Buch von Andrea Petković:Sie sieht auch die kleinen Dinge

"Alles, was ich sicher über Tennis weiß, ist, dass Tennisliebhaber auch Lebensliebhaber sind", schreibt sie. Da ist eine Athletin, die früher schon mal nach ein, zwei Fehlern auf dem Platz zusammenbrach, die in China tagelang weinte und keinen Sinn in ihrem Beruf sah, bei sich angekommen. Das spiegelt sich auch in der Sicherheit und Aufgeräumtheit ihres Erzählstils wider.

Phasenweise, vor allem wenn es explizit nicht um Tennis geht, vergisst man, dass sie "die Petko" ist, wie sie ihre Anhänger rufen. Sie ist dann einfach nur eine exzellente Kurzgeschichtenschreiberin mit der Gabe, auch kleine Dinge zu sehen, die man gerne übersieht. Besonders anschaulich wird das in jener Episode, als sie eine Musikband, die tatsächlich Tennis heißt, auf Tour durch Arizona und New Mexico begleitet und nüchtern beschreibt, wie monoton und zäh Soundchecks sind und wie wenig Energie für Sex, Drugs and Rock 'n' Roll übrig bleibt, nämlich keine.

Natürlich hat das Buch auch Schwächen, bei ihrer Liebe zum Superlativ hätte Petković jemand einfangen können. Und man spürt, dass sie manche Schilderung aus ihrem Tennisleben eher pflichtbewusst abarbeitet. Wenn sie aber frei galoppiert und ohne den Zwang zur Zuspitzung Momente dokumentarisch seziert, ergeben sich anrührende Sequenzen. Dazu zählt vor allem ihre Begegnung als junge Spielerin mit Danica, einer Begabung wie sie, voller Träume und Ängste wie sie, die doch im Tennis auf der Strecke blieb. Petković erhebt sich nicht über Danica, sondern ist da als Autorin fast nur Beobachterin und offenbart Empathie - ihr gehen Geschichten Gestrandeter nahe.

Zu denen sie sich ab und an selbst zählt. Materiell mag Petković ausgesorgt haben, sie verdiente Millionen, aber die inneren Kämpfe hörten ja nie auf. Deshalb möchte man eigentlich in ihrem nächsten Buch auch nur, dass sie sich an neue Bartresen hängt oder nächtelang durch New York streunt, ihrem "seelischen Äquivalent", und den Zufall Schicksal spielen lässt. Gerne auch, wie in diesem Buch, mit ein klein wenig literarischem Spielraum. So manch poröser Erinnerung habe sie kreativ etwas nachgeholfen.

Rollenspiele sind bei ihr indes kein Mittel zum Zweck. Dass Grenzen ineinanderfließen können, ist Ausdruck der Freiheit, die sie sich nimmt. So wurde sie auch, teils notgedrungen, sozialisiert. Sie selbst schildert offen, wie sie als Migrantenkind stets den dringenden Wunsch verspürt hatte, irgendwo dazuzugehören. Wenn man allerdings so wissbegierig und neugierig ist wie sie, gibt es eben viele Seiten, auf die man sich schlagen kann.

Das kann heute ihre Künstlerclique in New York sein und morgen ein Meeting mit ihrem Tennisteam. Deshalb ist es auch kein Widerspruch, zumindest in der Welt von Andrea Petković, dass sie in ihrem Buch philosophisch Parallelen zieht zwischen den Rivalitäten der Maler Willem de Kooning und Jackson Pollock sowie der Tennis-Asse Roger Federer und Rafael Nadal - und an anderer Stelle sich besorgt mit der Frage beschäftigt, warum sie Bikinis nicht mag.

Andrea Petković: Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht. Erzählungen. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 272 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 30.10.2020/bek
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