Martin Hinteregger:Kratzer auf einer Volksfußballerkarriere

Lesezeit: 4 min

Martin Hinteregger: Hintis Cup: Der im Finale verletzte Martin Hinteregger (links) nach dem Europa-League-Sieg mit Eintracht Frankfurt im Mai.

Hintis Cup: Der im Finale verletzte Martin Hinteregger (links) nach dem Europa-League-Sieg mit Eintracht Frankfurt im Mai.

(Foto: Florian Ulrich/Imago)

Martin Hinteregger gilt als Fanliebling bei Eintracht Frankfurt. Seit einer Woche muss er sich gegen den Vorwurf wehren, mit einem rechten Politiker zusammengearbeitet zu haben. Es könnte ein Wendepunkt seiner Laufbahn sein.

Von Felix Haselsteiner

Sportlich gesehen wird der 1. Hinti-Cup genau so stattfinden wie geplant. In Sirnitz und den umliegenden Ortschaften treten am Samstag etwa 60 Kinder- und Jugendmannschaften an, lokale Teams treffen dann auf angereiste aus Frankfurt und anderen Regionen Deutschlands - und das alles könnte unter der Kärntner Juni-Sonne in dem Fest enden, das eigentlich mal geplant war: mit DJ Ötzi als Entertainer, mit einer Siegerehrung für die Kinder - und im Zentrum. Martin Hinteregger als Initiator seines eigenen Jugendturniers.

Ganz so ausgelassen dürfte die Stimmung allerdings nicht werden, zumindest wird DJ Ötzi nicht dabei sein. Die große Abendveranstaltung am Samstag wurde abgesagt, nachdem der österreichische Investigativjournalist Michael Bonvalot recherchiert hatte, dass das Event in Zusammenarbeit mit Heinrich Sickl, einem ehemaligen FPÖ-Gemeinderat und Burschenschaftler, organisiert worden war, dem die "Hinti-Event GmbH" zu einem Drittel gehörte. Hinteregger, 29, distanzierte sich daraufhin erst in einer etwas schwammigen Botschaft auf Instagram von der Zusammenarbeit. Dann entschuldigte er sich gegenüber dem ORF deutlicher dafür, sich nicht genauer über Sickl informiert zu haben. Im Nachhinein sei es "schockierend" zu erfahren, für welche politische Richtung dieser stehe, sagte Hinteregger.

Ein Vertreter der neuen Rechten, der mit einem Fußballprofi zusammen ein Jugendturnier veranstaltet - auf Bonvalots Recherche folgte ein gewaltiges Medienecho. "Rechtsradikal?", "Jetzt auch noch Verbindungen zu Rechtsextremen", "Kontakte in rechte Szene", das waren die Schlagzeilen der vergangenen Woche, die selbst für einen boulevarderprobten Fußballer wie Hinteregger Wirkung haben dürften.

"Auf meiner Karriere wird es einen kleinen Kratzer hinterlassen, aber jeder, der mich in diese Ecke stellen will, weiß, dass das Schwachsinn ist", sagte Hinteregger dem ORF. Der SZ stand er nicht für ein Gespräch zur Verfügung.

Der Name Sickl ist bekannt, seine Mutter war einst Ministerin

"Wenn man nicht gerade ein spezifisches Interesse an rechtsextremer Publizistik oder der Grazer FPÖ hat, kennt man Herrn Sickl nicht", sagt Bernhard Weidinger, der in Österreich zu Rechtsextremismus forscht und daher zumindest einordnen kann, mit wem Hinteregger sich für die Organisation des Konzerts zusammengetan hatte. Dennoch sei es schwer vorstellbar, "dass man sich über einen Geschäftspartner nicht informiert".

Sickl ist lokal allein schon aufgrund seines Namens bekannt. Seine Mutter Elisabeth, eine ehemalige Bundesministerin der FPÖ, besitzt nahe der Ortschaft das Schloss Albeck, ein Kulturzentrum. Ob die politische Gesinnung da ebenso unbekannt war, bleibt offen. In einem Punkt verteidigt Weidinger Hinteregger allerdings: "Selbst wenn das Camp in der ursprünglich vorgesehenen Form stattgefunden hätte, darf man annehmen, dass dort keine weltanschauliche Schulung stattgefunden hätte."

