auch auf die eigenen Klubs loszugehen. Angestachelt durch die auf Eis gelegte Gründung der Superliga, deren Scheitern eher fälschlicherweise auf die eigene Rebellion zurückgeführt wird, wirkt die Anhängerschaft fest entschlossen, jetzt komplett das Sagen in der Premier League zu übernehmen - zumal erst im vorigen Herbst eine Meuterei der Großklubs gescheitert war, über das "Project Big Picture" (Das große Ganze) sich ihrerseits die volle Macht zu sichern.

Am Donnerstag verschaffte sich eine rund 20 Mann starke Gruppe unrechtmäßig Zugang zum Trafford Training Centre in Carrington, dem Vereinsgelände von Manchester United. Auf mehreren Plakaten ("Glazers out" - "51% MUFC") forderte der schwarz gekleidete Mob den Verkauf des Manchester United Football Club durch die milliardenschwere amerikanische Besitzer-Familie Glazer - und für die Zukunft eine Mehrheitsbeteiligung der Mitglieder am Verein, in Anlehnung an die 50+1-Regel in Deutschland, die Mehrheitseigner bei Bundesligisten verbietet. Gleiche Ansprüche formulierten die Fans an die Eigentümer jener fünf weiteren Klubs, die neben Rekordmeister United die englischen Gründungsmitglieder der neuen Bonzenliga werden sollten. Plakatgrüße gingen also auch an:

FC Liverpool/Besitzer: Fenway Sports Group ("£nough is £nough - FSG out!"), Manchester City/Abu Dhabi United Group ("127 years destroyerd by greed - 127 Jahre Klubgeschichte zerstört von Gier"), FC Chelsea/Roman Abramowitsch ("Are 3 yachts not enough?"), FC Arsenal/Stan Kroenke ("#Kroenke out") und Tottenham Hotspur/ENIC Group ("£NIC out").

Veränderung des Wettbewerbs- und Steuerrechts

Unterstützung für diese radikalen Ansichten gab es umgehend aus den Gremien der Premier League, vom nationalen Fußballverband (FA) und sogar der Regierung, deren Premier Boris Johnson das Superliga-Vorhaben als "Kartell" geißelte. Im Austausch mit beiden Verbänden und Fanvertretern kündigte Johnson mit Sportminister Oliver Dowden gewohnt vollmundig an, notfalls bereit zu sein, eine "legislative Bombe" zu zünden. In dem explosiven Gemisch wären dem Vernehmen nach nicht nur Maßnahmen enthalten, um einen erneuten Vorstoß abtrünniger Klubs auszuschließen - sondern auch Regeln, um Expansionsdrang und Profitsucht der Klubs dauerhaft zu bändigen.

Laut der Zeitung Times hat Liga-Geschäftsführer Richard Masters bereits in Abstimmung mit der FA die aktuell geltenden Bestimmungen überprüft. Verschärft werden soll die Regel "L9", die bisher festlegt, an welchen Wettbewerben die Vereine mitwirken dürfen. Ebenso dürfte der Eigentümer- und Direktorentest, bei dem Klubbesitzer in spe vor Klubübernahmen auf ihr Geschäftsgebaren hin untersucht werden, eine weitere Inspektion erhalten.

Eine angedachte Veränderung des Wettbewerbs- und Steuerrechts könnte zudem den Spielraum der Investoren massiv beeinträchtigen. Der Fußball sei eine "der Herrlichkeiten des kulturellen Erbes dieses Landes", erklärte Johnson blumig. Daher sei es "nicht in Ordnung", Vereine "aus den Heimatorten" herauszulösen und "in internationale Waren" zu verwandeln, die ohne Rücksicht auf die Fans um den Planeten kreisen.

Durch seine Äußerungen bricht Johnson mit den Gepflogenheiten des Inselfußballs, dessen Klubs sich seit jeher vorwiegend in Privatbesitz befinden. Bereits 1888 wurde bei einem Umsatz von mehr als 1000 Pfund empfohlen, eingetragene Vereine in eine privatwirtschaftliche Struktur mit beschränkter Haftung zu überführen. Dieses Modell zog mit Gründung der Premier League 1992 und danach furios ansteigenden Fernseheinnahmen rasch Investoren aus aller Welt an. 2003 kaufte sich der russische Rohstoffoligarch Roman Abramowitsch mit der Übernahme des FC Chelsea als erster nicht-britischer Eigentümer ein - und hievte den Klub mit schwindelerregenden Ausgaben in nur zwei Saisons zur ersten Meisterschaft seit 50 Jahren.

Sogar der früher linksgerichtete FC Liverpool profitierte 2010

Ähnlich verhielt sich die sportliche Entwicklung des mit Petrodollars vom Persischen Golf aufgemotzten Manchester City nach dem Einstieg von Scheich Mansour 2008. Sogar der früher linksgerichtete FC Liverpool profitierte 2010, kurz vor der Insolvenz stehend, von einer weiteren Klubveräußerung: Für knapp eine halbe Milliarde Euro rettete die heute unter dem Namen Fenway Sports Group laufende Sportinvestmentfirma den maroden Traditionsklub.

Auch der frühere Mittelklasseklub Tottenham erlebte zu Beginn des Jahrtausends dank des Kapitalanlegers ENIC einen steilen Aufstieg. Bei ManUnited half die US-Familie Glazer, die einst den Kaufpreis auf den Verein umgelegt hatte, durch die Installation des nun bald zurücktretenden Geschäftsführers Ed Woodward, um aus dem Klub einen Umsatzgiganten zu machen. Einzig beim Amerikaner Stan Kroenke steht in Zweifel, inwieweit der FC Arsenal wirklich von seinem langjährigen Wirken profitiert hat.

Mit den milliardenschweren, global vernetzten Eigentümern hat der englische Fußball jedenfalls einen unnachahmlichen Aufstieg hingelegt. Durch immense Investitionen der Besitzer in Trainingsakademien und Stadionrenovierungen sowie nicht zuletzt in kostspielige Topspieler schlossen die Vereine neben astronomischen TV-Verträgen hoch dotierte Sponsorendeals ab - wodurch konkurrierende Spielklassen in Europa wie die Bundesliga fast den Anschluss verloren. Den Status als klare Nummer eins unter den weltweiten Ligen und die Erfolge im Europapokal hat der Inselfußball goutiert, mit Stolz aufs eigene Produkt.

Mit dem Versuch der steinreichen Klubbesitzer über die Superliga die bestehenden Strukturen aus den Angeln zu heben, hat nun aber offensichtlich der letzte Fan die Kehrseite der Privatinvestoren vor Augen geführt bekommen. Jetzt gilt es, sich zu entscheiden: zwischen einer weiterhin in jeder Hinsicht maximal gewinnorientierten Premier League - oder einem Mitspracherecht der Basis bei der künftigen Ausrichtung der Klubs. Auch wenn Letzteres auf Kosten des sportlichen Erfolgs passieren könnte.

© SZ/mok
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