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NBA in der Coronakrise:Letzte Ausfahrt Disney World

Basketball: NBA - Regular season: LA Lakers v Portland

Demnächst vielleicht mit Mickey Mouse: LeBron James (links).

(Foto: Frederic J. Brown/AFP)

Die Basketballliga NBA will die Saison in einem Vergnügungspark in Florida fortsetzen - der gehört dem Konzern, dessen Sportsender viele Spiele übertragen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es hängt ja immer alles mit allem zusammen. Wer wissen will, warum jemand 560 000 Dollar für ein Paar gebrauchte Schuhe bezahlt, der sollte nachsehen, auf welchem Kanal die wahnwitzig gute und erfolgreiche Doku-Serie "The Last Dance" über die Chicago Bulls der 1990er Jahre gezeigt worden ist. Welchem Konzern dieser Sender gehört. Wo die Basketballliga NBA ihre Saison fortsetzen will. Und wann die Präsidentschaftswahlen in den USA stattfinden.

Wer all diese Punkte miteinander verbindet, erkennt in der Mitte des Netzes aus roten Fäden eine Schnittstelle aus Profisport, Popkultur, Kapitalismus und auch Politik. Die NBA sollte an dieser Schnittstelle ein Denkmal für Michael Jordan errichten, so ähnlich wie in Paris am Place de l'Étoile der Triumphbogen steht. Allerdings: Die Dokumentation "The Last Dance" ist nichts anderes als ein filmisches Denkmal für Jordan, eine zehnteilige Hommage an den Basketballspieler, größer als das Leben und verantwortlich dafür, dass es diese Schnittstelle überhaupt gibt.

Jordan kam 1984 in die NBA, und eine Folge von "The Last Dance" handelt davon, wie aus dem Basketballprofi eine popkulturelle Ikone wurde, die in Filmen mitspielte, in Hip-Hop-Liedern besungen und als Werbefigur zum Milliardär wurde. Der Schuh, der für seine erste Profisaison vom Ausrüster Nike entworfen wurde (Jordan hätte damals lieber in Adidas gespielt, auch das wird thematisiert) und den er 14 Jahre später beim letzten Auftritt im Madison Square Garden in New York trug - Modell Air Jordan 1, von Jordan getragen und signiert -, ist nun für diese irrwitzige Summe versteigert worden.

Bei einer Telefonkonferenz sprach US-Präsident Trump mit den Chefs der Sportligen

Die Serie ist kürzlich in den USA auf dem Sportkanal ESPN zu sehen gewesen, es war in Ermangelung von Live-Sportwettkämpfen genau das, was die Leute brauchten: ein Team aus Chicago, das sich im letzten gemeinsamen Jahr trotz aller Probleme zusammenrauft und am Ende siegt. In den USA sahen im Schnitt 5,6 Millionen Leute zu, so viele wie noch nie bei einer Doku von ESPN, das bereits grandiose Filme über den Boxer Mike Tyson oder den Footballspieler Michael Vick zeigte.

Der internationale Rechteinhaber, das Streamingportal Netflix, meldete 23,8 Millionen Zuschauer weltweit. Die Preise für Sammlerstücke der Protagonisten Jordan, Scottie Pippen und Dennis Rodman sind laut der Memorabilia-Plattform Stockx um mehr als 40 Prozent gestiegen.

ESPN gehört zum Disney-Konzern, und nun wird es interessant: Bob Iger, der Geschäftsführer, hatte im Februar seinen sofortigen Rückzug von diesem Amt verkündet mit der Begründung, sich lieber um kreative Aspekte im Unternehmen kümmern zu wollen: "Das ist mit dem Tagesgeschäft nicht vereinbar." Iger ist ein guter Freund von NBA-Chef Adam Silver und von Chris Paul, dem Präsidenten der Spielergewerkschaft NBAPA und Profi bei Oklahoma City Thunder. Am 17. April nahm er an einer Videokonferenz der NBA-Teambesitzer teil und sagte dabei den Satz: "Es geht um die Daten und nicht ums Datum."

Die Daten haben nun laut Informationen aus dem Umfeld der NBA ergeben, dass die nordamerikanische Basketballliga ihre Saison Anfang Juli fortsetzen will - und zwar im Freizeitpark Walt Disney World in Orlando/Florida. Die NBA hatte bei der Planung offenbar mit einem Auge auf die Baseballliga MLB geschielt, die für ihre Rückkehr aufs Spielfeld ebenfalls eine regionale Lösung bevorzugt (in Arizona und Florida gibt es jeweils mehrere Arenen in Fahrradweite); und mit dem anderen Auge auf die deutsche Basketballliga, die ihren Meister im Juni bei einem Turnier in München ermitteln will.

Die Spieler, die sich derzeit daheim oder in Trainingszentren der Klubs fit halten, sollen möglichst am 1. Juni zu ihren Teams zurückkehren. Und nun kommt die Politik ins Spiel: Bei einer Telefonkonferenz zwischen Donald Trump und den Chefs einiger Sportligen sagte NBA-Boss Silver dem US-Präsidenten, dass die NBA als erste Liga, die den Betrieb eingestellt hatte (am 12. März), gerne auch als erste wieder mit dem Spielen beginnen würde. Trumps Regierung soll den Sportligen versichert haben, beim Transport der Spieler zu ihren Mannschaften behilflich zu sein.

Das passiert keineswegs aus Altruismus: Die baldige Wiederaufnahme der NBA-Saison wäre ein Symbol dafür, dass die schlimmsten Zeiten der Coronavirus-Pandemie vorbei sind, und dass die Leute abends im Fernsehen nicht Corona-Nachrichten oder Talkshows aus den Kellern von Moderatoren gucken müssen, sondern live mit ihren Mannschaften fiebern dürfen. Die Playoffs würden dann im August oder September stattfinden, wenn womöglich auch die Footballliga NFL startet. Und man kann sich bereits den Twitter-Eintrag vorstellen, wenn Trump sich in der heißen Phase des Wahlkampfes (die Wahl findet am 3. November statt) dafür feiern würde, dass er dafür gesorgt habe, dass die Bälle wieder fliegen.

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