"Herr Sickl ist ein Wirt und hat mit den Sportvereinen, die den Cup organisieren, nichts zu tun", sagt Franz Hinteregger. Martins Vater ist Jugendleiter bei der SGA Sirnitz, dem lokalen Fußballverein, bei dem auch sein Sohn die Karriere begann. Vier deutsche Teams hätten "aufgrund der Umstände" abgesagt, berichtet Hinteregger Senior, der das Turnier mitorganisiert. Es sei eine herausfordernde Woche gewesen: "Die Betroffenheit ist diesmal so stark, weil er nicht einmal selbst schuld ist und trotzdem durch den Dreck gezogen wird - und zwar von allen", sagt Franz Hinteregger auch mit Blick auf frühere Eskapaden: "Martin hatte Aktionen, wo er das ein oder andere Glas Bier zu viel hatte oder wo er eben ehrlicherweise etwas herausposaunt hat." Diesmal aber hätten die Vorwürfe eine andere, rufschädigende Ebene.

Im besten Fall ist Hinteregger ein herausragender Innenverteidiger der rustikalen Sorte

Als Jugendlicher wechselte Hinteregger einst aus Sirnitz in die RB-Akademie nach Salzburg, Dort kritisierte er einige Jahre später die Zusammenarbeit mit RB Leipzig. Er selbst wollte nicht zu den Sachsen und gelangte über Gladbach nach Augsburg. Dort gab er dem damaligen FCA-Trainer Manuel Baum öffentlich Kontra und wurde nach Frankfurt verliehen. Im anschließenden Sommer 2019 machte ein Video vom betrunkenen Hinteregger auf einem Tiroler Dorfplatz während des Augsburger Trainingslagers die Runde. Es folgte der feste Wechsel nach Frankfurt - und dort gelang der Aufstieg zum Fan-Liebling mit eigenem Fan-Club namens "Hinti-Army". Sein Anteil am historischen Frankfurter Europa-League-Sieg dieses Jahr ist groß, auch wenn er das Finale verletzt verpasste.

Im besten Fall ist Hinteregger ein herausragender Innenverteidiger der rustikalen Sorte und ein Charakter, wie ihn sich manche im Fußball wünschen: Er hätte nach eigenen Angaben lieber in den Achtzigerjahren gespielt, in einer Zeit, in der ein "lustigeres, authentischeres Leben" möglich gewesen wäre, sagte Hinteregger einmal.

All dies ergibt das Bild eines volksnahen, manchmal am Rande des guten Geschmacks wandelnden Profis mit Hang zur Disziplinlosigkeit, der in seinen Mannschaften allerdings stets beliebt und geschätzt war. Einer, der schon in Augsburg eine Jugendmannschaft trainierte und zu dem es auch passt, dass er in seiner Heimat ein Jugendturnier veranstaltet. "Martin hat eine ukrainische Familie in Frankfurt einquartiert, hat über ein Jahrzehnt mit unzähligen Nationen in Salzburg und Frankfurt zusammengespielt", sagt sein Vater: "Dann zu sagen, dass so jemand rechts ist, das hat mir ehrlich wehgetan."

In Sirnitz haben sich zum Hinti-Cup nun zahlreiche Medien angekündigt. Hinteregger wird sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, warum ihm offenbar das politische Bewusstsein bei der Wahl eines Geschäftspartners fehlte. Sollte Hinteregger richtige Antworten darauf finden, könnte es bei den nächsten Fragen dann wieder darum gehen, wo er seine nun mit einem Kratzer mehr versehene Karriere fortsetzen wird. Frankfurt, so erzählte es kürzlich Hinteregger selbst, hatte ihm zwischenzeitlich einen Abschied im Sommer nahegelegt.

Inzwischen scheint ein Verbleib bei der Eintracht wieder möglich zu sein. Doch wie ist es um die Beziehung zwischen Klub und Spieler gerade bestellt? In einem Statement zum Fall, in dem Frankfurt den Verteidiger zur Distanzierung vom rechten politischen Spektrum aufforderte, hieß es: "Die Verantwortlichen des Klubs haben Hinteregger bisher noch nicht erreicht."

Zur SZ-Startseite

Österreichs Nationalmannschaft
:Bitte nicht gratulieren!

Unentschieden gegen Weltmeister Frankreich, stellenweise auf Augenhöhe mit den Großen - Österreichs erste Wochen unter Ralf Rangnick starten sehr erfolgreich. Doch der neue Teamchef ist noch lange nicht zufrieden.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB