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Satou Sabally:"Ich will als Aktivistin gesehen werden"

Basketballerin Satou Sabally

Hat vieles im Blick, nicht nur auf dem Spielfeld: Satou Sabally, 22, sagt über sich: „Ich bin eine schwarze Frau, ich habe eine Plattform – und die will ich nutzen."

(Foto: Eric Evans/dpa)

Die deutsche Basketballerin aus der WNBA möchte die Gesellschaft verändern - ein Gespräch über Herkunft, Rassismus und Angela Merkel.

SZ: Frau Sabally, Sie tragen häufig Shirts, auf denen steht: "Mehr als ein Athlet". Was bedeuten diese Worte für Sie?

Satou Sabally: Ich will mehr sein als nur eine Basketballspielerin. Ich will als Aktivistin gesehen werden, die sich für Leute einsetzt, die das nicht selbst tun können. Ich bin eine schwarze Frau, ich habe eine Plattform - und die will ich nutzen.

LeBron James hat die Aktion "More than an Athlete" gestartet. Er war von der Fox-News- Moderatorin Laura Ingraham angeblafft worden, sich als Basketballspieler gefälligst aus politischen und gesellschaftlichen Themen rauszuhalten.

Er ist mein Vorbild - wie Serena Williams.

Deren Kampagne, "Best Athlete Ever", dreht sich auch um Gleichberechtigung.

Es ist doch so: Wenn eine Frau auf dem Spielfeld emotional ist, dann heißt es gleich, dass sie ausflippen würde. Wenn ein Mann das tut, dann heißt es: "Wie cool, dass er Emotionen zeigt." Serena hat gezeigt, wie falsch diese Sichtweise ist. Mich begeistert zudem, wie sie als Mutter auf den Tennisplatz zurückgekehrt ist. Ich denke, dass das Thema Frauenbewegung in guten Händen ist, es kümmern sich viele kluge Frauen darum. Wenn ich mich dafür einsetzen kann, dann sehr gerne. Das Thema Rassismus liegt mir derzeit jedoch mehr am Herzen - weil es so aktuell ist.

Sie haben sich auf sozialen Netzwerken zu Ahmaud Arbery geäußert, einem unbewaffneten Afroamerikaner, der im US-Bundesstaat Georgia während des Joggens von zwei Weißen erschossen wurde. Die Ermittlungen laufen schleppend.

Es sieht so aus, als würden die Verdächtigen für diese brutale und menschenunwürdige Tat deutlich kürzer im Gefängnis sitzen als ein Afroamerikaner, der mit Marihuana dealt, um seiner Familie zu helfen. Das ist doch grotesk. Ich fürchte, dass zahlreiche Menschen enttäuscht sein werden, wie dieser Fall ausgehen wird.

Was kann man tun?

Ich glaube, dass durch das öffentliche Interesse immenser Druck auf die Behörden ausgeübt wird. Das hilft. Genau dafür will ich meine Plattform nutzen. Man muss das auf sozialen Medien posten, man muss darüber reden und Debatten anstoßen. Ich rege mich schon auf, wenn Leute nicht darüber reden wollen. Jeder einzelne Sportler, der viele Follower auf sozialen Medien hat, hätte das posten müssen - damit die Leute merken, was los ist in der Welt.

Es gibt den Satz von Michael Jordan: "Auch Republikaner kaufen Schuhe." Verstehen Sie Sportler, die sich lieber raushalten und unpolitisch bleiben wollen?

Jede Person muss für sich selbst definieren, was für sie persönlich das Richtige ist . Nur: Wer darauf verzichtet, das Foto eines Erschossenen zu posten, der wird wohl auch auf der Straße nicht aktiv werden, wenn ein Schwarzer bedrängt wird. Die Frage ist: Schaut man weg oder sagt man was? Es reicht nicht, damit anzugeben, ein paar schwarze Freunde zu haben.

Sie sind vor 22 Jahren in New York zur Welt gekommen, haben ein paar Jahre in Gambia gelebt, kurz vor der Einschulung ging es nach Berlin. Wie prägt einen das?

Ich habe gelernt, überall klarzukommen. Ich bin in Berlin auf eine Schule gegangen, auf der 80 Prozent der Leute Araber und Türken gewesen sind. Auf dem College in den USA habe ich dann viele Südamerikaner kennengelernt. Meine Mutter ist eine offene Person, die überall schnell Freunde findet. Ich musste lange Zeit nicht darüber nachdenken, dass ich anders aussehe als sie. Ich habe erst beim Urlaub an der Ostsee bemerkt, dass ich schwarz bin.

Wie beim Essay "How It Feels to Be Colored Me" der Schriftstellerin Zora Hurston, in dem es heißt: "Ich fühle mich am schwärzesten, wenn ich gegen einen weißen Hintergrund gepresst werde."

Ganz genau. Es gab dort keine anderen schwarzen Leute, und es waren diese Blicke, durch die mir bewusst wurde, wie schwarz ich wirklich bin.

Wie haben Sie Rassismus erlebt?

Ich bin nicht in Deutschland geboren, aber ich bin dort aufgewachsen. Ich bin eine waschechte Berlinerin! Die schlimmste Form von Rassismus ist die, die unterschwellig daherkommt: Wenn etwa eine Frau ihre Tasche an sich zieht, wenn auf der Straße ein schwarzer Mann an ihr vorbeiläuft. Man wird nie als echte Deutsche gesehen, wenn man eine andere Hautfarbe oder einen Akzent hat. Das führt dann sofort zur Frage nach der Herkunft.

Dieses "Woher kommst du?"

Es ist eine Form von Rassismus, die sehr schwer zu ändern ist, weil die Leute nicht verstehen, was daran falsch sein soll, wenn sie so eine Frage stellen. Sie wissen nicht, was in einem vorgeht, wenn man so was gefragt wird - oder was einem durch den Kopf geht, wenn jemand seine Tasche näher an sich zieht, nur weil man eine andere Hautfarbe hat.

Wie wehrt man sich dagegen?

Ich sage dann einfach: "Mein Vater kommt aus Gambia."

Dann nicken die Leute verständnisvoll - das Weltbild ist wieder intakt.

Es stimmt ja auch: Mein Vater kommt aus Gambia, deshalb bin ich auch Gambierin. Beim Essen steht zum Beispiel nach gambischer Tradition ein riesiger Teller auf dem Tisch, von dem sich jeder bedient - das führt dazu, dass man sich unterhält. Wir sind sowieso eine laute Familie.

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